Shooter

Stephen Hunter
Shooter

(Bob-Lee-Swagger-Serie, Bd. 1)

Originaltitel: Point of Impact (New York : Bantam Books 1993)
Dt. Erstveröffentlichung (geb. u. unter dem Titel „Im Fadenkreuz der Angst“): 1994 (Paul List Verlag)
Übersetzung: Bernhard Josef
463 S.
ISBN-10: 3-471-77898-5
Neuausgabe (unter dem Titel „Im Fadenkreuz der Angst“): Dezember 1996 (Goldmann Verlag/TB Nr. 43060)
Übersetzung: Bernhard Josef
511 S.
ISBN-10: 3-442-43060-7
Neuausgabe (ungekürzt): Mai 2014 (Festa Verlag/Festa Crime)
Übersetzung: Patrick Baumann
640 S.
ISBN-13: 978-3-86552-316-7
eBook: Mai 2014 (Festa Verlag)
982 KB
ISBN-13: 978-3-86552-317-4

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Das geschieht:

Bob Lee Swagger war einer der blutjungen Amerikaner, die für die USA und scheinbar für eine gerechte Sache in den Vietnamkrieg gezogen sind. In Asien hat er dem Marinekorps alle Ehre gemacht, doch Anerkennung und Ehre durfte er dafür nicht erwarten: Swagger ist ein Scharfschütze. Als „Bob der Knipser“ konnte er 87 bestätigte ‚Abschüsse‘ verzeichnen, bis die Kugel eines noch geschickteren Vietkong-Heckenschützen seiner Laufbahn ein Ende setzte.

Im Zivilleben stürzte Swagger tief und kehrte nie wirklich aus dem Krieg zurück. Töten will er zwar nicht mehr, aber Waffen sind noch immer sein Leben, und seine Treffsicherheit hat eher noch zugenommen. In Blue Eye im ländlichen West-Arkansas führt Swagger ein zurückgezogenes Leben und wird von den Bürgern in Ruhe gelassen.

Swagger ist der einsame amerikanische Waffennarr par excellence. Das macht ihn zum wertvollen Instrument für die düsteren Pläne des skrupellosen Colonel Raymond Shreck. Der hoch dekorierte, doch sang- und klanglos in den Ruhestand geschickte Soldat ist ein verbitterter aber erfolgreicher Mann mit einer eigenen Firma, die vorgeblich Sicherheitsdienste aller Art anbietet. „RamDyne Security“ ist aber auch Shrecks Sammelbecken für eine handverlesene Schar rücksichtsloser, zu allem entschlossener Söldner – und Anlaufpunkt für jedes korrupte und machtgierige Regime dieser Welt, das sich seiner Gegner gewaltsam entledigen will. Zum Teil gedeckt von der CIA, hat RamDyne zuletzt in El Salvador eine Reihe übler Terroraktionen inszeniert, die exzessive Gräueltaten bewusst nicht ausschlossen.

Auch Swagger kann der Verlockung nicht widerstehen, als RamDynes ‚Berater‘ endlich wieder sein immenses Fachwissen unter Beweis zu stellen. Stattdessen muss Swagger mit zwei Kugeln im Leib und dem gesamten Polizei- und Geheimdienstapparat auf den Fersen erkennen, dass er der Sündenbock für ein internationales Komplott geworden ist. Aber auch Shreck muss sich sorgen, denn Swagger wird sich rächen. Allein gegen ein scheinbar übermächtiges Verfolgerheer zu stehen, ist nicht neu für ihn. Wenn Swagger ehrlich sein soll, fühlt er sich sogar wie neugeboren, als er beginnt, RamDyne aus dem Hinterhalt – wie in alten Zeiten – aufzurollen …

Der Mann im Hinterhalt

„Shooter“ ist ein bemerkenswerter Thriller. Kompromisslos ignoriert Autor Stephen Hunter beinahe jede Regel, die sein Werk für ein möglichst breites Massenpublikum tauglich machen könnte. Stattdessen setzt er auf ein Publikum, das die Moral der Spannung unterordnet oder – der Gedanke erschreckt – sich moralisch mit Bob Lee Swagger identifiziert.

