Sherlock Holmes und der Werwolf

Klaus-Peter Walter
Sherlock Holmes und der Werwolf
Sherlock Holmes – Neue Fälle 4

(sfbentry)
Blitz Verlag, Windeck, 01/2013
TB, Krimi, Mystery
ISBN 978-3-89840-338-2
Titelmotiv von Mark Freier

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„Seit einigen Tagen halte ich mich, anders als früher, nicht mehr in meinem Park auf, denn es haust offenkundig jemand darin. Genauer gesagt ein haariges Ungeheuer auf zwei Beinen, bekleidet mit einer Hose, einer alten Jacke und einem großen Hut. Ich habe es selbst gesehen, wie es sich an den Brombeeren delektierte. Ein Wesen wie nicht von dieser Welt. Wie aus einem Schauerroman! Ah, ich sehe, Sie besitzen ein Exemplar des „Dracula“. Ob ich es mir einmal ausleihen dürfte, wenn Sie es gelesen haben?“

Es ist 1897, das Erscheinungsjahr von Bram Stokers Roman „Dracula“, der Leser und Kritiker zunächst in zwei Lager spaltet. Zusätzlich zu den brütenden Londoner Sommertemperaturen suchen gleich zwei neue Klienten kurz nacheinander Sherlock Holmes in der Baker Street auf. Ein Apotheker glaubt, in seinem Garten einen Werwolf gesehen zu haben, und Mrs Trewhella berichtet, dass ihr durch eine seltene Krankheit entstellter Bruder samt seinem behandelnden Arzt spurlos verschwunden ist. Weitere Meldungen aus ganz London, die seltsame Vorkommnisse mit missgebildeten Personen betreffen, lassen schließlich eine ganze Reihe an offenbar zusammenhängenden Ereignissen erkennen. Blutleere Leichen und ein anonym zugestelltes Manuskript führen Holmes und Watson schließlich zu einem gewissen Dr. Antrennewski, den die beiden Freunde bis nach Wien verfolgen, wo der Wissenschaftler ihnen eine Falle stellt.

„Was ich da, schwach beleuchtet von dem aus Mrs. Hudsons Wohnzimmer fallenden Licht, erblickte, schien direkt aus einem Dracula-Roman entsprungen zu sein. Ich sah ein Gesicht wie ich es […] noch nie im Leben gesehen hatte und auch nie mehr zu sehen hoffe. Stirn, Wangen, Nase und Kinn waren wie bei einem Tier mit einem dichten, schwarzen Haarkleid überzogen. Die Augenbrauen hoben sich als dickere Büschel langer borstiger Haare ab. Die Lippen waren aufgeworfen und gaben den Blick auf zwei Reihen überlanger Wolfszähne frei.“

Bis der Roman endlich startet, werden dem Leser gleich zwei Vorbemerkungen ans Herz gelegt. Zunächst zieht sich Autor Klaus-Peter Walter auf die Rolle des Herausgebers zurück; die Geschichte seien ihm von einem ihm unbekannten Absender auf einem USB-Stick zugesandt worden. Nach eingehender Prüfung kommt er zu dem Schluss, dass es sich um eine Fälschung handeln muss, da der Text nicht wenige Zitate enthält, die John Watson gar nicht gekannt haben kann bzw. da schlicht historisch belegbare Fehler enthalten sind. Das bekannte und oft bemühte Spiel um ein ‚verschollenes Sherlock Holmes-Manuskript‘ funktioniert normalerweise als vom Leser bereitwillig akzeptierte Einstimmung.

Doch Klaus-Peter Walter geht noch einen Schritt weiter und sagt hier schon sinngemäß: „Ich habe hier ein absichtlich historisch unkorrektes Bild abgeliefert und enttarne/verbessere mich selbst bzw. reibe so jedem, den es interessiert oder nicht, meine Belesenheit und literarische Sattelfestigkeit unter die Nase, auch wenn sie hier grade mal nicht reinpasst.“ Als Leser fühlt man sich damit hier schon halb verhohnepiepelt.
Die zweite Vorrede, die auf das Jahr 1929 datiert ist, wird schließlich John Watson (oder dem Fälscher des Dokuments) zugeschrieben und baut auf die Ereignisse in Klaus-Peter Walters Roman „Sherlock Holmes im Reich des Cthulhu“ (BLITZ-Verlag, 2008) auf. John Watson ist hier aufgrund der Strahlenkrankheit (aus besagtem Roman) dem Sterben nahe und verbittert ob Holmes Bösartigkeiten ihm gegenüber. Dieser dagegen scheint in der Bienenzucht einen wahren Jungbrunnen gefunden zu haben. Damit verpasst Klaus-Peter Walter seinem Roman einen unnötig depressiven Start.

