Sherlock Holmes und die Tochter des Henkers

Alisha Bionda (Hrsg.)
Sherlock Holmes und die Tochter des Henkers
Meisterdetektive 3

Fabylon Verlag, Markt Rettenbach, 11/2012
PB, Krimi
ISBN 978-3-927071-77-3
Titelgestaltung von  Atelier Bonzai unter Verwendung einer Illustration von Crossvalley Smith
Illustrationen im Innenteil von Crossvalley Smith

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„Zwei Dinge mag der geneigte Leser mir nachsehen. Zunächst, dass ich meinen Bericht mit der Nebensächlichkeit beginne, dass ein schneidend kalter Wind an jenem Novemberabend durch die Baker Street fegte. […] Ich sehe darin Belanglosigkeiten, doch wie mein Freund Watson mir versicherte, sollen sie dazu dienen, dem Leser ein plastisches Bild der Vorgänge zu vermitteln, die hier geschildert werden sollen.“ (Désirée & Frank Hoese: „Das Rätsel des Rad fahrenden Affen“)

Schon die Originalgeschichten von Sir Arthur Conan Doyle leben vom gegenseitig befruchtenden Gegensatz der beiden Hauptfiguren Sherlock Holmes und Dr. Watson. Herausgeberin Alisha Bionda hat diesen Aspekt der Detektivgeschichten weiter gedacht und ausgewählte Autorenpaare je eine klassische „Sherlock Holmes und Dr. Watson“-Geschichte schreiben lassen, wobei jeder Autor die Perspektive einer der beiden Hauptakteure einnehmen sollte.

Désirée & Frank Hoese: „Das Rätsel des Rad fahrenden Affen“.
Evelyn Montague, das Hausmädchen von Lady Eginthorpe, sucht Sherlock Holmes und Dr. Watson auf. Ein Collier ihrer Herrin verschwand aus einen verschlossenen Ankleidezimmer, und sie steht unter dem Verdacht des Diebstahls. Holmes bemerkt unübersehbare Parallelen zu mehreren ungeklärten Diebstahlsfällen der letzten Zeit. Die erste Spur führt zu einem in der Nähe des Anwesens gastierenden Wanderzirkus. Das Autorenpaar Désirée & Frank Hoese bietet eine „Sherlock Holmes“-Geschichte klassischen Zuschnitts, die abwechselnd aus der Sicht – jeweils in der ersten Person geschrieben – von Holmes und Watson geschildert wird. Bis auf die vorhersehbaren Stilbrüche zwischen den Holmes- und Watson-Passagen – Holmes schildert rational die bald gefundene Lösung des Rätsels, während Watson eher das Flair der französischen Hauptstadt feiert -, verläuft „Das Rätsel des Rad fahrenden Affen“ in geradlinigen Bahnen.

Tanya Carpenter & Guido Krain: „Sherlock Holmes und die Selbstmörder von Harrogate“.
Überraschend erhält Sherlock Holmes eine Einladung ins Heilbad Harrogate, den Ort, an dem eine Reihe vermeintlicher Selbstmorde gerade Scotland Yard beschäftigt. Denn alle Selbstmörder brachten sich im selben verschlossenen Hotelzimmer mit derselben Waffe um, die wiederholt aus der Asservatenkammer der Polizei verschwunden ist. Und alle Selbstmörder erhielten zuvor eine Einladung nach Harrogate. Auch „Die Selbstmörder von Harrogate“ bietet ein detektivisches Rätsel klassischer Bauart, nur das sich hier plötzlich Sherlock Holmes selbst im Angesicht einer tödlichen Bedrohung befindet. Etwas befremdlich auf die Figur Sherlock Holmes wirkt sich der sinnlich-romantische Stil beider Autoren hier aus. Die reihenweise Eroberung der Damen, die der Detektiv hier an den Tag legt, kennt man ansonsten nur von einem Agenten im Dienst ihrer Majestät. Beide Autoren nutzen hier für Watson die erste und für Holmes die dritte Person Singular, was die Geschichte einiges an formaler Abwechslung kostet.

