Tödliches Ritual

todliches-ritual1Marina Heib
Tödliches Ritual
Christian Beyer 3

Piper Verlag, München, 5/2009
PB mit Klappbroschur, Krimi
ISBN 9783492271608
Titelgestaltung von Cornelia Niere, München unter Verwendung eines Motivs von Pawel Piatek/Trevillion Images

www.piper.de

Die erste Frauenleiche liegt in den Anlagen des Botanischen Gartens, hingerichtet mit dreißig Messerstichen. Die Tochter der Bürgermeisterin ist ein weiteres Opfer, erdrosselt und mit einem ausgelöffelten Auge. Der Göttinger Polizeichef Markus Lorenz ist der Grausamkeit dieses Falls nicht gewachsen. Und selbst der hinzugezogene Sonderermittler Christian Beyer tappt im Dunkeln. Erst die Intuition der Psychologin Anna Maybach führt zu einer Spur. Denn Anna erkennt ein System hinter den einzelnen Morden: Der Täter schlägt nur an keltischen Festtagen zu. Und der Höhepunkt steht noch aus: die Walpurgisnacht. Abgründig, packend, originell – auch dieser Roman von Marina Heib verspricht absolute Hochspannung.

Zuerst besticht der Erzählstil der Autorin, die eine lebendige, unterhaltende und dennoch tiefgründige Art hat, den Leser zu fesseln. Es gehört zu ihren Stärken, wirkliche Charaktere zu schaffen, die nicht blutleer und konstruiert agieren, sondern menschliche Stärken und Schwächen erkennen und oftmals vergessen lassen, dass man sich nicht real mit ihnen in Göttingen befindet. Genau dort spielt das Gros der Handlung, denn Markus Lorenz, Erster Hauptkommissar bei der Göttinger Kripo, bekommt es mit einem Fall von Ritualmorden zu tun, in denen junge Frau bestialisch zu Tode kommen.

Doch Markus Lorenz hat auch mit persönlichen Abgründen zu kämpfen. Seit dem Freitod seiner Frau Ellie rutscht er immer mehr ab und wird zum Alkoholiker. So bittet er seinen Freund Christian Beyer aus Hamburg um Hilfe. Dieser reist mit seiner Freundin Anna Maybach von Hamburg nach Göttingen und findet seinen Freund, der mittlerweile fristlos gekündigt hat, völlig verändert und haltlos vor. Somit wird der erste Handlungsstrang rund um das Ermittlerteam – flott erzählt – eingeführt und aufgebaut. Der zweite Strang bietet den Blickwinkel des Täters.

Interessant sind hier die kurzen Sukkubus-Tendenzen, die die Beweggründe des Mörders untermauern, aber auch, dass die Autorin ebenfalls dem Leser die Möglichkeit einräumt, aus seiner Sicht die Taten zu sehen und zu empfinden. Man spürt, wie sehr der Täter gegen die ‚fleischlichen Versuchungen’, die ihn im Schlaf heimsuchen, ankämpft, ihnen erliegt und sich am folgenden Morgen dafür verdammt – und seinen Hass auf Frauen schürt. „Gering ist alle Bosheit gegen die Bosheit der Frau“, so befindet der Täter und nährt jenen Hass, der ihn in den Wahn treibt, die Welt vor dieser Versuchung befreien zu müssen, somit ein ‚gutes Werk’ an der Gesellschaft zu leisten, für die er jedoch im Grunde nur Verachtung verspürt.

„Der Mörder war sicher, dass einige Menschen da draußen auch etwas in sich spürten. Eine Sehnsucht nach mehr, ein Verlangen nach Höherem. Aber sie folgten dem Ruf nicht. Sie hatten Angst. Polsterten ihre Zweifel ab mit Bausparverträgen und Jahresurlauben in der Türkei. Gingen weiter jeden Morgen zum Busbahnhof oder in die Garage, fuhren zur Arbeit, verdienten ihre Brötchen, fuhren nach Hause und aßen ihr Abendbrot vor dem Fernseher. Ob die Männer, das alles nur taten, damit sie des Nachts in den Schoß ihrer Frauen schlüpfen durften?“

Zumindest bei solchen Gedankengängen des Täters, ist er dem Leser erschreckenderweise nicht fremd, weil er ihm einen Spiegel vorhält. Doch spätestens bei seinen Taten trennen sich die Wege wieder, denn er empfindet emotionale und sexuelle Befriedigung, wenn er die Frauen brutal meuchelt und sich vom Beherrschten zum Herrscher wandelt. Und somit beginnt er an Halloween mit seiner Mordserie und folgt seiner ‚Berufung’ in der Nacht, in der sich die Grenze zwischen den Welten (Diesseits und Jenseits) öffnet. Die Tote, die im Alten Botanischen Garten gefunden wird, hatte zuvor ausgelassen auf einer Kostümfeier der Göttinger Uni Georgia August gefeiert. Irgendwie scheinen sehr schnell die Fäden bei eben jener Uni zusammenzulaufen. Auffällig ist dort die Burschenschaft ‚Herculania’, in der Alexander Demant das Sagen hat, der sich wie etwas Besseres aufführt. Ein Abzeichen der Vereinigung wird bei einem der Opfer gefunden, und so steht die Burschenschaft schon bald im Fokus des Ermittlerteams. Anna Maybach fällt auf, dass die Tatzeitpunkte der Morde keltischen Feiertagen zugeordnet werden können. Das Finale gipfelt darin, dass der Täter beim letzten Ritualmord gleich drei Frauen töten will – können Markus Lorenz und sein Team das verhindern?

Prägnante Charaktere beleben den Roman, allen voran Markus Lorenz, der nicht nur mit dem Fall sondern auch mit seiner Alkoholsucht kämpft, aber auch die Oberbürgermeisterin Marlene Falck, deren Tochter eines der Opfer wird, wodurch ihre Mutter den Boden unter den Füßen verliert. Und auch Christian Beyer und seine Freundin Anna – nein: im Grunde jeder Charakter dieses temporeichen Krimis, seien es die Kollegen von Markus Lorenz, Freunde, Christian Beyers berufliches Umfeld. Dann wäre da noch der Lokalkolorit, der spielerisch einfließt. Alles ist facettenreich erzählt, und die Handlung hat weder Längen, noch verliert sie an Fahrt.

Bis zum Schluss öffnen sich immer wieder neue Aspekte, denn der Leser glaubt zwar, dem Mörder sehr schnell auf der Spur zu sein, wird aber doch zum Schluss noch eines Besseren belehrt. Die Aufmachung des Titels ist ohne Fehl und Tadel und sehr ansprechend. Handlich, mit einer schönen Klappenbroschur (mit schwarzen Innenseiten), erstklassigem Papier und einem stimmigen Covermotiv. Einziges kleines Manko: Bei den „Aufzeichnungen des Täters“ hat sich der Blocksatz verabschiedet, was sehr unschön aussieht. Doch das mindert den Lesegenuss und auch die Freude an dem Buch nicht.

Fazit: Lebendig erzählter intelligenter Krimi, der wundervoll unterhält und Lust auf mehr Romane von Marina Heib macht! (AB)

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