Sherlock Holmes und die Moriarty-Lüge

J. J. Preyer
Sherlock Holmes und die Moriarty-Lüge
Die neuen Fälle des Meisterdetektivs Sherlock Holmes 2

(sfbentry)
BLITZ-Verlag, Windeck, 05/2012
TB, Krimi
ISBN 978-3-89840-336-8
Titelillustration von Mark Freier

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J. J. Preyer erzählt eine spannende „Holmes“-Episode, in der sowohl James Moriarty, Sherlock Holmes’ Erzfeind, aber auch Mary, Dr. Watsons Frau, einen neuen, eigenen  Background erhalten. Und, das sei vorweggenommen, ist das Großartige an diesem Roman! Denn der Autor versteht es, exzellent die ‚geschichtlichen‘ Fäden um Moriarty mit Marys Vorgeschichte zu verweben, ohne dass es konstruiert wirkt. Mary Watson wird in diesem Roman als ehemalige – wenn auch unfreiwillige – Spionin entlarvt, die von ihrem Vater und Moriarty, mit dem er unter einer Decke steckt, auf Dr. Watson angesetzt wurde, um durch ihn mehr über Sherlock Holmes in Erfahrung zu bringen. Womit die beiden Männer jedoch nicht gerechnet haben, ist, dass sich Mary ehrlichen Herzens in Dr. Watson verliebt und ihn heiratet. Moriarty will auf die höchsten Ämter des Staates Einfluss nehmen, aber auch Holmes in die Knie zwingen. Zu dem Zweck lässt er Mary entführen. So sehen sich Holmes und Watson in der Situation, die Befreiung von Mary anzustreben und den Kampf gegen Moriarty, seine Organisation und Machenschaften aufzunehmen.

Holmes erforscht dafür das Umfeld der Watsons und hört in einer Teestube direkt gegenüber der Praxis seines Freundes, dass zwei bis drei Jahre jeden Donnerstag eine schwarze Kutsche vor dem Haus der Watsons gehalten habe, der ein Mann entstieg, der mit Mary für etwa eine Stunde in den Regent’s Park ging und sich von ihr mit einem Wangenkuss verabschiedete – was auf eine gewisse Vertrautheit schließen lässt. Von eben jener Kutsche, die seit einem halben Jahr nicht mehr erschienen ist, und zwei Männern wurde Mary am Tag ihres Verschwindens abgeholt. Wie weit Moriarty seine dunklen Finger ausstreckt und sein Spinnennetz webt, wird bewusst, als der heimliche Geliebte des Premierministers ermordet wird, was wohl von Moriarty arrangiert wurde. Damit aber natürlich nicht genug: Selbst die Queen bleibt nicht verschont.

Mit Hilfe von Sherlock Holmes wird Mary gegen ein Lösegeld befreit. Holmes spricht darauf mit ihr und sagt ihr auf den Kopf zu, dass sie zu Anfang von ihrem Vater auf Watson angesetzt wurde, um ihn und Holmes auszuspionieren – was sie zugibt und ihm verrät, dass der wöchentliche Besucher immer ihr Vater war, zu dem sie aber eine sehr kritische Beziehung hat. Als sie sich in Watson verliebte, weigerte sie sich, mit ihrer Spionage fortzufahren, und wurde so für ihren Vater und Moriarty gefährlich. Mary wurde auf Moriartys Herrensitz Kenwood House festgehalten. Holmes fragt sich, warum die beiden Männer Mary nach der Entführung nicht töteten, sondern sie gegen das Lösegeld austauschten. Welchen Nutzen sieht Moriarty noch in Mary? Diese Frage gilt es zu klären. Ebenso welcher Plan hinter Moriartys gesamten Ränkespielen steckt. Der Leser erfährt auch mehr über Marys Herkunft: Ihr Vater ist wie Moriarty Mathematiker, und Mary vermutet, dass er die Ursache des Todes ihrer Mutter war. Mary wuchs daraufhin in einem Internat in der Schweiz auf.

