Wenn die grauen Falter fliegen

Marion Foster
Wenn die grauen Falter fliegen

The Monarchs are Flying, USA, 1986
Argument Verlag, Hamburg, 06/2007
TB im Kleinformat, ariadne classic 001, Krimi
ISBN 978-3-86754-001-8
Aus dem Amerikanischen von Andrea Krug
Titelgestaltung von Martin Grundmann unter Verwendung eines Fotos von DLTbluefrog

www.argument.de
www.fantasticfiction.co.uk/s/shirley-shea/
www.martingrundmann.de

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Nahezu jeder größere Verlag wartet mit einem Krimi-Programm auf. So auch Argument mit seinen ariadne Krimis. Das Besondere an diesen ist, dass sie nicht dem Mainstream folgen und darin auch keine coolen „James Bond“-Verschnitte an exotischen Schauplätzen die ganze Welt retten. Stattdessen handelt es sich bei den Ermittlern, egal ob sie beruflich an einen Schauplatz des Verbrechens gerufen werden oder zufällig in einen Konflikt hinein schliddern und aus Neugierde ein wenig schnüffeln, um Durchschnittstypen, mit denen sich der Leser leicht identifizieren kann. Entweder wühlen sie in der unmittelbaren Nachbarschaft im spießbürgerlichen Schmutz (Lisa Kuppler: „Tödlichs Blechle“), zeigen sich politisch und feministisch (Barbara Ahrens: „Operation Schönheit“) oder sind Außenseiter der Gesellschaft durch ihre sexuelle Orientierung (Joseph Hansen: „Nachtarbeit“, Christine Lehmann: „Teufelsg‟walt“) – oder alles zusammen.

Die Autorinnen und Autoren vermeiden es, mit dem moralisch erhobenen Zeigefinger auf Probleme und Tabus zu zeigen, vielmehr informieren sie im Rahmen einer spannenden, dramatischen Geschichte und fordern den Leser auf, nachzudenken und sich eine eigene Meinung zu bilden. Marion Foster ist das Pseudonym der kanadischen Autorin Shirley Shea (1924 – 1997). Ihr Krimi „Wenn die grauen Falter fliegen“ stammt von 1986, doch die Themen haben nichts an Aktualität eingebüßt, denn immer noch haben Frauen in vielen Regionen weniger Rechte als Männer, werden aufgrund ihres politischen und sozialen Engagements, ihrer sexuellen Orientierung etc. ausgegrenzt, sogar verfolgt und der Willkür einer reaktionären Gesellschaft und Justiz ausgeliefert. Die Journalistin Leslie Taylor wird eines Tages zu einer Routinebefragung auf die Polizeistation von Spruce Falls gebeten. Marcie Denton, eine ehemalige Geliebte, wurde in einem Motel misshandelt und ermordet aufgefunden, und die wenigen Hinweise lassen den Schluss zu, dass Leslie die Letzte war, die Marcie lebend gesehen hat. Obwohl es keine konkreten Beweise gibt, wird Leslie verhaftet.

Die Beamten spielen ‚guter Cop, böser Cop„, um sie zu zermürben und ihr Informationen zu entlocken, die sich gegen sie verwenden lassen. Der Verteidiger, der ihr empfohlen wurde, drängt sie, sich schuldig zu bekennen, um das Verfahren abzukürzen, die Staatskasse somit zu entlasten und ein saftiges Honorar für wenig Arbeit einzustreichen. Es kommt aber noch schlimmer: Marcies Mann will Leslie den Mord um jeden Preis in die Schuhe schieben und setzt eine ihm bekannte Staranwältin auf den Fall an. Harriet Fordham-Croft kann ihren Klienten nicht sonderlich leiden. Auch das miefige Spruce falls gefällt ihr überhaupt nicht. Schnell wird ihr klar, dass es nicht um Rechtsprechung geht, sondern eine Hexenjagd im Gang ist und das Opfer, das in der Vergangenheit durch ihre Recherchen einigen Leuten zu sehr auf die Zehen trat und nun auch noch als Lesbe geoutet wurde, keinerlei Chance auf einen fairen Prozess hat. Am Tatort entdeckt sie Spuren, die von der Polizei übersehen wurden. Plötzlich ist Harriets Gerechtigkeitssinn hellwach. Sie will die Wahrheit aufdecken und Leslie aus dem Gefängnis holen.

