„Nur für Erwachsene“ – Rock- und Popmusik: zensiert, diskutiert, unterschlagen

Roland Seim/Josef Spiegel (Hg.)
„Nur für Erwachsene“ – Rock- und Popmusik: zensiert, diskutiert, unterschlagen

Originalausgabe = dt. Erstausgabe: Oktober 2004 (Telos Verlag)
246 S.
ISBN-13: 978-3-933060-16-7

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Inhalt:

Ein Blick auf die Geschichte der Zensur in der Rock- und Popmusik, verknüpft mit den politischen, soziokulturellen und religiösen Hintergründen, gegliedert in fünf Großkapitel:

Josef Spiegel erinnert mit „Die Geburtsstunde des Rock’n’Roll: ein halber Elvis“ an die „Frühgeschichte“ jener Musik (nach 1945), die entsetzten Tugendwächtern als gezielte Attacke des Teufels erschien (S. 7-13). Roland Seim erläutert unter dem Titel „Staat und Tat. Welche Musik der deutschen Obrigkeit nicht passt“ (S. 14-24) ein besonders düsteres Kapitel: Diejenigen, die uns Bürger unsere Freiheit/en garantieren sollen, verfügen über die Macht und die Instrumente, uns genau diese vorzuenthalten, wobei Gesetz & „gesunder Menschenverstand“ meist ideologische Motive bemänteln. Wiederum Josef Spiegel beschäftigt sich mit „Unbedarftheit und Kalkül: Rockgruppen und ihr Umgang mit Symbolen und Gedanken des Faschismus“ (S. 25-30). Er stellt die Zensurfrage aus einer ganz anderen Richtung und zeigt, dass Zensur ein probates Mittel sein kann Bands in Schach zu halten, die – weil kriminell, dumm oder kriminell dumm – ihr Heil weniger in der Musik als in der linken/rechten Propaganda und/oder in der Provokation suchen.

Eine besonders verfolgte Sparte der Rockmusik greift sich Willem Pasinski heraus: „Heavy Metal. Zensurversuche, Vorurteile und Wahrheiten“ (S. 31-37). Dennis Büscher-Ulbrich widmet sich besonders perfider Zensurstrategien jenseits des Großen Teiches: „Ideologisch motivierte Musikzensur in ,God‘s Own Country’ – Mechanismen der Zensur im Kampf um die amerikanische ,Mainstreamkultur’“ (S. 38-44). Jacob Sello erklärt die Rolle des Gesetzes als Handlanger der Zensur in „Neue Tanzverbote in Amerika? – Der Rave Act und seine Konsequenzen für die amerikanische Technoszene“ (S. 45-47). Ganz aktuell berichtet schließlich Christiane Rohr über „Musiker unter Druck: Zensorische Maßnahmen in Zeiten des Krieges (am Beispiel des Irak-Krieges)“ (S. 48-53).

Den Aufsätzen folgt auf den Seiten 54-132 ein umfangreicher Abbildungsteil, der das zuvor Geschriebene einerseits erläutert und vertieft, andererseits aber auch neue Aspekte der Zensur in der Rock- und Popmusik präsentiert: „Motive für Zensur: Platten- und CD-Cover“ fasst die eigenständige „Kunstgeschichte“ dieses Mediums als Mittel der Willensbekundung und der Provokation zusammen. Es folgen zahlreiche Beispiele für Zensur, wobei das beanstandete Cover der später genehmigten Fassung gegenüber gestellt ist. Unterteilt wird dieser Teil in die Kapitel „Vorwurf: Sex und verfängliche Situationen“, „Frauenfeindlichkeit“, „Vorwurf: Verletzung von Moral, Sitte und Anstand“, „Vorwurf: Gewaltdarstellung und Gewaltverherrlichung“, „Vorwurf: Political Incorrectness“.

Ein lexikalischer Teil schließt sich an (S. 133-238), der berühmte und weniger bekannte Zensur-Maßnahmen und -Skandale in kurzen Artikeln beschreibt. Die alphabetische Ordnung orientiert sich primär an den Namen von Bands und Sängern. Weiterhin werden die wichtigsten Institutionen genannt, die Zensur ausüben oder einsetzen. Eine „Bibliographie zur Musikzensur“ listet zwecks weitergehender Beschäftigung mit dem Thema einschlägige Sekundärliteratur auf (S. 239-241). Ein Textanhang mit beanstandeten Texten und Textauszügen schließt das Buch ab (S. 242-246).

Wichtiges Thema nur als Überblick

Zensur ist wie die Steuer & der Tod ein integraler Bestandteil der Menschheitsgeschichte. Seit jeher bestimmen die Obrigkeit oder selbst ernannte Tugendwächter, was die dumme Masse lesen, sehen, hören oder sagen darf. Die Musik ist davon selbstverständlich nicht ausgeschlossen bzw. steht sogar unter besonders intensiver Aufsicht: Rock- und Popmusik ist immer auch Medium des (jugendlichen) Protests, der Provokation, der schwer zu kontrollierenden Emotionen. Das vorliegende Buch – der Begleitband zu einer gleichnamigen Ausstellung – beschränkt sich auf die letzten fünf Jahrzehnte Musikgeschichte und muss mit Beispielen für Zensur wahrlich nicht geizen.

