Tödliche Fluten

Jonathon King
Tödliche Fluten

(Max-Freeman-Serie, Bd. 3)

(sfbentry)
Originaltitel: Shadow Men (New York : Dutton 2004)
Übersetzung: Helmut Splinter
Deutsche Erstausgabe: September 2005 (Knaur Verlag/TB Nr. 62907)
341 S.
ISBN-13: 978-3-426-62907-9

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Das geschieht:

Anfang der 1920er Jahre versuchten Cyrus Mayes und seine beiden Söhne Steven und Robert Geld beim Bau des ersten Highways durch die Sümpfe der Everglades im Süden des US-Staats Florida zu verdienen. Sie gerieten in eine stickige grüne Hölle, in der brutale Aufseher die Arbeiter wie Sklaven misshandelten. Die Gewalt regierte hier, wo das Gesetz abwesend war. Wer die Flucht versuchte, wurde vom firmeneigenen Lohnkiller John William Jefferson als ‚Deserteur‘ betrachtet, verfolgt und umgebracht, denn niemand sollte wissen, was in den Everglades vor sich ging.

Auch Mayes und seine Söhne wurden offenbar ermordet. Ein Urenkel hat Briefe gefunden, die auf diese Familientragödie hinweisen. Er wünscht Aufklärung und engagiert den Anwalt Billy Manchester, der wiederum seinen Freund, den Privatdetektiv Max Freeman, mit den Ermittlungen beauftragt. Manchester entdeckt, dass die Firma Noren, die einst mit den Straßenbauarbeiten beauftragt war, im PalmCo-Konzern aufgegangen ist, einem der größten Bauunternehmer in Florida.

Kurz darauf wird der Detektiv bedroht. Man steckt seine Hütte in Brand, verwanzt seinen Wagen und sein Telefon. Auch nach vielen Jahrzehnten ist der Skandal um den Bau des Highways noch ein heißes Eisen: Wie das Gesetz des Staates Florida es will, ist die Haftungspflicht für Personenschäden beim Bau von 1923 keineswegs erloschen. Auf PalmCo kommen womöglich Klagen, hohe Entschädigungszahlungen sowie unerwünschtes Medieninteresse zu – für die Firma gute Gründe ihre Spuren zu verwischen. Gewalt ist dabei auch im 21. Jahrhundert kein Hinderungsgrund. Als Freeman weiß, wo Jefferson einst buchstäblich seine Leichen versteckt hat, sind ihm die Firmenkiller längst auf den Fersen …

Schwüle Sümpfe, labile Temperamente

„Sumpfthriller“, die im Sonnenstaat Florida spielen, bilden ein eigenes Subgenre in der Kriminalliteratur. James Lee Burke (Dave-Robicheaux-Serie), James W. Hall (Thorn-Serie) oder Carl Hiassen wählen immer wieder die Urwälder und tropischen Sümpfe der Everglades als Kulisse für ihre Geschichten, zu denen südstaatentypisch Redneck-Gewalt, religiöser Fanatismus, Rassismus, Inzest, Korruption und andere Verbrechen gehören, die sich im feuchtschwülen Klima wie in einem Dampfkochtopf vor sich hin brodeln, bis sie sich schließlich in einer gewaltigen Explosion entladen.

In der Liga von Burke, Hall und besonders Hiassen spielt Jonathon King (noch) nicht. Den genannten, aber auch zu den nicht genannten Klischees hat er nichts Neues beizutragen. Er variiert freilich geschickt und schreibt einen grundsoliden, spannend zu lesenden Krimi, in dem die Landschaftsbeschreibungen nicht nur gut gelungen, sondern sichtlich Bestandteil der Handlung sind. Max Freemans bzw. Jonathon Kings Liebe zur urwüchsigen Landschaft der Everglades und zu ihren Bewohnern ist offensichtlich und sie teilt sich den Lesern mit.

