Und dann kam das Wasser

Dagmar Isabell Schmidbauer
Und dann kam das Wasser
Steinbacher & Hollermann 3

Edition Renumero, Reichenau, 10/2013
TB, Regional-Krimi
ISBN 978-3-943395-02-0
Titelgestaltung von Christine Fuchs, Freyung unter Verwendung eines
Fotos von Guido Thomas/fotolia und  creAtive/fotolia
Karte von N. N.
Vignette von N. N.

www.renumero.de
www.dagmar–schmidbauer.de

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Sommer 2013: Das sogenannte Jahrhunderthochwasser bedrohte die Menschen vieler Ortschaften in Deutschland und den Anrainerstaaten. Die Schutzmaßnahmen konnten allenfalls den Schaden begrenzen, oft jedoch nicht einmal das. Die anschließenden Aufräumarbeiten machten erst deutlich, wie unberechenbar die Natur, wie machtlos der Mensch ist und wie teuer (materiell und ideell) die Katastrophe für den Einzelnen ausfiel. Dagmar Isabell Schmidbauer, die selbst in Passau lebt, recherchierte – das verrät sie im Nachwort – über die regelmäßigen Hochwasser von Donau, Inn und Ilz, die diese Stadt heimsuchen, und wurde unerwartet kurz vor Fertigstellung des Buchs von der Realität eingeholt, sodass sie es einer intensiven Überarbeitung unterzog. Die Geschehnisse sind fiktiv, nicht aber die dramatische Kulisse, vor der das Ermittler-Duo Franziska Steinbacher und Hannes Hollermann einen kniffligen Fall zu lösen versuchen.

In einem zum Verkauf stehenden Haus wird die Leiche eines Mannes gefunden. Die Bergung misslingt, und so sind einige Fotos und der Name der Erbengemeinschaft die einzigen Hinweise, die die Kommissare Franziska Steinbacher und Hannes Hollermann haben. Ausgerechnet die wichtigsten Personen, die sie befragen wollen, scheinen verschwunden: Christian Beinhuber, der als einziger von vier Brüdern das Haus behalten möchte, und Viktor Mooslechner, der Anwalt, der bereits mit einem Interessenten in Verbindung steht. Noch während die Beamten im Dunkeln tappen, springt eine Rumänin aus dem Fenster eines Hochhauses. Wolfgang Jäger, dessen Büro sie durchqueren musste, und seine Sekretärin, die gehbehinderte Eva Heinzl, sind schockiert und können sich nicht erklären, warum die Frau ausgerechnet eines ihrer Bürofenster wählte und was sie zu dieser Verzweiflungstat getrieben haben mochte. Angeblich kennt niemand den Namen der Toten oder vermisst sie. Schon bald vermuten Franziska und Hannes eine Verbindung zwischen der Unbekannten und der ebenfalls aus Rumänien stammenden Putzfrau der Mooslechners. Sie sind davon überzeugt, dass Adina Macarescu Angst hat und darum schweigt. Auch Wolfgang Jägers Verhalten gibt Anlass, ihn im Auge zu behalten, was Eva Heinzl ebenfalls findet, die auf eigene Faust einem Verdacht nachgeht und sich damit in Gefahr begibt. Als das Hochwasser endlich zurückgeht, ist die Leiche nebst allen Spuren fort – vermutlich vom Mörder entfernt und entsorgt worden …

Wie schon von den beiden vorherigen in sich abgeschlossenen Passau-Romanen „Marionette des Teufels“ und „Der Tote vom Oberhaus“ wird der Leser auch in „Und dann kam das Wasser“ sehr schnell in die Handlung hineingezogen. Dafür wäre der Reißer zu Beginn, der erst am Ende vollständig aufgeklärt wird, gar nicht mal notwendig gewesen, zumal er nur ein Beispiel liefert für das skrupellose Vorgehen von Schleuserbanden, die junge Frauen mit der Aussicht auf das Schlaraffenland nach Deutschland locken und sie dann erpressen, in ihre Machenschaften verspricken und ausbeuten. Dieser Aspekt wirft prompt ein völlig neues Licht auf das Mordmotiv, da sich herausstellt, dass es sich keineswegs um einen entgleisten Streit unter Erben oder die Agitationen eines gewinnorientierten Käufers handelt.