Seim & Spiegel machen dabei deutlich, dass Zensur nicht ausschließlich von staatlichen oder (im weitesten Sinn) kirchlichen Kräften ausgeht. Sie wird genauso häufig als wirtschaftliches Instrument eingesetzt, wenn beispielsweise Musikfirmen ohne gesetzlichen Grund “angestellten” Musiker dazu zwingen, ihrem eingespielten Album ein neues Cover zu geben, weil das eigentlich vorgesehene nach Ansicht der Marktstrategen nicht die angepeilte Zielgruppe erreicht oder – wiederum durchaus im Rahmen des Erlaubten – möglicherweise einflussreiche Gruppen (Glaubensgemeinschaften, Frauenbewegungen, Minderheitenvertreter) beleidigt, was sich negativ auf die Verkaufszahlen auswirken könnte. Und es wird noch komplizierter: So manche Gruppe übt sich aus genau diesen Gründen in Selbstzensur, will sich gar nicht als provokant und aufmüpfig vermarkten lassen, sondern statt dessen Musik machen, die sich möglichst gut verkaufen lässt.

Spannende Fragen werden also aufgeworfen. Leider können die Autoren diese nur bedingt beantworten. Wollen sie dies überhaupt? „Nur für Erwachsene“ ist kein eigentliches Sachbuch zum Thema Zensur. Es fehlt ein roter Faden, der das Thema von A bis Z durchdekliniert. Stattdessen lesen wir einen Katalog, der jene, welche die gleichnamige Ausstellung nicht besuchen können, mit dem dort vorgestellten Material konfrontiert. „Nur für Erwachsene“ ist primär im Bild- und im Lexikonteil eine Faktensammlung, die höchstens einen wenig tiefschürfenden Einstieg in Geschichte der Zensur in der Rock- und Popmusik bietet. Unzählige Fallbeispiele versammeln die Autoren. Die sind – wie die Streitigkeiten um die erlaubte Verwendung von Nacktheit, Gewalt, satanischer oder Nazi-Symbolik – typisch für das Thema, oft jedoch – wie das eifrig-absurde Wegretuschieren von Zigaretten, Flaschen oder anderen verdächtigen Objekten in Musikerhänden – einfach nur skurril.

Sternstunden für Tugendbolde

Intensiver können Zensurfragen in den wenigen Aufsätzen thematisiert werden. Hier zeigt sich ihre Aktualität besonders deutlich. Christiane Rohr verschafft uns einen beklemmenden Eindruck in den Mechanismus der Zensur, deren in ‚normalen‘ Zeiten recht machtlosen Vertreter stets in Krisenzeiten Oberwasser bekommen.

Der Anschlag vom 21. September 2001 setzte in den USA nicht nur den Irakkrieg in Gang, sondern verschaffte den Gegnern ‚unpatriotischer‘, sich gegen die Regierung und den Krieg aussprechender, überhaupt „unchristlicher“ und „unmoralischer“ Musiker die willkommene Gelegenheit, gegen “Gegner” wie die Dixie Chicks, Sheryl Crow oder George Michael loszuschlagen, diese offen zu diffamieren und zum Boykott ihrer Musik aufzurufen: Zensur als Rufmord und Drohung Karrieren zu zerstören.

Zensur kann ihren Zweck jedoch auch weniger plump, stattdessen geradezu subtil und deshalb besonders heimtückisch erfüllen. Jacob Sello schreibt vom „Rave Act“, einem raffinierten Quasi-Verbot, das sich wiederum in den USA nicht gegen die angeblich dem Rauschgiftgenuss förderlichen Techno-Raves richtet, sondern gegen die Veranstalter derselben: Sie können zur Verantwortung gezogen werden, sollten ihre Gäste Drogen konsumieren. Angesichts der Aussichtslosigkeit dies zu kontrollieren oder gar zu verhindern ist es verständlich, dass sich das Rave-‚Problem‘ weitgehend von selbst (auf-) löst …

Nüchtern, sachlich – oder langweilig?

Man kann sich durchaus festlesen in diesem Katalog. Viele Passagen überspringt man allerdings gelangweilt. (Willkürlich herausgegriffenes Beispiel: „‚Blondie‘-Frontfrau Debbie Harrys erregte mit ihrem freizügigen Promotion Clip zu ‚Videodrome‘ so starkes Aufsehen, dass die britische BBC die Ausstrahlung des Videos verbot.“ – S. 145. So what?) Wenige Zensurphänomene werden an zahlreichen Beispielen immer wieder durchgehechelt. Hut ab vor der Fleißarbeit der Autoren, aber der Lektüre ist dieses eher vordergründige Faktenhamstern abträglich. Ein wenig irritierend, aber wohl subjektiv zu werten ist wohl der ausdrückliche Hinweis der Herausgeber, dieses Buch Minderjährigen nicht zugänglich zu machen. Wieso eigentlich, da nichts wirklich ‚Schockierendes‘ gezeigt wird? Zumindest für die ab 16-Jährigen – so sie des Lesens heute noch willens oder fähig sind – dürfte „Nur für Erwachsene“ durchaus interessant sein.

Das Layout des Katalogs ist schlicht, was ja kein Nachteil sein muss und in diesem Fall auch nicht ist. Die Qualität der zahlreichen Farb- und SW-Fotos kann sich buchstäblich sehen lassen. Eigentlich wünscht man sich sogar mehr Abbildungen und weniger Lexikon. Ein Manko ist der eindeutig zu papierschwach geratene ‚Einband‘, der seinen Namen wahrlich nicht verdient und zum betont vorsichtigen Blättern in der Broschur-Ausgabe mahnt.

Die nun schon mehrfach erwähnte Ausstellung war u. a. von Januar bis April 2005 im deutschen Rock’n’Popmuseum im nordrhein-westfälischen Gronau zu sehen.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok (md)

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