Gewalttätig ist die Welt, in der sich James Hunters Protagonisten bewegen. Das gilt für die ‚Bösen‘ genauso wie für die ‚Guten‘. Bob Lee Swagger, der ‚Held‘, ist kein angenehmer Charakter. Hat der Wolf anfangs noch Kreide gefressen, kehrt er schon sehr bald zu dem zurück, was er am besten kann: Töten auf große Entfernung.

Die Existenz von Scharfschützen ist in allen Kriegen belegt, seit Waffen erfunden wurden, mit denen sich Projektile – Speer- und Pfeilspitzen, später Metallkugeln – über weite Strecken verschießen lassen. Sie sind nützlich aber nicht einmal bei jenen beliebt, die dem Militärischen gegenüber üblicherweise aufgeschlossen sind. Der Widerwille speist sich aus der Natur des „Snipers“: Schalte so viele deiner Gegner aus, wie es dir möglich ist, ohne dich selbst dabei in Gefahr zu bringen, und richte dein Augenmerk dabei auf jene, die jenseits der eigenen Linien die Entscheidungen treffen. Es ist in der Tat schwierig, etwas Heldisches darin zu finden, ahnungslose Menschen aus dem Hinterhalt niederzuknallen.

Spannung aus amoralischem Treiben

Stephen Hunter wählt als zentrale Figur einen Mann, der genau dies getan hat. Er geht sogar noch weiter: Bob Lee Swagger haben seine Erlebnisse in Vietnam nur marginal geläutert. Tatsächlich ist er als Zivilist mehr denn je eine menschliche Zeitbombe, der in seiner Hütte, die einer vom Feind dauerbelagerten Festung gleicht, mehr Waffen und Munition lagert als eine mittelgroße Guerillatruppe.

Überhaupt: Waffen! „Shooter“ besitzt eine Ereignisebene, die man als Hymne auf die Kunst verstehen kann, mit Faust- und Langfeuerwaffen Unglaubliches anzustellen. Das muss auf den europäischen Leser wesentlich provokanter wirken als auf das amerikanische Publikum, das ja in seiner Mehrheit das Recht des Bürgers auf seinen eigenen Schießprügel (oder deren zwei oder drei) gegen alle Widerstände weiterdenkender Zeitgenossen erbittert verteidigt. Hunter schwelgt in technischen Daten, Fachtermini und betont sachlich gehaltenen Darstellungen dessen, was Bob Lee Swagger mit einer Waffe in der Hand zu leisten vermag: das Gewehr als Stradivari des Scharfschützen.

Hoch anzurechnen ist Hunter der Verzicht auf scheinheilige Rechtfertigungsversuche. Um seinen Kritikern vorab den Wind aus den Segeln zu nehmen, hätte er in jedem zweiten Satz einfügen müssen, wie schrecklich es doch ist, wenn Kugeln fliegen, und dass er nur deshalb so präzise und ausführlich darüber berichte, um Anklage gegen die daraus resultierende Gewalt zu führen. Aber „Shooter“ ist (abgesehen von der unglaublich rasanten und hochspannenden Handlung) auch deshalb als Thriller so überragend, weil Hunter auf jegliche Anbiederung oder moralisierende Bücklinge verzichtet: In diesem Buch spielen neben den Figuren Waffen eine entscheidende Rolle; es ist daher erforderlich, mit besonderer Aufmerksamkeit zu verfolgen, wie sich dies auf den Gang der Geschehnisse auswirkt – und Punkt.

Die Schlüsse aus dem, was Hunter dem Leser präsentiert, muss dieser selbst ziehen. Der Autor ist zu klug, sein Publikum mit vorgestanzten Friede = Freude = Eierkuchen-Klischees einzulullen. Wer die Waffe zieht, kann durch die Waffe umkommen: Wieviel Wahrheit in diesem Kalenderspruch liegt, setzt Hunter wirksam in explosive Bilder um. Für diese Liebe zur Waffe, die er auch öffentlich verteidigt, hat Hunter viel Kritik eingesteckt. Zum Recht des (US-) Bürgers auf Selbstverteidigung steht er weiterhin. Dass ‚Notwehr‘-Schüsse ständig unschuldige Pechvögel treffen, ist nach Hunter menschliches Versagen und ein Preis, den man für das System zahlen muss.