Stück für Stück tragen die Beamten die Puzzleteile zusammen, spekulieren, verrennen sich in einer Sackgasse, gelangen durch neue Hinweise zurück auf die richtige Fährte und ziehen letztendlich die richtigen Schlüsse, teilweise dank des glücklichen Zufalls, der in Form eines zunächst namenlosen Beobachters, von Eva Heinzl und Oberstleutnant a. D. Klaus Strebmann die Dinge zum Ende hin ins Rollen bringt, sodass ein rundes Bild entsteht, welches keine Fragen offen lässt. Dass Dagmar Isabell Schmidbauer hier ein wenig trickst, um alle losen Fäden zu verknüpfen, nimmt man ihr nicht übel, da der Krimi trotzdem nicht bemüht konstruiert wirkt, denn Zufälle passieren auch im realen Leben. Obwohl die Handlung verschlungen ist und zahlreiche Personen involviert sind, bewahrt die Autorin ihre Souveränität, und auch der Leser hat keine Probleme, den Ereignissen zu folgen. Dabei beweist sich wieder einmal, dass weniger mehr ist, denn es gibt nur so viel Passau, nur so viel Dialekt und nur so viel Mord, wie es der Geschichte dienlich ist. Über die Protagonisten erfährt man gleichfalls nur das Relevante. Nichts wird unnötig ausgewalzt.

Allein die Hauptfiguren Franziska Steinbacher und Hannes Hollermann werden detaillierter geschildert und laden dazu ein, den Fall durch ihre Augen (insbesondere die der Kommissarin) zu sehen. Franziskas Beziehung zu dem Künstler Walter Froschhamer hat sich gefestigt, wenn auch nicht in dem Maße, wie sie es sich wünscht. Als er ohne sie wegen eines Auftrags für einige Zeit nach Sizilien reist, wenig Zeit für Telefonate hat und die brisanten Ermittlungen verhindern, dass sie ihn besuchen kann, schwankt sie immer wieder zwischen Sehnsucht und Eifersucht, gepaart mit Frust und Wut. Auch Hannes ist nach der langen Trauer um seine große Liebe wieder bereit, privates Glück zu suchen. Die entsprechenden Szenen verwässern die Krimihandlung jedoch nicht, sondern zeigen, dass die Ermittler ganz normale Menschen sind, die ein erfülltes Leben neben ihrem Beruf führen wollen. Sie haben Stärken und Schwächen, können ihre Launen nicht immer unterdrücken – und das macht sie sehr sympathische und glaubwürdig.

Das Hochwasser (und das hohe Grundwasser) bietet einen dramatischen Hintergrund, der glücklicherweise nicht durch eine übertriebene Inszenierung ausgeschlachtet wird. Relativ nüchtern wird beschrieben, wie der Pegel steigt und immer mehr Menschen aus ihren Wohnungen vertreibt, welche Maßnahmen ergriffen werden, um die Besitztümer einigermaßen zu schützen, wie die Bevölkerung durch Stege und Boote mobil bleibt, wie Betroffene und Helfer während der Krise und danach bis zur Erschöpfung arbeiten, um das Chaos einzudämmen. Was man gar nicht findet, sind ‚kluge Überlegungen‘, die im Katastrophenfall von allen Seiten angestellt werden, wie man Vergleichbares in Zukunft verhindern kann – und dann geschieht doch nichts, da die Gemeinden mit ihren Problemen allein gelassen werden, Maßnahmen durch den Egoismus einzelner verhindert werden, es an Zusammenarbeit und finanziellen Mitteln mangelt.

Nicht verkneifen konnte sich die Autorin den kleinen Seitenhieb auf namhafte Politiker, die dank eines solchen Ereignisses während des Wahlkampfs sofort vor Ort erscheinen, tiefste Betroffenheit und Verbundenheit mit den Opfern demonstrieren, großzügig Hilfe versprechen, wichtige Hände schütteln und dann zur nächsten Veranstaltung abrauschen, bevor sie einen Schlammspritzer abbekommen könnten.

Hat man mit der Lektüre von „Und dann kam das Wasser“ erst einmal begonnen, möchte man das Buch nicht aus der Hand legen, bevor man die letzte Seite gelesen hat. Die Kulisse ist realistisch und sorgfältig recherchiert, die Handlung ist vielschichtig und spannend, das Thema (Schleuserbanden und ihre skrupellosen Kontaktpersonen im Inland, Massen-Migration aus südöstlichen EU-Staaten) aktuell und regelmäßig in der Presse, die Personen und ihre Konflikte sind nachvollziehbar – man wird rundum bestens und anspruchsvoll unterhalten und kann es kaum erwarten, bis der nächste „Steinbacher-Hollermann“-Krimi erscheint.

Copyright © 2013 by Irene Salzmann (IS)

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