Antje Ippensen & Margret Schwekendiek: „Sherlock Holmes und die Tochter des Henkers“.
Marjorie Cameron, die Tochter des kürzlich verstorbenen Henkers von London, glaubt nicht an den plötzlichen Unfalltod ihres Vaters. Auch Sherlock Holmes ist nach seinen Recherchen nicht nur der Überzeugung, dass es sich keineswegs um einen Unfall handelte, sondern sogar, dass Marjorie mehr darüber weiß, als sie zunächst zugibt. Gegenüber den vorherigen Geschichten, haben die Autorinnen Ippensen & Schwekendiek ihre Zusammenarbeit derart gestaltet, dass jede der beiden einen (fast) abgeschlossen Teil des Falls „Henkerstocher“ geschrieben haben. Damit zerfällt die Geschichte in einen Teil, der von Holmes gefühlsneutralen Ermittlungen dominiert wird, und einen zweiten Teil, in dem Watson auf weitere Aspekte des Falls stößt, die die Vorgänge letztendlich in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Erik Hauser & Oliver Plaschka: „Die Wahrheit über Sherlock Holmes“.
Nach schier endlosen und jahrelangen Irrwegen, gelangen einige – stark in Mitleidenschaft gezogene – Dokumente aus der Londoner Baker Street an die Universität Heidelberg, wo Erik Hauser und Oliver Plaschka die Schriftstücke ins Deutsche übersetzt haben. Das Konglomerat aus teilweise unleserlichen Briefen deutet – in dieser angenommenen Reihenfolge gelesen – einen verstörenden und unvorstellbar komplexen Vernichtungsplan an. Oder handelt es sich tatsächlich nur um die wahnsinnigen Kopfgeburten eines Insassen des Montrose Lunatic Asylum? Schon des Öfteren wurde die Figur Sherlock Holmes gegen den Strich gebürstet, doch was das Duo Hauser & Plaschka hier abliefern, dürfte selbst der Herausgeberin ungläubiges Staunen abgerungen haben. Brillant demontieren die Autoren den Mythos Sherlock Holmes – und sein bekanntest Umfeld – und positionieren den größten Detektiv aller Zeiten irgendwo zwischen den Wahnvorstellungen eines unrettbar Irren und einem großangelegten Verschwörungsplan, der die Welt durch einen Schmetterlingseffekt in eine unausweichliche und vernichtende Katastrophe stürzt.

„An dieser Stelle würde ich meine Schlussfolgerungen gerne offenlegen, doch wie mir Watson versicherte, lebt eine kriminalistische Erzählung vom Zurückhalten entscheidender Informationen bis zum Zeitpunkt ihrer dramatischen Enthüllung. Ich hoffe also, dem Vergnügen der Leserschaft zu dienen, wenn ich mich vorerst auf die Feststellung beschränke, dass allmählich die Züge einer Person vor meinem geistigen Auge Gestalt annahmen.“ (Désirée & Frank Hoese: „Das Rätsel des Rad fahrenden Affen“)

„Die Tochter des Henkers“ ist bereits der dritte Band der von Alisha Bionda im Fabylon Verlag herausgegebenen Reihe „Meisterdetektive“. „Sherlock Holme“s-Fälle klassischer Couleur sollen hier geboten werden, die vor allem von dem Zusammenspiel von Sherlock Holmes und John Watson leben. In leichten formalen Variationen bieten die Geschichten 1 bis 3 eben dies, auch wenn die Erzählungen doch sehr ernsthaft daherkommen. Schließlich offeriert die Schilderung gleicher Ereignisse aus zwei Perspektiven auch erhebliches humoriges Potential. Geschichte Nummer 4 wäre wohl mit ‚Thema verfehlt‘ abgestempelt worden, hätten die Herren Hauser und Plaschka nicht ein solch rotzfreches und brillantes Verwirrspiel abgeliefert.

Die Covergrafik, sowie die Innengrafiken – eine zu jeder Geschichte – wurden von Crossvalley Smith gestaltet; für das sehr ansprechende Reihen- und Coverlayout zeichnet Atelier Bonzai verantwortlich. Wie die anderen Reihenbände von Alisha Bionda bei Fabylon erscheinen auch die „Meisterdetektive“-Bände als hochwertige, überformatige Taschenbücher. Wie gewohnt sind die Textseiten – samt Kopfzeilen und Szenentrenner – gut gesetzt und bieten ein ansprechendes Leseerlebnis.

Vier „Sherlock Holmes/John Watson“-Geschichten von vier verschiedenen Autorenpaaren in gewohnt schöner Aufmachung. Ein gelungenes Experiment, das gerne wiederholt werden darf!

Copyright © 2013 by Elmar Huber (EH)

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