Sein wahres Gesicht

Lee Child
Sein wahres Gesicht

(Jack Reacher-Serie, Bd. 3)

Originaltitel: Tripwire (London : Bantam Press/Transworld Publishers/The Random House Group Ltd. 1999)
Übersetzung: Wulf Bergner
Deutsche Erstausgabe: August 2002 (Blanvalet Verlag/TB Nr. 35692)
502 S.
ISBN-13: 978-3-442-35692-8
eBook: Januar 2013 (Blanvalet Verlag)
1016 KB
ISBN-13: 978-3-641-09257-3

 

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Das geschieht:

Jack Reacher, ehemaliger Elite-Soldat und Militär-Polizist, ist auf seiner ziellosen Reise durch die USA in Key West, Florida, gelandet. Dort verdingt sich nach Feierabend als Leibwächter in einer Oben-ohne-Bar, wo ihn Privatdetektiv Costello anspricht, der ihn im Auftrag einer „Mrs. Jacob“ aus New York finden soll. Reacher hat keine Ahnung, wer dies ist, und hält sich daher im Hintergrund, was klug ist, denn Costello hart auf den Fersen sind zwei Schläger, die dem Detektiv auflauern, ihn nach Reacher ‚befragen‘ und, als er nichts preisgeben kann, brutal umbringen.

Reachers Ermittler-Instinkte brechen wieder durch. Er reist nach New York, wo er feststellt, dass „Mrs. Jacob“ Jodie Garber ist, die Tochter seines verehrten militärischen Lehrmeisters und väterlichen Freundes General Leon Garber, der gerade einem Herzleiden erlegen ist. In den letzten Lebenswochen beschäftigte ihn der Victor Hobie, der vor fast dreißig Jahren als hoch dekorierter Helikopter-Pilot im Vietnamkrieg verschollen ist. Das Militär mauerte, und Garber wollte den Grund herausfinden. Er konnte noch in Erfahrung bringen, dass Hobie bei einem Absturz schwer verletzt und verstümmelt wurde. Er desertierte aus dem Lazarett, tötete dabei einen Kameraden und verschwand mit viel Geld, das er durch allerlei krumme Geschäfte ergaunert hatte. Ein Mustersoldat als übler Gauner: Dies war dem Militär so peinlich, dass es Hobies Akte einfach schloss.

„Hook“ Hobie – den rechten Unterarm ersetzt ein stählerner Haken – ist schon lange in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt.und ist als Kredithai in New York tätig. Gerade will er den Kleinindustriellen Chester Stone um seine Firma und sein Privatvermögen bringen. Dies braucht Zeit, die Hobie durch seine üblichen Praktiken – Einschüchterung, Kidnapping, Folter und Mord – nur unwesentlich abkürzen kann.

Dabei wird eng für Hobie, der weiß, dass Jack Reacher in der Nachfolge General Garbers seine Spur aufgenommen hat. Aus Vietnam melden ihm Spitzel, dass die Mitarbeiter der zentralen Identifizierungsstelle des US-Heeresministeriums, die immer noch die Gefallenen des Vietnamkrieges bergen, das Wrack ‚seines‘ Hubschraubers gefunden und bemerkt haben, dass eine Leiche fehlt – ein Hinweis, den Reacher korrekt einschätzen und seine Jagd fortsetzen wird …

Nicht aller guten Dinge sind drei

Der dritte Reacher-Thriller erschien hierzulande als vierter – der Verlag hatte die beiden Bände offensichtlich vertauscht und kümmerte sich wohl auch nicht um die korrekte Reihenfolge. Zwar folgt die Serie einem chronologischen Faden, doch bleiben die Verbindungen zwischen den Bänden so locker, dass solche Dreher das Verständnis nur in Details erschweren. Die Einwände richten sich gegen das Werk selbst. „Sein wahres Gesicht“ fällt gegen die grandiosen Bände 1 und 2 deutlich ab. Dabei ging Verfasser Child von der (rasch revidierten) Prämisse aus, seinen Helden nicht weiter durch die USA ziehen, hier und da Station machen und dabei Lumpenpack in Legionsstärke ausrotten lassen zu müssen.

Reacher sollte sich weiterentwickeln. Zunächst geht Childs Rechnung auf. Sein Held bekommt eine Vergangenheit; keine großartige, aber eine überzeugende: Reacher wird zum Mann ohne Wurzeln, der ein Leben führte, für das die Armee die Verantwortung übernahm. Als die ihn buchstäblich ausrangierte, warf ihn das aus der Spur. So ist seine ziellose Reise durch Amerika auch eine Flucht vor der Verantwortung, die ihm nun hart auf den Fersen ist und ihn einholen wird, sobald er zur Ruhe kommt. Der harte Reacher fürchtet sich davor, der Leser nimmt es hin und muckt nicht einmal auf, als auch noch Amor ungelenk zuschlägt.

