Skandal in Scotland Yard

Belton Cobb
Skandal in Scotland Yard

(Bryan-Armitage-Serie, Bd. 4)

Originaltitel: Scandal at Scotland Yard (London : W. H. Allen 1969)
Übersetzung: Luise Däbritz
Deutsche Erstveröffentlichung: 1971 (Verlag Kurt Desch/Die Mitternachtsbücher 520)
143 S.
ISBN-13: 978-3-420-00520-6

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Das geschieht:

Mit seinem neuen Vorgesetzten kommt Inspektor Bryan Armitage von Scotland Yard nur mühsam zurecht. Superintendent Bagshaw ist ein schroffer, unzugänglicher Mann, der seine Untergebenen zudem an der kurzen Leine hält. Als eine Razzia auf eine Gaunerbande ansteht, muss Armitage deshalb Bagshaws Genehmigung einholen. Dieser hat sich allerdings bereits in ein Urlaubswochenende an der südenglischen Küste abgesetzt. Kurzentschlossen folgt ihm Armitage nach Beldean und ins „Belboy Hotel“.

Kurz vor dem Ziel nimmt er als Anhalterin eine junge Frau mit, die er als Bagshaws Sekretärin Peggy Sanders erkennt. Als Armitage klar wird, dass sie sich mit ihrem – und seinem – Chef privat treffen wird, beschließt er, die für alle Beteiligten peinliche Zusammenkunft zu vermeiden. Er setzt Peggy vor dem Hotel ab und besorgt sich die Genehmigung per Telefon.

Armitages Rücksicht rächt sich, denn die neue Arbeitswoche beginnt mit einem Mord: Unterhalb einer Klippe nahe Beldean wurde Peggy Sanders tot aufgefunden. Der Fall geht ausgerechnet an Bagshaw und Armitage. Als sein Chef jede Anwesenheit der nun toten Frau im „Belboy Hotel“ verneint und sich die Befragung des dortigen Personals persönlich vorbehält, keimt in Armitage der Verdacht auf, dass Bagshaw in den Mord verstrickt ist, ihn womöglich sogar begangen hat und nun seine hohe Stellung ausnutzt, um seine Spuren zu verwischen, bis der Fall ergebnislos eingestellt werden muss. Er informiert einen befreundeten Kollegen. Sergeant Sam Birkett ist gern bereit, bei geheimen Nachforschungen zu helfen.

Die zutage geförderten Spuren steigern die Verwirrung noch. Schließlich fasst sich der überforderte Armitage ein Herz und setzt Chief Superintendent Burmann in Kenntnis. Eile ist geboten, denn Bagshaw steuert die Ermittlungen in eine Richtung, die Armitage gar nicht nachvollziehen kann …

Krimis für Denkfaule

Auf eine Agatha Christie kommen 99 Belton Cobbs. Die Lektüre des hier vorgestellten Kriminalromans belegt einmal mehr diese nüchterne Tatsache, die eigentlich nicht verwundern sollte; schließlich belegen die Abverkaufs-Tische der modernen Buch-Supermärkte, dass zwischen dem unbedingt zu lesenden „Bestseller“ und tatsächlich guter i. S. von anregender Lektüre oft oder sogar in der Regel gewaltige Abgründe klaffen. Die Werbung behauptet, der Leser glaubt es … besser nicht, sondern macht sich lieber ein eigenes Bild.

Auch in der Vergangenheit war selbstverständlich nicht alles Gold, was glänzte oder wenigstens ordentlich poliert feilgeboten wurde. Wir stoßen hier in die Region der sog. „Verbrauchs-Lektüre“ vor: Lesestoff, der simpel und unter weitgehenden Verzicht auf den Lektürefluss störende Plot-Knoten geknüpft wird. Es gab und gibt ihn in sämtlichen Genres, also auch als Kriminalroman. Solche Bücher sind entweder seitendünn oder werden in viele kurze Kapitel unterteilt. Belton Cobb geht auf Nummer Sicher: Auf „Skandal in Scotland Yard“ trifft beides zu.

Die fehlende Raffinesse wird durch ein hohes Handlungstempo ausgeglichen oder besser: verschleiert. Der Leser will nicht und darf auch nicht zur Ruhe kommen, weil ihm sonst die Routinen bewusst werden, denen die Ereignisse folgen. „Skandal …“ stammt aus dem Baukasten des Kriminalromans. Der Verfasser entnahm ihm Handlungselemente und Figurenzeichnungen, die sich beinahe beliebig miteinander kombinieren lassen. Cobb machte aus dieser Praxis nie einen Hehl, sondern bekannte sich durchaus stolz zu seinen Kriminalromanen, die ihr Publikum auf keinen Fall intellektuell überforderten.

Unterhaltung als Frage der Definition

Auch der kritische Leser (oder Rezensent), der von Cobb-Zeitgenossen wie Agatha Christie, Dorothy Sayers oder John Dickson Carr mit ausgeklügelten Rätsel-Krimis verwöhnt wurde, muss zugeben, dass diese Rechnung durchaus aufgeht: „Skandal …“ läuft ab wie am sprichwörtlichen Schnürchen. Die Handlung ist einerseits simpel aber andererseits klar. Es sogar ein doppeltes Geheimnis: Die Frage lautet nicht nur, wer Peggy Sanders ermordet hat. Noch interessanter ist das Rätsel, ob womöglich Superintendent Bagshaw der Täter ist, der in diesem Fall quasi sich selbst jagt und dabei die idealen Möglichkeiten findet, verräterische Indizien verschwinden zu lassen.

