Villa der Schatten

David Hewson
Villa der Schatten

(Nic-Costa-Serie, Bd. 2)

Originaltitel: The Villa of Mysteries (London: Macmillan 2003)
Übersetzung: Hedda Pänke
Deutsche Erstausgabe (geb.): August 2005 (Ullstein Verlag)
447 S.
ISBN-10: 3-550-08612-1
Neuausgabe: März 2007 (Ullstein Verlag/TB Nr. 26647)
447 S.
ISBN-13: 978-3-548-26647-3

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Das geschieht:

Noch angeschlagen von seinem letzten Fall, der seinen Partner das Leben kostete und ihm selbst einige Schussverletzungen einbrachte, muss Kriminalpolizist Nic Costa einen bizarren Fall übernehmen: In einem kleines Moor unweit der italienischen Hauptstadt Rom findet ein US-amerikanisches Touristenpaar die Leiche einer jungen Frau mit durchschnittener Kehle. Der Schlamm hat Eleanor Jamieson perfekt konserviert, obwohl sie dort seit 16 Jahren liegt. Eigenartigerweise ist sie im Stil der römischen Antike gekleidet und trägt einen Stab bei sich, der dem uralten Kult des Gottes Dionysius zugeordnet werden kann.

Hat sich der Kult, dessen Riten Menschenopfer forderten, über zwei Jahrtausende halten können? Oder ließ ihn eine moderne Sekte wieder aufleben? Steckt gar ein banaler Gangsterkrieg hinter dem Mord? Eleanors Stiefvater entpuppt sich als ehemaliger Drogendealer, der sich zum Zeitpunkt des Verschwindens seiner Tochter mit dem brutalen Mafiaboss Emilio Neri angelegt hatte. Zudem ist Vergil Wallis ein Fachmann für die antike römische Geschichte, der wenig glaubhaft Unkenntnis über den Dionysius-Kult vorgibt.

In Rom verschwindet Suzi Julius, die Eleanor wie eine Schwester gleicht. Zu ihrem Pech erfüllt sie eine wichtige Voraussetzung, die sie zur idealen Figur eines dionysischen Rituals prädestiniert: Sie ist noch Jungfrau. In zwei Tagen wird das große Kultfest stattfinden. Dies markiert die Frist, die Nic Costa und seinen Kollegen bleibt, um Suzi zu retten. Doch Costa & Co. kämpfen nicht nur gegen die Zeit: Die Mitglieder der Sekte sorgen gewalttätig für ihre Anonymität. Auch der alte Neri mischt plötzlich wieder mit. Mögliche Zeugen sterben, die Ermittler geraten unter Druck. In einer finsteren Höhle treffen Freunde & Feinde schließlich aufeinander und lassen die Antike mörderisch aufleben 

Rom im gruselromantischen Durchflug

Dieser Handlungsstrang um finsterboldige Halsabschneider ist es denn auch, der die Leser bei Laune hält. Hewson hat ihn zwar konventionell und mit gar zu vielen spannungsheischenden Szenenwechseln aber gleichzeitig sorgfältig aufgebaut und unterhaltsam entwickelt. Halb vergessene Geheimnisse und ebensolche Ruinen sowie Geheimgesellschaft kommen immer gut in diesen Tagen von Illuminati & Co., wobei auf die Logik des Erzählten nur bedingt Rücksicht genommen werden muss. Dass Dionysius alias Bacchus ein antiker Gott war, der es gern orgiastisch krachen ließ, ist sogar dem historischen Laien in der Regel bekannt. Bereitwillig lässt er sich deshalb auf das Spektakel ein, das munter über und unter der römischen Erde stattfindet und mit vielen hübschen Schauerlichkeiten in düsteren Winkeln und Labyrinthen aufwartet.

Weniger gelungen ist die Verklammerung dieses Mystery-Plots mit dem kriminellen Geschehen der Gegenwart. Allerlei Schurken diverser Sparten des organisierten Verbrechens wirken mit; ihre bedrohliche Allmacht erscheint bei Hewson freilich so realistisch wie in einem James-Bond-Film. Was immer auch geschieht, man kennt es aus anderen Geschichten und Filmen. Das ist zwar bei vielen Thrillern ähnlich, doch selten wird es so offensichtlich wie hier. Ganze Kapitel lassen sich – auch wegen zunehmender Längen im Text – überfliegen oder überspringen, ohne dass man der Story etwa nicht mehr folgen könnte; kein gutes Zeichen ist das!

Rom bleibt nur Kulisse. Mächtig müht sich der Autor um Authentizität; er kennt sich aus im komplizierten Gefüge der italienischen Ordnungsmächte, mit der römischen Geschichte und Geografie, geizt nicht mit typischen Details, die Rom zur „Ewigen Stadt“ erheben. In der Umsetzung wirkt das alles jedoch nur angelesen und bemüht zum Einsatz gebracht. Immer hat man bei der Lektüre wirklich den Eindruck, mit Nic Costa einen US-Cop im Auslandseinsatz zu beobachten.