Holmes bleibt erst einmal im Hause der Watsons. Als er dort eine Überdosis Kokain zu sich nimmt, müssen er und die Watsons feststellen, dass die Lösung durch eine mit doppelter Konzentration ersetzt, sprich, ein Mordanschlag auf Holmes verübt wurde. Schnell kommt heraus, dass die langjährige Haushälterin der Watsons mitsamt ihrer Habseligkeiten verschwunden ist, somit vermutlich eine Agentin Moriartys war, die wohl auch an Watsons rätselhafter Erkrankung zu Anfang des Romans Schuld trug. Holmes zieht wieder in seine Wohnung in der Baker Street. Mittlerweile wurde auch die Queen durch Moriartys Manipulationen denunziert, indem das Gerücht in die Welt gesetzt wurde, sie habe ein unschickliches Verhältnis mit Abdul Karim, ihrem jungen, exotisch schönen, indischen Diener. Überhaupt ranken sich einige Plots dieses Romans um Liebschaften – einige homosexuelle – und verquicken die einzelnen Fäden miteinander. Francis Douglas, der ermordete Privatsekretär und heimliche Geliebte des Premierministers, war z. B. ein Bruder von Lord Alfred Bruce Douglas, der wiederum ein Liebhaber von Oscar Wilde sein soll. Wildes Vater wiederum war früherer Arzt der Queen. Durch ein Gerichtsverfahren wurde Oscar Wilde der homophoben Veranlagung überführt und sitzt im Gefängnis – mittellos und ausgestoßen aus der Gesellschaft.

Holmes will Wilde unbedingt sprechen und sucht danach auch Robert Baldwin Ross auf, Wildes Lektor, Freund und Ex-Geliebten. Von ihm erbittet er sich Wildes letztes Theaterstück „Ernst sein ist alles“, weil er vermutet, dass der Schriftsteller darin irgendjemandem zu nahe getreten ist. In dem Stück geht es um zwei reiche Lebemänner, die ein unmoralisches Doppelleben führen. Danach führt Holmes’ nächster Weg zu der Mutter und dem Bruder von Oscar Wilde. Auch dort erfährt er einige wesentliche Puzzlestücke – dennoch kommt Holmes bei seinen Nachforschungen nur mühsam voran. Jedoch wird immer klarer, dass zwischen den Familien Moriarty und Wilde früher eine Verbindung bestanden hat, in der wohl besonders Moriartys Mutter eine tragende Rolle innehatte – sie war schön, sehr schön, aber auch durch und durch böse …

Die Handlung dieses Romans ist eine spannende und intelligente, denn nicht nur Moriarty bekommt einen familiären Background, in dem seine Mutter eine wesentliche Rolle spielt, man erfährt auch etwas über seinen Werdegang, seine Entwicklung und die möglichen Ursachen, warum er zu dem wurde, der er nun ist. Selbst über Sherlock Holmes erfährt der geneigte Leser Näheres durch Rückblicke auf dessen Vergangenheit, z. B. seine erste Begegnung mit dem Kokain findet Erklärung. Aber auch Oscar Wilde erhält seinen Part in diesem ungewöhnlichen „Sherlock Holmes“-Roman, der für vielleicht der bislang beste aus J. J. Preyers Feder ist. Wilde steht im Fokus Moriartys, der den Schriftsteller vernichten will.

J. J. Preyer ist es gelungen, einen „Holmes“-Roman im klassischen Stil zu schaffen, der das von Arthur Conan Doyle entwickelte Universum durch wichtige Mosaiksteine bereichert. Daher wirkt „Sherlock Holmes und die Moriarty-Lüge“ wie ein Intermezzo rund um Sherlock Holmes, dem endlich fehlende Passagen beigefügt wurden. Neben der wieder einmal vom Autor mit viel Liebe zum Detail geschriebenen Handlung überzeugen auch die gelungenen Dialoge zwischen Holmes und Watson – besonders die Spitzfindigkeiten des Meisterdetektivs. Aber auch die Plots um Moriarty und Marys eiskaltem Vater und Moriartys sonderbarer Beziehung zu seiner Mutter sind überzeugend. Einzig der Schluss des Romans wirkt ein wenig überhastet und zu knapp, was vielleicht daran liegen mag, dass der Autor ein Seitenlimit nicht überschreiten durfte, was bedauerlich ist.

Die Aufmachung des Bandes ist auch ordentlich – besonders die Covergrafik von Mark Freier weiß zu gefallen. Dennoch ist es schade, dass es die kleinen Hardcover nicht mehr gibt. Ein „Holmes“-Roman im klassischen Stil, der das von Arthur Conan Doyle geschaffene Universum durch wichtige Details bereichert und mit einer spannenden und intelligenten Handlung aufwartet. Absolut empfehlenswert!

Copyright © 2015 by Alisha Bionda (AB)

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