Wie es ein bewährtes Klischee fordert, steht dem einflussreichen Superintendent Bagshaw ein ihm untergeordneter und deshalb in seinen Nachforschungen eingeschränkter Polizist gegenüber. Armitage steckt in einer klassischen Zwickmühle. Er ist ein guter und eifriger Ermittler, aber er ist auch Teil eines Systems, das denen Ärger und Karrierebremsen beschert, die sich nicht der Hierarchie unterwerfen.

Als Cobb 1969 „Skandal …“ schrieb, war zwar der Ruf von Scotland Yard angekratzt und die einst im Kriminalroman nur ehrfürchtig in Anspruch genommene Institution nicht mehr sakrosankt. Cobb scheint mit dieser Veränderung noch zu fremdeln. Er lässt einen Scotland-Yard-Beamten in Verdacht geraten, doch geht dieser seine vermeintlichen Vertuschungen so ungelenk an, dass der Leser allzu schnell argwöhnt: Dieser Fall dürfte doch anders liegen! Zwar findet man nachträglich Hinweise auf den tatsächlichen Tathergang, aber Cobb zeigt sich hier leider nicht als Meister der Andeutung.

Freilich ist es möglich, dass „Skandal …“ in der Übersetzung Federn lassen musste. 1971 lag die Reihe der einst vorbildlichen „Mitternachtsbücher“ in den letzten Zügen. Seitendünne, rasch auf den Markt geworfene Routine-Thriller hatten die vormals von vorzüglichen Autoren verfassten Kriminalromane ersetzt.

Das Ungestüm der Jugend

Die Handlungsführung mag sich als „klar“ bezeichnen lassen. Für die Figurenzeichnung gibt es kein beschönigendes Adjektiv. Cobb gibt hier dem Reißbrett den Vorzug noch vor dem Klischee. Jeder Figur ist auf wenige prägende Attribute beschränkt, die sich im Laufe der Geschichte nicht ändern. Die Jugend ist ungestüm, das Alter brummig und systematisch, Frauen sind zänkische Ehe-Drachen oder ‚Mädchen‘.

Solche Vereinfachung ist zwar auch den ‚guten‘ Kriminalautoren geläufig. Sie schaffen trotzdem prägnante Charakter, die eher überzeichnet als eigenschaftsdünn sind. Cobbs Figuren kann man weder lieben noch hassen. Sie lassen gleichgültig – eine Sünde, der sich in der Regel nicht einmal notorische Vielschreiber schuldig machen. Wie es Cobb gelingen konnte, trotz glatter Handlungen und blasser Figuren im Geschäft zu bleiben, ist eine Frage, die dieser Rezensent nicht beantworten kann.

Womöglich muss man ihm einfach in der Einschätzung seines Zielpublikums zustimmen: Es gibt einen Markt für Kriminalgeschichten, die man nur lesen muss bzw. lesen kann, selbst wenn man zwölf Stunden am Fabrikfließband gestanden hat und sich keine Gedanken mehr über doppelte Böden machen will. Zwischen Mord, Verdacht und Auflösung füllt Cobb die Seiten mit Ermittlungen, Missverständnissen und Sackgassen. Auf den letzten Seiten versucht der Autor sich in spektakulärer Dramatik, weil er es mit einer simplen Festnahme des Strolches nicht bewenden lassen möchte.

Das Ergebnis ist eher schräg als dramatisch, aber immerhin ist die Welt anschließend wieder in Ordnung. Der „Skandal in Scotland Yard“ konnte vermieden werden, und Jungspund Armitage hat viel gelernt. So geht es auch dem Leser: Zumindest um die späten Cobb-Krimis dürften er & sie zukünftig einen Bogen machen, da es definitiv lohnendere Alt-Thriller gibt, die eine Wiederentdeckung verdienen!

Autor

Geoffrey Belton Cobb (1892-1971) gehört zu den weitgehend vergessenen Krimi-Autoren, obwohl er dreieinhalb Jahrzehnte schrieb und jährlich mindestens einen neuen Roman vorlegte. (Außerdem lieferte er regelmäßig Beiträge für den „Punch“ und andere Magazine. Hauptberuflich arbeitete er als Verkaufsdirektor für den Londoner Verlag Longman.) Cobbs Krimis gehören meist zur Serie um den Scotland-Yard-Beamten Cheviot Burmann (ab 1936), der beruflich aufsteigt und altert. Dem alten Burmann stellte Cobb 1965 den jungen Polizisten Bryan Armitage zur Seite und begann damit ein Reihen-„Spin-off“.

Cobb schrieb eher schnell als raffiniert. Er vertrat die Meinung, ein Krimi-Autor solle seine Leser quasi an die Hand nehmen und ihn den Täter heranführen, Da er gut im Geschäft war und blieb, sah er nie einen Grund, seinen Romanen inhaltlich und formal mehr Klasse zu geben. Stattdessen steigerte sich sein Arbeitstempo nach der Pensionierung noch einmal erheblich. Die Literaturkritik bewertete die späteren Cobb-Krimis zunehmend negativ. Dennoch fanden sie ihr Publikum, das Cobb bis zu seinem Tod 1971 regelmäßig mit neuen Romanen belieferte.

Copyright © 2015/2017 by Michael Drewniok (md)

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