Figuren aus dem Puppentheater

Kommen wir vom Mysterien- zum Trauerspiel: In Sachen Figurenzeichnung fällt „Villa der Schatten“ eindeutig in die letzte Kategorie. Da haben wir Nic Costa, den psychisch und physisch angeschlagenen, von den Vorgesetzten misstrauisch beäugten, mit sich selbst hadernden aber anständigen, fähigen, rücksichtsvollen Polizisten, der seine diversen Wehwehchen ausführlich vor den Lesern ausbreiten darf, denen derlei schon viel zu oft und meist besser präsentiert wurde. So begabt ist David Hewson als Schriftsteller nicht, dass er seinen Figuren Tiefe verleihen könnte.

Die Klischees nehmen bei den Nebenfiguren sogar an Intensität noch zu. Da haben wir also Gianni Peroni, den unkonventionellen Buddy-Cop, der die zweite Geige neben Costa spielt und durch seine offensive Art den reichlich langweiligen Hauptdarsteller konterkarieren soll. Siehe da, eine störrische Pathologin, die es nicht im Seziersaal hält, geistert ebenfalls durchs Geschehen. Natürlich ebenfalls anwesend: ein mürrischer Chef, der seine Untergebenen ordentlich knechtet – aber nur zu deren Besten, wie sich mehrfach herausstellt.

Eher lächerlich als böse

Die Bösen: bekannt bis zum Überdruss aus einschlägigen Kinothrillern und TV-Serien. Da haben wir den vertierten Mafiaboss, der sich exakt so zu benehmen pflegt, wie es für Strolche seines Schlages typisch ist; er lässt morden, erpresst und prügelt, um sich im nächsten Moment seufzend über die Leiden des Alters, den moralischen Verfall der Welt und diverse Alltagsprobleme zu verbreiten. Selbstverständlich hat er einen Sohn, der nur dumm und brutal ist, selbst Boss sein will, doch vom ‚Geschäft‘ nur das versteht, was ihn das wiederholte Anschauen von „Der Pate“ gelehrt hat. Dritte im Bunde: die schöne aber durchtriebene Edelgattin des Alten, die es insgeheim mit dem Junior treibt und ihr eigenes Mafiasüppchen kocht.

Die Dionysius-Jünger: Sektenspinner auf Dan-Brown-Niveau, d. h. unter Berufung auf angeblich authentische historische Quellen schlecht erfundene Butzemänner, deren Heimlichtuerei für den Erfolg der Handlung wichtig ist, weil sie sich absolut lächerlich aufführen, sobald sie ins Zentrum des Geschehens rücken. Nein, selbst simple Feierabend-Lektüre sollte ein wenig interessanter sein als diese blasse Kopie eines Reißbrett-Bestsellers!

Autor

David Hewson wurde 1953 in Yorkshire, England, geboren. Schon früh, mit 17 Jahren, begann er als Journalist für ein lokales Blatt zu arbeiten, wechselte 1977 zur ehrwürdigen „Times“, 1986 zum „Independant“ und arbeitete später als freier Journalist für praktisch sämtliche britischen und nordamerikanische Zeitungen, was er bis auf den heutigen Tag fortsetzt. Sein Spezialgebiet ist die Computertechnologie, die er seinen Lesern in möglichst leicht verständlicher Form vorstellt.

Nach eigener Auskunft dachte Hewson, der Journalist, schon früh daran, sich als Romancier zu versuchen. Doch es dauerte bis 1994, um Worten Taten folgen zu lassen. Da Hewson als Spanien schätzt (diverse Bücher künden von seinen Reisen) und dieses Land und seine Leute kennt, lag der Gedanke nahe, für den nun anstehenden Roman-Erstling den Exoten-Bonus zu nutzen. „Semana Santa“, ein Thriller mit (vorgeblichen) leichten Schauer-Elementen, wie wir sie auch in “Die Strohpuppe” finden, entstand 1994 und entwickelte sich binnen kurzer Zeit zu einem kleinen Bestseller, der Hewson einen „W. H. Smith Fresh Price“, vor allem aber einen lukrativen Buchvertrag einbrachte.

Nachdem seine Autorenkarriere abzuflauen begann, entwickelte Hewson die Serie um den (selbstverständlich) unkonventionellen römischen Polizisten Nic Costa, die auch hierzulande beim Publikum großen Anklang fand und bis heute fortgesetzt wird – allerdings nicht in Deutschland, wo nur die ersten beiden Bände übersetzt vorliegen.

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Copyright © 2015/2017 by Michael Drewniok (md)

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Die Strohpuppe

Die Katakomben von Paris

Die Sekte

Bedenke, dass wir sterben müssen

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