Historische Straße mit juristischer Verlängerung

Ein historisches Rätsel der besonderen Art bildet den Aufhänger für den ansonsten konventionellen aber wie gesagt gut ausgearbeiteten Plot. In der Geschichte Floridas gilt der Tamiami Trail, der zwischen 1915 und 1928 entstand, als Pioniertat des Straßenbaus. Das ist er zweifellos, denn der Bau einer mehrere hundert Meilen langen, festen und dauerhaften Straße durch urzeitliches Sumpfgebiet bedeutete unter Einsatz der zeitgenössischen Technik eine enorme Leistung.

Während aus den stolzen Baukosten des Tamiami Trails kein Geheimnis gemacht wurde, sprach man offiziell deutlich weniger gern von den Menschenleben, den seine Entstehung gekostet hat. Zwar ist eine von Killern bewachten Zwangsarbeiterkolonne wohl als Produkt schriftstellerischer Fantasie zu deuten, doch die Realität war hart genug: Unbarmherzig wurden meist ungelernte Arbeiter verschlissen, um Termin- und Preisvereinbarungen einhalten zu können. Unfälle und Krankheiten waren an der Tagesordnung; wen wundert’s bei einem Projekt, für dessen Realisierung u. a. 2,6 Mio. Stangen Dynamit verwendet wurden? Unmenschlich harte Arbeit bei schlechter Kost trug seinen Teil zu den zahlreichen Ausfällen bei.

King verknüpft das historische Ereignis geschickt mit zwei US-typischen Eigenheiten, welche die Handlung überhaupt erst möglich machen: Obwohl diejenige Firma, die einst ihre Arbeiter bis in den Tod schurigelte, längst nicht mehr existiert, besteht die juristische Verantwortung für eventuelle Straftaten auch für den Nachfolger fort. Hierzulande, wo die meisten großen und alten Unternehmen auf eine Nazi-Episode in ihrer Geschichte zurückblicken, mag die Brisanz dieser Tatsache nicht akut erscheinen. Doch die USA sind auch bekannt als Land, in dem jede/r jede/n verklagt. Nach Erfolg bezahlte Anwälte fordern Fantasiesummen, die oft genug bezahlt werden müssen. Da ist es womöglich wirklich kostengünstiger sich des Klägers per Mord zu entledigen.

Verschworene Gemeinschaft

Auch die Figurenzeichnung lehnt sich eng an Bekanntes an. Max Freeman ist der klischeevertraute Ex-Cop, der im harten Dienst ausbrannte, schließlich versehentlich in Notwehr ein Kind erschoss, daraufhin Waffe und Marke zurückgab und sich in die Wildnis zurückzog. Dort pflegt er sein zweites Trauma, denn Freeman ist das Kind einer Familie, die von einem gewalttätigen Vater tyrannisiert wurde.

Sein Freund Billy Manchester teilt dieses Schicksal. Zudem ist er schwarz, was in den Südstaaten der USA auch heutzutage höchstens in geschäftlich lohnenden Angelegenheiten ignoriert wird. Manchester wird wie Freeman von einem archaischen Gerechtigkeitssinn gesteuert, der nicht immer Rücksicht auf geschriebene Gesetze nimmt.

Das gilt vor allem in den einsamen Sümpfen der Everglades, in denen die Zivilisation weiterhin durch Abwesenheit glänzt. Hier haben Männer wie der alte Nate Brown das Sagen, die seit jeher mit der Natur leben und in denen noch das Blut der alten Jäger & Sammler (bzw. Schwarzbrenner, Wilderer und Schmuggler) fließt. Man bildet eine verschworene Gemeinschaft, regelt die Dinge mit Faust, Messer oder Flinte unter sich, lässt das Gesetz und andere lästige Störer ins Leere laufen.