Das Wesen des Hinterwäldlers

Über den Tanz um den Fetisch Waffe vernachlässigt Hunter keineswegs das Innenleben seiner Protagonisten. „Shooter“ ist ein Thriller ist, der primär der Unterhaltung dient; hier die formale Brillanz und inhaltliche Tiefe eines E. L. Doctorow oder Norman Mailer zu verlangen – an dieser Stelle eher willkürlich als Beispiele gewählt, weil beide sich nicht zu ‚schade‘ waren, außer hehrer Kunst auch kluge Thriller zu schreiben -, zeugt von arger Ignoranz. Im Rahmen seines Talents und der gewählten Form hat Hunter auch in diesem Punkt nichtsdestotrotz vorzügliche Arbeit geleistet.

Nach mehr als 600 Seiten liebt man Bob Lee Swagger genauso wenig wie zu Anfang, aber man versteht ihn immerhin besser, ohne dass Hunter die „Rambo“-Klischees vom armen, an Leib und Seele verwundeten, für seinen aufopfernden Dienst schnöde vom eigenen Land verratenen Vietnam-Veteranen allzu aufdringlich bedient. Gut gezeichnet sind auch die übrigen Figuren, Polizisten, Geheimdienstleute und Shrecks Meuchelmörder eingeschlossen. Selbst primitive Schlagetots wie Jack Payne, Shrecks roboterhafte rechte Hand, bekommen ein Profil.

So unerfreulich dies den Gandhis dieser Welt in den Ohren klingen mag: Es gibt Menschen, die mit der Gewalt und von der Gewalt leben und sich eines gesunden Nachtschlafes und eines erfüllten Daseins erfreuen. Das ist nicht erfreulich aber Realität. Man erfährt in den Nachrichten darüber und hat sich gefälligst damit auseinanderzusetzen. Stephen Hunter spielt virtuos mit der unterbewussten Angst, die den ‚normalen‘ Zeitgenossen ob dieser Tatsache bewegt.

Des Jägers Wiederkehr

Stephen Hunter wartet hierzulande noch auf ein geneigtes Publikum. Nur zwei seiner vielen Romane wurden 1996 bzw. 1997 veröffentlicht. Nicht einmal die durchaus erfolgreiche Verfilmung des ersten Bob-Lee-Swagger-Romans, den Antoine Fuqua 2007 als „Shooter“ mit Mark Wahlberg in der Titelrolle inszenierte, führte zu einer Neuauflage oder gar Fortsetzung der Serie.

Zu allem Überfluss war die Erstausgabe von „Shooter“ – erschienen als „Im Fadenkreuz der Angst – wie das spätere Taschenbuchausgabe gekürzt; offenbar fand der Verlag Hunters quasi literarischen Abschüsse für ein deutsches Publikum zu drastisch. Erst zwei Jahrzehnte später erschien „Shooter“ neu übersetzt und ungekürzt, dazu schön gestaltet und sauber gebunden. Bleibt zu hoffen, dass es nicht bei diesem ersten Band bleibt.

Autor

Stephen Hunter wurde am 25. März 1946 in Kansas City, US-Staat Missouri, geboren. Er studierte Journalismus an der Northwestern University in Illinois, an der sein (1975 ermordeter) Vater als Dozent für Sprachen lehrte. Nach seinem Abschluss 1968 diente Hunter zwei Jahre als Soldat und schrieb für eine Soldaten-Zeitschrift.

1971 wechselte er als Redakteur zum „Baltimore Sun“. Nachdem er zunächst die Sonntagsbeilage betreut hatte, über Hunter 1982 die Redaktion der Filmkritik. In dieser Funktion war er ab 1997 für die „Washington Post“ tätig. 2003 wurde Hunter für seine Kritiken mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. 2008 ging Hunter in den vorzeitigen Ruhestand. Seitdem ist er hauptberuflicher Schriftsteller.

Schriftstellerisch wurde Hunter ab 1980 aktiv. Er begann mit einem wüsten Garn um einen Nazi-Heckenschützen (!) im Jahre 1945 („The Master Sniper“). Ab 1993 schrieb Hunter eine Serie von Romanen, die sich grob um die Familiengeschichte des Swagger-Clans ranken. Neben Bob Lee treten dort auch sein Vater Earl (ab 2000) und sein Sohn Ray Cruz (ab 2010) auf.

Stephen Hunters (inoffizielle) Website

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