Tödlicher Abschied

Michael Koryta
Tödlicher Abschied

Originaltitel: Tonight I Say Goodbye (New York : Thomas Dunne Books/St. Martin’s Press 2004)
Übersetzung: Thomas Bertram
Deutsche Erstausgabe: November 2006 (Knaur Verlag/TB Nr. 63209)
444 S.
ISBN 13: 978-3-426-63209-3

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Das geschieht:

Cleveland, Ohio: Seit sechs Monaten sind die ehemaligen Polizisten Lincoln Perry und Joe Pritchard als Privatdetektive aktiv. Die Geschäfte laufen schleppend, so dass sich das Duo für einen heiklen Fall verpflichten lässt: Wayne Weston, selbst in der Branche tätig, wurde mit einer Kugel im Schädel in seinem Haus aufgefunden. Gattin Julie und Töchterlein Betsy sind verschwunden. Für die Polizei ist der Fall klar: Der von Spielschulden geplagte Wayne hat seine Familie umgebracht, verschwinden lassen und anschließend Selbstmord begangen.

Waynes Vater John hält von dieser Theorie gar nichts. Er stellt Perry & Pritchard an. Die Spur führt zu Jeremiah Hubbard, einem Wirtschaftsmagnaten ganz großen und skrupellosen Kalibers. Offenbar hatte er Weston jr. im Rahmen eines Deals angeheuert, der den Ankauf diverser Grundstücke erforderlich machte. Der Detektiv suchte gezielt nach schmutzigen Flecken auf den Westen unwilliger Eigentümer, die auf diese Weise von Hubbard zum Verkauf erpresst werden konnten. Amy Ambrose, eine Journalistin, bringt außerdem in Erfahrung, dass Wayne mit drei russischen Ex-Elitesoldaten zu tun hatte, die für Dainius Below arbeiten, den „Paten“ von Clevelands reger Russenmafia.

Perry und Pritchard bekommen unterdessen Besuch vom FBI. Dieses beobachtet Below schon lange und wünscht keine Einmischung. Allerdings gibt es längst eine dritte Partei, die sich in die Ermittlungen eingeschaltet hat: Waynes ehemaliger Kompagnon Aaron Kinkaid will nach eigener Auskunft Julie und Amy retten. Darf man ihm glauben? Nachdem die Befragung eines möglichen Zeugen mit dessen spektakulärer Ermordung endet, werden die Detektive misstrauisch. Das gilt leider auch für die Russen, die den lästigen Schnüfflern das Maul stopfen wollen …

Spannung wie auf Schienen

„Mit leichter Feder geschriebener Detektiv-Krimi, der alle Elemente dieses Subgenres berücksichtigt und seinen vorhersehbaren Plot flott und unterhaltsam abspult.“ So lässt sich „Tödlicher Abschied“ ebenso knapp wie zutreffend rezensieren; anfügen ließe sich die Klage über einen eingedeutschten Titel, der wieder einmal rein gar nichts aussagt.

Ein detektivisches Duo ermittelt in einem Fall von Mord und Entführung, der nur Teil eines wesentlich umfangreicheren Verbrechens ist. Selbstverständlich verheben sich die beiden Schnüffler, die es mit der notorisch kriminellen Hochfinanz und mit der Russenmafia gleichzeitig zu tun bekommen. Dies führt zu den üblichen Zwischenfällen, die Spannung in Gestalt von Schießereien, Verfolgungsjagden und mörderischen Konfrontationen mit ebensolchen Finsterlingen in eine Handlung bringt, die ansonsten wie auf Schienen ihrem den erfahrenen Krimileser nicht unbedingt überraschenden Finale entgegenläuft.

Der Spaß an diesem Roman resultiert einerseits aus dem handwerklichen Geschick, mit dem der Verfasser zu Werke geht. Andererseits gibt er gar nicht vor, den Krimi neu erfinden zu wollen. Er schreibt einen altmodischen aber guten Thriller, der ein Wiedersehen mit vielen Klischees & Konstanten des Detektivromans garantiert. Sie werden ein wenig aufgeschüttelt und gegen den Strich gebürstet, denn das 21. Jahrhundert hat auch die Detektei Perry & Pritchard erreicht. Deren Kanzlei ist genreüblich klein, und viel Geld wird hier nicht verdient, doch es fehlt die tragische Komponente, die den „private eye“ zum Ritter in einer schlechten Welt ohne Ideale werden lässt.