Heikel wird es erst, als sich die zunächst undurchsichtige Story des Komplotts, das dieses Mal direkt auf Reacher zielt, allmählich zu entwirren beginnt. Zum Vorschein kommt ein reichlich abgegriffener Plot. Darüber hinaus stimmt Child noch einmal das uralte Vietnam-Klagelied an. Aus dem realen Asien-Desaster ist für die Unterhaltungsindustrie ein Bühnenbild mit fixen Konstanten geworden: Jawohl, dieser Krieg war Unrecht, aber der brave Durchschnittssoldat wurde von einer kleinen Schar korrupter Politiker und Kriegsgewinnler mindestens ebenso aufs Kreuz gelegt wie die Vietnamesen.

Gerade noch die Kurve gekriegt

Das ist natürlich hanebüchen, aber in genau dieses Fahrwasser steuert Child. Dass Reacher als Ex-Soldat nicht gerade auf die Flagge spuckt, damit hatten wir gerechnet, aber dass er nun ständig den Drang verspürt, sogar vor morschen Knochen zu salutieren, um den „den Jungs“ in „Nam“ seine Reverenz zu erweisen, ist doch ein reichlich starkes Stück.

Solche pseudo-tragischen, dreist auf des Lesers Tränendrüse drückenden Intermezzi lenken nicht von den Schwächen der eigentlichen Thriller-Handlung ab. Die zugrunde gelegte Idee ist prinzipiell gut: Ein Gauner kann nicht vom letzten Coup lassen und schlägt die eigenen Regeln in den Wind; die Gier bringt ihn letztlich zu Fall. Doch „Hook“ Hobie ist eine Knalltüte: das hässliche, böse Monster aus dem Märchenbuch. Childs Versuche, ihm ausgerechnet durch Brutalität Überlebensgröße zu verleihen, fallen flau aus. Während Reacher und Jodie an einem Ende dem Hobie-Rätsel hinterher jagen, bleibt die Spinne in ihrem Netz hocken. Immer wieder tun sich gähnende Löcher in der Handlung auf.

Was man vermisst hat, wird im Finale offenbar: Endlich wacht Reacher aus seinem Bin-jetzt-brav-Dämmer auf und findet zu seiner alten Kompromisslosigkeit zurück. Für politisch korrekte Tugendbolde ist jetzt Endstation: Nun wird der Gerechtigkeit auf amerikanische Art zu ihrem Recht verholfen – mit stärkerer Feuerkraft, als sie der Gegner aufbringen kann. Schrecklich, schrecklich, aber spannend, und nur dieser Amoklauf à la Taxidriver rettet „Sein wahres Gesicht“ ins Ziel, denn Hobie enttäuscht auch in der großen Schluss-Konfrontation auf der ganzen Linie.

Was bleibt, ist ein flott geschriebener, kurzweiliger Thriller mit tollen Action-Sequenzen, der aber insgesamt nur durchschnittlich bleibt. Von Lee Child ist man wesentlich besseres gewohnt. Erfreulicherweise machte er diesen Ausrutscher schon mit dem folgenden Band wieder wett.

Autor

Lee Child wurde 1954 als Jim Grant im englischen Coventry geboren. Nach zwanzig Jahren Fernseh-Fron (in denen er u. a. hochklassige Thriller-Serien wie „Prime Suspect“/„Heißer Verdacht“ oder „Cracker“/„Ein Fall für Fitz“) betreute, wurde er 1995 wie sein späterer Serienheld Reacher ‚freigestellt‘.

Seine Erfahrungen im Thriller-Gewerbe gedachte Grant nun selbstständig zu nutzen. Die angestrebte Karriere als Schriftsteller ging er generalstabsmäßig an. Schreiben wollte er für ein möglichst großes Publikum, und das sitzt in den USA. Ausgedehnte Reisen hatten ihn mit Land und Leuten bekannt gemacht, sodass die Rechnung schon mit dem Erstling „Killing Floor“ (1997, dt. „Größenwahn“ aufging. 1998 ließ sich Grant, der sich als Autor „Lee Child“ nennt, in seiner neuen Wahlheimat nieder und legt seither mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks in jedem Jahr ein neues Reacher-Abenteuer vor. Zehn sollten es ursprünglich werden, doch zur Freude seiner Leser ließ der anhaltende Erfolg Child von diesem Plan Abstand nehmen.

Man muss die Serie übrigens nicht unbedingt in der Reihenfolge des Erscheinens lesen. Zwar gibt es einen chronologischen Faden, doch der ist von Child so konzipiert, dass er sich problemlos ignorieren lässt. Jack Reacher beginnt in jedem Roman der Serie praktisch wieder bei null.

Aktuell und informativ präsentiert sich Lee Childs Website.

Copyright © 2015/2017 by Michael Drewniok (md)

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