Der Mitternachtsdom

Peter Nathschläger
Der Mitternachtsdom

AAVAA Verlag UG, Berlin, 1. Auflage: 10/2010
PB, Drama, Mystery
ISBN 978-3-86254-117-1
Titelgestaltung von Tatjana Meletzky

www.aavaa-verlag.de
http://nathschlaeger.com/

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

„Der Dachstein ist der Hauptgipfel des Dachsteinmassivs. Er hat die Form eines Doppelgipfels: Der Hohe Dachstein ist mit 2.995 m. ü. A. der höchste Gipfel des Dachsteingebirges und gleichzeitig der höchste Gipfel der österreichischen Bundesländer Oberösterreich und Steiermark. Diesem ist nördlich in 400 m Entfernung der Niedere Dachstein mit einer Höhe von 2.934 m. ü. A. vorgelagert.“

Das – und manches mehr – verrät die Wikipedia, wenn man Näheres über den Ort erfahren möchte, an dem der Wiener Autor Peter Nathschläger sein Mystery-Drama spielen lässt. Sucht man nach Hinweisen, ob der Geschichte wahre Begebenheiten zugrunde liegen, wird es schon schwieriger, denn Unglücksfälle, bei denen Bergsteiger verletzt wurden oder gar ums Leben kamen, gibt es so einige, und natürlich auch mutige Bergretter, deren Arbeit das Fernsehen dokumentierte. Im Gedenken an eine Schulklasse und deren Lehrer, die bei einer Bergwanderung auf dem Dachstein ums Leben kamen, beschließen die Schüler Martin Thaler und Andreas Seiler, dieselbe Tour zu machen.

Am Ziel hat Martin seltsame Visionen, als würden die Geister der Verstorbenen nach ihm rufen und ihn bitten, ihnen endlich zur ewigen Ruhe zu verhelfen. Am nächsten Morgen glaubt er, geträumt zu haben. Das ergreifende Erlebnis veranlasst die beiden, sich für die Bergwacht zu melden. Mit gerade mal 18 Jahren sind sie die jüngsten Mitglieder. Bei einer groß angelegten Feier mit Pressepräsenz sollen an ihrer Stelle jedoch zwei Politikersöhne auf den Dachstein fahren. Der Leiter der Bergwacht durchkreuzt diese Pläne und schickt stattdessen Andreas und Martin hinauf. Wenig später kommt es zur Tragödie: Ein Hubschrauber stürzt ab, und mehrere Bergführer werden in die Tiefe gerissen, darunter auch Martin. Schwer verletzt quert er den Dachstein und wird in einer Mammuthöhle gefunden. Keiner kann sich erklären, was ihn in seinem Zustand zu dieser Anstrengung bewog, auch nicht Andreas …

„Der Mitternachtsdom“ ist in erster Linie ein Bergsteigerdrama, das anhand zweier junger Männer zu erklären versucht, was jemanden motiviert, gefährliche Gipfel zu erklimmen bzw. sich zum Bergretter ausbilden zu lassen: sportlicher Ehrgeiz, die Erhabenheit der Berge, religiöse Gefühle, der Wunsch, Menschen in Not zu helfen. Obwohl die Mitglieder der Bergwacht eine umfassende Ausbildung durchlaufen, sind auch sie nicht vor Unglücksfällen gefeit. Ein kleiner Fehler, menschliches Versagen, ein unvorhersehbares Ereignis genügt schon, um eine Tragödie nach sich zu ziehen, so auch hier. Martin überlebt zwar den Absturz, doch bis der Bergungstrupp ihn findet, passiert noch etwas anderes, etwas Mystisches, was nur der Leser erfährt. Er darf selbst entscheiden, ob der sensible und trotz seiner Zweifel gläubige Junge etwas hörte und sah, was sich anderen nicht offenbarte, oder ob seine Visionen dem Delirium zuzuschreiben sind. Wie auch immer, der Protagonist schafft in diesen Stunden das, was er sich immer gewünscht hatte, nämlich durch die Vergangenheit zu greifen und die Seelen der Toten ‚heimzubringen„.

Tatsächlich findet er sich selber und kommt mit Gott und der Welt ins Reine. Seine Probleme – das Elternhaus, die Beziehung zu Andreas, der ihn liebt und für den er ebenfalls mehr empfindet, als er es sich aufgrund seiner konservativen Erziehung bisher eingestehen konnte – sind nun nicht mehr von Bedeutung. Er reißt die Mauern nieder, die die Gesellschaft und er selber um sich errichteten. Ob ihm die Geister dabei halfen oder sich seine Sichtweise veränderte durch das Begreifen, wie klein der Mensch im Rahmen von Gottes Schöpfung ist, ist eine Frage der Interpretation. Die homoerotische Beziehung zwischen Martin und Andreas, die aus Freundschaft und gegenseitigem Verstehen erwuchs, sich aber nicht entwickelt, ist kein großes Thema. Zum einen wird sie durch die gesellschaftlichen Zwänge im Keim erstickt, zum anderen ist sie für die Handlung nicht relevant. Freundschaft und Liebe sind ein zwischenmenschlicher Aspekt, unabhängig von der sexuellen Orientierung. Der Autor bleibt sich damit selber treu, denn auch seine anderen Bücher haben diese Ausrichtung.

Dennoch ist „Der Mitternachtsdom“ nicht das, was man gemeinhin erwartet, wenn von ‚Schwulen-Literatur„ die Rede ist. Deftige Momente sucht man vergeblich; nur eine Szene fällt etwas deutlicher aus. Der Roman ist ein Mystery-Bergsteiger-Drama mit religiös-philosophischer Tendenz – und nichts anderes. In Folge wendet er sich in erster Linie an Leser, die sich für das Thema interessieren, und erst in zweiter Linie an jene, die gezielt nach Büchern mit homosexueller Orientierung suchen.

Copyright © 2011 by Irene Salzmann (IS)

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.