Rücksichtslose Außenwelt

Denn „von draußen“ kommt selten etwas Gutes. Jonathon King, der auf eine Jahrzehnte währende Laufbahn als Journalist zurückblickt, nutzt seine Freeman-Bücher auch, um zu kritisieren, was falsch läuft in Florida, einem Staat, in dem wie an wenigen anderen Orten der ohnehin hochkapitalistisch ausgerichteten USA ohne Rücksicht auf biologische Strukturen „Geld gemacht“ wird. Bedenkenlos werden die Sumpfgebiete brach gelegt und bebaut, um einer Flut sonnenhungriger Zuzügler aus dem kalten Norden als Wohnfläche zu dienen.

Dabei erfüllen die scheinbar so unzugänglichen und ‚nutzlosen‘ Sümpfe eine wichtige ökologische Aufgabe, indem sie die Wassermassen binden, die während der Hurrikan-Saison von der Karibik her landwärts stürmen, und Sturmwinde brechen. Was es bedeutet, wenn die Natur dies nicht mehr leisten kann, erfahren die Menschen von Florida seit einigen Jahren mit drastischer Deutlichkeit. Selbstverständlich trifft es wie üblich die Armen, denen King, der auch die sozialen Verwerfungen im Blick behält, besondere Aufmerksamkeit widmet.

Eine weibliche Hauptrolle gibt es ebenfalls; man muss als Autor schließlich an potenzielle Storyfahnder aus Hollywood denken. Detective Sherry Richards ist freilich eine denkbar blasse Person; sie scheint nur als Alibifigur präsent zu sein, weil selbst ein einsamer Wolf wie Max Freeman Bedürfnisse hat und in weiblicher Begleitung sein marodes Innenleben offenbaren kann. Richards ist taff, tüchtig, selbstbewusst, natürlich hübsch, aber für die eigentliche Handlung ist sie bedeutungslos, auch wenn King einen Subplot um das Drama einer von ihrem brutalen Mann verfolgten Polizistenfrau einbaut. Auf diese Weise bewegt sich die Handlung meist flott, manchmal schleppend in ihr turbulentes Finale.

Autor

Bevor er als Krimi-Schriftsteller auf die Bestsellerlisten stürmte, arbeitete der in Lansing, US-Staat Michigan, geborene Jonathon King zwanzig Jahre als Journalist, wobei er stilecht für die „Philadelphia Daily News“ als Kriminalreporter begann. In seine Romane fließen die Erfahrungen aus dieser Zeit ebenso ein wie seine Erlebnisse aus einer späteren Tätigkeit für den „South Florida Sun-Sentinel“.

„The Blue Edge of Midnight“ (dt. „Das Messer im Sumpf“), Kings erster Roman, entstand nach längerer, sehr sorgfältiger Vorbereitung relativ schnell im Jahre 2002. In rascher Folge – King profitiert nach eigener Auskunft von dem Termindruck, unter den ihn seine journalistische Arbeit ständig stellt – folgten drei weitere Bücher der Max-Freeman-Serie um einen ehemaligen Polizisten, der im südlichen Florida gegen Gangster und Geldhaie ermittelt.

Nach dem vierten Band quittierte King den Journalistendienst. Seitdem arbeitet er hauptberufliche als Schriftsteller.

Website

Kurzkritik für Ungeduldige: In den Sümpfen von Florida sucht ein Privatdetektiv nach den Leichen von Männern, die beim Bau einer Straße acht Jahrzehnte zuvor ‚verschwanden‘, tatsächlich aber ermordet wurden. Die immer noch aktive Baufirma fürchtet Klagen und Negativpublicity und schickt dem lästigen Schnüffler korrupte Polizisten und Mietkiller hinterher  Thriller der gediegenen aber bekannten Art, der schwüles Klima, gewaltfreudige Rednecks und andere Südstaaten-Klischees mit einer spannenden Handlung, gut gezeichneten Figuren und stimmungsvollen Landschaftsbeschreibungen kombiniert.

[md]

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