Freunde, Kampfgenossen, Detektive

Lincoln Perry und Joe Pritchard sind Kollegen, Kumpel und Detektive. Im Bewusstsein dieser Trias scheinen sie sich außerdem entsprechende Filmrollen zu verkörpern. Zumindest reden sie wie „Buddy“-Ermittler in einem auf Witz getrimmten Filmkrimi. Glücklicherweise meinen sie es nicht Ernst damit, wie sie auch sich nicht allzu wichtig nehmen; Verfasser Koryta lässt es immer wieder anklingen. Deshalb wirkt es auch nicht ermüdend, wenn unser Duo sich allzu rollenkonform benimmt, d. h. lästige Cops und FBI-Agenten, von sich eingenommene Polit- und Wirtschaftsprominenz oder üble Schurken mit lässigen Sprüchen provoziert und auch sonst tüchtig ans Bein pinkelt. Sie sind nicht ungeschickt darin, und vor allem bemerkt man den Ernst, der sich dahinter verbirgt.

Denn Perry & Pritchard sind trotz aller Exzentrik klassische Privatdetektive: Sie übernehmen einen Job und erledigen ihn ohne Rücksicht auf Verluste. John Weston wird von ihnen gewarnt, dass Unerfreuliches über seinen Sohn ans Tageslicht gefördert werden könnte. Unsere beiden Detektive, die über Gott und die Welt lästern, machen sehr deutlich, dass sie in diesem Punkt keine Konzessionen zu machen gedenken. Wiederum zum Genre gehört, dass genau dies geschieht.

Fast wie echte Gefühle …

Die Gefahr ist groß, als Rezensent die mangelnde Tiefe der Figuren mit dem jugendlichen Alter des Verfassers zu begründen: Michael Koryta war gerade 20 Jahre alt, als er „Tödlicher Abschied“ schrieb. Wie sollte er wissen, wie zwei deutlich ältere und erfahrene Kriminalisten denken und fühlen? Nicht so wichtig ist diese Frage, wenn es um Figuren wie Jeremiah Hubbard oder Dainius Below geht: Der schurkische Kapitalist und der vertierte Gangster sind Klischees, die leicht mit entsprechenden Eigenschaften und Phrasen ‚programmiert‘ und zum Leben erweckt werden können.

Anders ist das, wenn echte Zwiespältigkeit dargestellt werden soll. Julie Weston soll eine undurchsichtige Frau sein – die typische „private-eye“-Klientin, die ebenso schön und hilflos wie durchtrieben und verlogen ist. In ihrer Charakterisierung orientiert sich Koryta an ungleich besser realisierten Vorbildern. Als mysteriöse Lady ist sie denkbar ungeeignet. Besser gelungen ist die zweite weibliche Rolle: Reporterin Amy bleibt (noch) beste Freundin (= potenzielles „love interest“) und Kumpel in enthält sich deshalb jener tieferen Gefühle, deren glaubhafte Vermittlung Koryta überfordert.

Die Versuche, genau das dennoch gelingen zu lassen, führen zu Geplänkeln zwischen Detektiv und Anbefohlenen, zu unnötigen Längen im Mittelteil und einem wenig glaubhaften Final-Gag, der glücklicherweise den überwiegend positiven Eindruck dieses Debüt-Thrillers nicht wirklich trüben kann. „Tödlicher Abschied“ ist ein locker und humorvoll geschriebener Roman, der zwar manchmal in die Tiefe gehen möchte, genau dann allerdings fadenscheinig wird: Hier entlarvt sich der Verfasser als Kopist, dem das echte Verständnis dessen, was er in Worte fassen möchte, (noch) fehlt.

Autor

Michael Koryta (geb. 1983) lebt und arbeitet in Bloomington, US-Staat Indiana. Dort hat er Strafrecht an der Indiana University studiert und als Journalist gearbeitet. Als Mitglied der „Indiana Society of Professional Investigators“ und Mitarbeiter eines Ermittlers kennt er sich im Milieu moderner Privatdetektive aus.

Mögliche Flauten im Büro kompensiert Koryta als Schriftsteller. Er war gerade 20 Jahre alt, als er „Tonight I Say Goodbye“ (dt. „Tödlicher Abschied“) schrieb, seinen Debütroman und der Auftakt einer Serie, welche die Abenteuer des Detektiv-Duos Lincoln Perry & Joe Pritchard schildert. Koryta wurde der jüngste Schriftsteller, der jemals die von St. Martin’s Press und den „Private Eye Writers of America“ vergebene Auszeichnung für die „Best First Private Eye Novel“ erhielt; weitere Preise folgten ebenso wie die Fortsetzung der Reihe.

Michael Koryta informiert über Leben und Werk auf seiner Website.

Die Lincoln Perry/Joe Pritchard-Romane:

(2004) Tödlicher Abschied (Tonight I Say Goodbye) – Knaur TB 63209
(2006) Tödliche Rechnung (Sorrow’s Anthem) – Knaur TB 63635
(2007) A Welcome Grave (noch kein dt. Titel)
(2009) The Silent Hour (noch kein dt. Titel)

Copyright © 2011/2017 by Michael Drewniok (md)

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