Die eigentliche Romanhandlung setzt schließlich im Jahr 1897 ein, in dem Bram Stokers Schaueroman „Dracula“ erschien, den John Watson sehr zum Missfallen seines Freundes mit Begeisterung verschlingt. Dieser schiebt die gehäufte Sichtung von Werwölfen und den Verdacht vampirischer Tätigkeiten in London zunächst auf die massenhafte Hysterie, die das Buch anscheinend unter den Hauptstadtbewohnern ausgelöst hat. Seine Ermittlungen und die Begegnung Watsons mit einem leibhaftigen Wolfsmenschen belehren ihn jedoch bald eines Besseren.

Dr. Antrennewski, der offensichtliche Drahtzieher hinter den Ereignissen, erweist sich als der Vater von unter Hypertrichose (extremer Haarwuchs) leidenden Zwillingen. Mit Hilfe fragwürdiger Experimenten will er eine Heilung dieses Zustandes herbeiführen, wozu er entstellte Leichen ‚sammelt‘, an denen er seine Forschungen betreibt. In Wien angekommen wird schließlich Watson zum Hauptprotagonisten des Romans, der als ausführendes Organ des ‚Mad Scientist‘ Antrennewski, eines Bruders im Geiste von Viktor Frankenstein, Holmes Gehirn in einen künstlichen Menschen verpflanzen soll. Und damit wäre schließlich auch das Triumvirat der klassischen Universal-Monster, „Dracula“, „Frankenstein“ und „Der Wolfsmensch“, komplett vertreten. Und auch „Die Mumie“ wird zumindest erwähnt.

Autor Klaus-Peter Walter kann man nach zahlreichen Anthologiebeiträgen (u. a. in „Sherlock Holmes – Das ungelöste Rätsel“, „Sherlock Holmes – Der verwunschene Schädel“, beide Voodoo Press), dem Crossover-Roman „Sherlock Holmes im Reich des Cthulhu“ und der Sammlung „Sherlock Holmes und Old Shatterhand“ (beide BLITZ-Verlag) ohne Übertreibung als „Sherlock Holmes“-Experten bezeichnen.

Dabei beherrscht er nicht nur Abenteuer im klassischen Stil, ebenso gerne macht er den Detektiv und seinen Begleiter zum Spielball fantastischer Ereignisse. Außerdem frönt Klaus-Peter Walter wie Kollege Christian Endres, den er an einer Stelle grüßt, dem Crossover. Dankenswerterweise hat er sich hier gegenüber „Sherlock Holmes im Reich des Cthulhu“ zurückgehalten und sich eher auf den Plot konzentriert. Ganz kann er es jedoch nicht lassen, so haben neben den Universal-Monstern auch Stan Laurel (als Baker Street Irregular), Professor Henry Higgins (aus „My Fair Lady“) und „Die Affenfrau“ Julia Pastrana einen Auftritt. Mit letzterer schlägt der Autor sogar – bewusst oder unbewusst – eine Brücke zum Pastiche-Hörspiel „Die Affenfrau“ (Titania Medien, 2012), in dem Holmes und Watson die abhanden gekommene Mumie von Julia Pastrana wieder beschaffen müssen.

Zwar wirkt „Der Werwolf“ wesentlich kompakter als noch „Cthulhu“, doch sind auch hier zeitweise einige Temposchwankungen erkennbar, die der bremsenden Schilderung des Wiener Stadtbilds und lokaler Wiener Gepflogenheiten geschuldet sind. Dadurch drängt sich der Eindruck auf, dass der Autor nur sein – zugegeben umfangreiches – Recherchewissen ‚an den Mann‘ bringen wollte. Insgesamt hätten der Geschichte eine moderate Straffung und der Verzicht auf das unglückliche Vor- sowie das reichlich zusammenhanglos angepappte Nachwort, wo noch eine Verbindung von „Sherlock Holmes“ zu „James Bond“ ‚aufgezeigt‘ wird, gut getan.

Was die Verarbeitung angeht, ist das Taschenbuch von gewohnt guter Qualität und sieht auch nach der Lektüre noch aus wie neu. Layout und Schriftsatz sind sehr angenehm; Mark Freiers Coverillustration zeigt Holmes und Watson, die auf einem nebelverhangenen Friedhof einen Grabstein flankieren. Wohl in Anlehnung an die Exhumierungsszene des Romans. Ein Fehler hat sich auf den Buchrücken geschlichen, wo statt Klaus-Peter Walter J. J. Preyer als Autor genannt ist.

Wieder einmal versteht es „Sherlock Holmes“-Profi Klaus-Peter Walte,r einen originellen und gut aufgebauten Crossover-Roman abzuliefern, diesmal mit den klassischen Universal-Monstern der frühen 1930er Jahre. Dem Lektorat sei etwas mehr Mut zur Streichung nicht plotrelevanter Szenen nahegelegt.

Copyright © 2014 by Elmar Huber (EH)

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