Der dunkle Wald

Cixin Liu
Der dunkle Wald
(Trisolaris-Trilogie, Bd. 2)

Originaltitel: Heian Senlin (2008)
Aus dem Chinesischen von Karin Betz
Deutsche Erstausgabe: 2018 (Heyne Verlag/Heyne Paperback 31765)
Umschlagillustration: Stephan Martinière
Umschlaggestaltung: Das Illustrat, München
815 Seiten
ISBN 978-3-453-31765-9

von Gunther Barnewald

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Die Fortsetzung zum sensationellen Roman Die drei Sonnen des chinesischen Autors Cixin Liu ist der Mittelteil einer Trilogie und kommt mit 800 Seiten recht voluminös daher. (Wer übrigens Band 1 noch nicht kennt, sollte diese Rezension nicht lesen, denn hier wird viel vom Inhalt von Die drei Sonnen verraten).

Leider gilt für dieses Werk die gleiche Einschränkung wie für Dmitry Glukhovskys dritten Metro-Roman (Metro 2035): Ein dröger Auftakt und die eher bräsige erste Hälfte machen die Geschichte zu einem Lesehemmer als zu einem Lesebeschleuniger. Hier hätten weniger Seiten sicherlich weniger Langeweile erzeugt.

Zur Geschichte: Nachdem die chinesische Wissenschaftlerin Ye Wenjie den Bewohnern eines Nachbarsonnensystems verraten hat, dass die Menschen einen wunderbaren, idyllischen Planeten bewohnen, beschließen die Aliens, ihre durch drei Sonnen immer wieder erschütterte Welt zu verlassen, zur Erde zu reisen und diesen Planeten zu übernehmen, nachdem sie die Ureinwohner (also uns) komplett ausradiert haben.

Da sie uns technisch überlegen sind, hat die Menschheit auch in jenen 400 Jahren, bis die Invasoren eintreffen werden, keine Chance, zumal die Bewohner von Trisolaris dank einer fortschrittlichen physikalischen Technik (den sogenannten „Sophonen“) alle Gespräche und Handlungen der Menschen auf der Erde in Echtzeit überwachen können und zudem alle neueren Forschungen durch Manipulation der Ergebnisse beeinflussen können.

Einziger Schwachpunkt der Aliens: Da sie Gedankenleser (Telepathen) sind, kennen sie die Konzepte des Lügens und Betrügens nicht und verraten deshalb den Menschen auch frank und frei ihre Absichten.

400 Jahre bleiben der Menschheit nun, um einen veritablen Plan gegen ihre Vernichtung zu ersinnen. Dazu werden vier Menschen auserwählt, die, jeder für sich, einen Plan gegen die Invasion ersinnen sollen, wobei ihnen alle Ressourcen der Menschheit zur Verfügung gestellt werden. In Anlehnung an östliche Techniken der Meditation werden diese vier als „Wandschauer“ bezeichnet.

Der scheinbar unbedarfteste von ihnen ist der chinesische Astronom und Soziologe Luo Ji, den die Invasoren aber als einzigen wirklich zu fürchten scheinen. Doch welche Ideen hat der Mann wirklich? Und ist er auch bereit an sich selbst zu glauben? Wird er wirklich für die Menschheit einstehen oder es sich nur gutgehen lassen mit all den Ressourcen …?

Wenn schon im ersten Teil eine Chinesin die Welt erschüttert, ist es klar, dass auch in der Fortsetzung allein ein Chinese das Heil über die Welt zurück bringen kann! Also wird bald klar, dass alle anderen Wandschauer“ Luschen sind, deren Pläne verheerende Nebenwirkungen zeitigen (frei nach dem Motto: Gemeinsam in den Abgrund). Abgesehen vom peinlichen ‚Chinazentrismus‘ leiden die ersten 475 Seiten daran, dass viel zu wenig passiert, es kaum vorangeht mit der Handlung.

Erst als der Autor eine funktionierende Kryogenik (das Einfrieren lebendiger Menschen mit erfolgreichem Wiederauftauen nach Jahrhunderten) aus dem literarischen Ärmel schüttelt und so Luo Ji 200 Jahre in die Zukunft versetzt, nimmt die Geschichte Fahrt auf.

Auch wenn der weitere Plot (hier das Motto: Hochmut kommt vor dem Fall) dann wahrlich Lichtjahre weit voraussehbar ist, kann man den Autor trotzdem loben für die Vehemenz, mit der er den menschlichen Hochmut in Schutt und Asche legt. Alle Achtung!

Der abschließende Plot, der auf einem Experiment Luo Jis aus der ersten Hälfte beruht (und einen Deus ex Machina beschwört), ist dann allerdings so schräg, dass man als Leser nicht weiß, ob man laut applaudieren oder anhaltend buhen soll, denn einerseits ist die Idee originell, andererseits aber auch an den Haaren herbeigezogen.

Besonders beeindrucken kann der Autor mit seiner Schilderung der Welt in 200 Jahren. Hier setzt Cixin Liu in wieder Glanzpunkte. Wer sich durch die 800 Seiten durchkämpft, wird daher reich belohnt. Vor allem die zweite Hälfte ist eine würdige Fortsetzung des Sensationsromans Die drei Sonnen. Die ersten 475 Seiten sind jedoch zu langatmig, blass, unoriginell, einschläfernd, einfallslos und ausufernd geraten und schmälern den Gesamteindruck erheblich.

Ein besonderes Lob für die gute Übersetzung und die vielen erklärenden Anmerkungen am Ende des Buchs!

Copyright © 2018 by Gunther Barnewald

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