Schon nach wenigen Seiten ist man so von der Lektüre gefangen, dass man sie nicht mehr zur Seite legen will, bevor man die letzte Seite gelesen hat. Marion Foster schildert eindringlich und überzeugend einen wahren Albtraum, wie ihn keiner durchleiden möchte: Ohne genau zu wissen, worum es geht, begleitet eine junge Frau zwei Beamte und wird nach einem langwierigen Verhör, bei dem man ihr einen Mord unterstellt, um einen Zusammenbruch und ein Geständnis zu erzwingen, ins Gefängnis geworfen. Der angeblich verständnisvolle Beamte erweist sich als homophob und damit als noch gefährlicher als sein polternder, offen chauvinistischer Kollege. Im Frauengefängnis wird Leslie von der Wärterin bespitzelt und muss sich mit ihren rauen Mithäftlingen arrangieren, wobei sie Glück hat, dass sie von einer resoluten Frau unter die Fittiche genommen wird. Der Verteidiger, den Schuld und Unschuld gar nicht interessieren, steckt mit den Beamten unter einer Decke und erdreistet sich, Honorarforderungen für Leistungen, die er nicht erbrachte, an Leslies Eltern zu richten, nachdem sie ihn entlassen hatte.

Auch Marcies Mann, der seine ‚männliche Ehre„ verletzt sieht, weil die junge Frau ihn verlassen wollte und sich von ihrer Ex Hilfe erhoffte, will ein schnelles und hartes Urteil durchsetzen. Die Mittel, die er anwendet, erweisen sich als Leslies Glück, denn Harriet lässt sich nicht manipulieren und durchschaut das abgekartete Spiel. Es scheint, als gäbe es nun Hoffnung. Kann Harriet genug Beweise finden, die die Unschuld ihrer Mandantin belegen und den wahren Täter offenbaren? Man muss nicht einmal eine Feministin sein, um Sympathien für die beiden weiblichen Hauptfiguren zu entwickeln und die Männer als ‚die Bösen„ zu entlarven. Letzteres mag schon etwas plakativ erscheinen, aber wer kennt keine solchen Negativbeispiele, wer hat noch nicht durch die Medien von solchen Fällen gehört? Außerdem entdeckt man genügend männliche Charaktere, die es schaffen, sich von ihren überholten Denkschemata zu lösen (Leslies Vater), und die kein Problem damit haben, für eine Frau zu arbeiten (Clarence Crossley).

Vor allem als Leserin leidet man mit Leslie, die eine Menge durchmacht, und fiebert man mit Harriet, die systematische Recherchen anstellt und eine Strategie ausarbeitet, wie sie ihre Klientin vor Gericht vertreten will. Vorurteile, Homophobie und polizeiliche/juristische Willkür werden angeprangert, aber auf subtile Weise. Darüber wird der Mord von der Autorin bewusst in den Hintergrund gedrängt, um zu verdeutlichen, dass es den involvierten Personen weniger um die Aufklärung des Verbrechens geht als um die Verurteilung – um die Statuierung eines Exempels – einer unbequemen Person und die persönliche Befriedigung. „Wenn die grauen Falter fliegen“ ist ein Krimi, den man nicht so schnell vergisst. Der Roman beeindruckt durch realistische Charaktere und eine dramatische, glaubwürdige Handlung, in die die Gesellschaftskritik gelungen verpackt wurde. Zweifellos einer der Top-Titel von Argument, der zu Recht eine Neuauflage in der ariadne classic-Reihe erfuhr!

Copyright © 2010 by Irene Salzmann (IS)

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