Die fliegenden Bomben

Rick Raphael
Die fliegenden Bomben

Originaltitel: Code Three (New York : Simon & Schuster 1966)
Übersetzung: Wulf H. Bergner
Deutsche Erstausgabe: 1967 (Heyne Verlag/Heyne SF 06/3099)
159 Seiten
Cover: Karl Stephan
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1978 (Heyne Verlag/Heyne SF 06/3099)
159 Seiten
ISBN-10: 3-453-30492-6

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Das geschieht:

Der ‚Autofahrer‘ der Zukunft sitzt hinter dem Steuer atombetriebener Gefährte, die mühelos ein Tempo von 800 Stundenkilometern erreichen. Um den geschossschnellen Verkehr zu ermöglichen, wurden transkontinentale ‚Autobahnen‘ angelegt, die acht Kilometer breit sind und in jede Richtung über vier Fahrspuren für unterschiedliche Geschwindigkeiten verfügen.

Eine zentrale bzw. übergeordnete Steuerung des Verkehrs existiert nicht. Jeder Fahrer ist selbst für die Einhaltung der Regeln verantwortlich, was erwartungsgemäß keineswegs reibungslos funktioniert. Die Nordamerikanische Kontinental-Autobahnpolizei (NorKon) überwacht die Autobahnen und lässt Drei-Personen-Streifen patrouillieren. Dort sorgen diese nur selten für Ordnung, sondern werden meist dorthin gerufen, wo es gekracht hat, was bei den beschriebenen Geschwindigkeiten ebenso spektakulär wie blutig endet.

Streifenwagen 56 – genannt „Beulah“ – ist 18 Meter lang, vier Meter breit, ebenso hoch und wiegt 250 Tonnen. 850 km/h kann dieses Spezialfahrzeug erreichen, das gleichzeitig Feuerwehr- und Krankenwagen sowie Räumgerät ist. Sergeant Ben Martin, sein Kamerad Clay Ferguson und die Ärztin Kelly Lightfoot aus dem NorKon-Bezirk Philadelphia verbringen ihre Dienstzeit meist im Inneren von „Beulah“, die ihnen zur zweiten Heimat geworden ist. Zehn Tage dauert jede Patrouille. Der Dienst ist einerseits interessant und andererseits aufreibend, denn nach wie vor lassen sich Autofahrer ungern von der Polizei erwischen. Verfolgungsjagden knapp unter der Schallgeschwindigkeit stellen enorme Anforderung an Mensch und Material. Zusätzlich belastet die Anwesenheit an Unfallorten, die eher Schlachtfeldern gleichen. Lebensgefährliche Zwischenfälle sind somit vorprogrammiert …

Freie Fahrt für freie (= lebensmüde?) Bürger!

Dass diese Zukunft von der Zeit eingeholt wurde, zeigt in erster Linie die Abwesenheit einer modernen, zentralen bzw. übergeordneten Verkehrsüberwachung und Sicherung, die auf digitaler Technik basiert. ‚Modern‘ sind höchstens die Vehikel, die über Autobahnen donnern, die zwar großzügig breit sind, ansonsten jedoch Todesfallen gleichen. Fahrer sitzen am Steuer und geben Gas. Eine technische Unterstützung existiert nicht; eine automatische Abstandskontrolle oder situationsbedingt eingreifende Lenkung oder Bremsen: ebenfalls Fehlanzeige. Stattdessen gibt es Atom-Triebwerke, die bei unfallbedingter Detonation immerhin für Keimfreiheit sorgen …

Auch die Polizei arbeitet so, wie sie es seit Urzeiten gewohnt ist. Einziges übergreifendes Hilfsmittel ist das Funkgerät. Was NorKon bekanntgibt, müssen die Beamten entweder mit einem Stift auf Papier notieren oder sich merken. Dafür verfügen ihre ‚Streifenwagen‘ über ein Maschinengewehr mit eindrucksvoller Feuerleistung: Die Geduldslunte US-amerikanischer Ordnungshüter ist seit jeher kurz, und daran wird sich nach Raphael nichts ändern. Faktisch artet der Autobahnverkehr gelegentlich in eine Luftschlacht aus, die auf dem Boden geführt wird, was für die Beteiligten übel ausgeht. Zwar existiert eine Art Super-Airbag, der zumindest die Polizeibeamten auffängt, wenn es kracht, doch ist dies bei Höchstgeschwindigkeit keine Option.

Der Traum vom ungehemmten (Fern-) Verkehr prägte nicht nur, aber vor allem die USA nach dem Zweiten Weltkrieg. Es gab Platz genug für großzügige „highways“, während Automobile und Lastwagen immer größer, schwer und leistungsstärker wurden. Da die Sicherheitssysteme nicht Schritt hielten und Geschwindigkeitsbegrenzungen lange verpönt waren, entrichteten die Verkehrsteilnehmer einen hohen Blutzoll, bis endlich feststand, dass Grenzen gesetzt werden mussten.

Arbeitsalltag in der Highspeed-Hölle

„Die fliegenden Bomben“ ist eine nüchterne, dokumentarisch anmutende Darstellung einer (Verkehrs-) Welt, die sich unbeeinflusst (oder unbeeindruckt?) von Unfall-Rekordzahlen, Ölkrise/n oder Umweltverschmutzung entwickelt hat. Den Tenor gibt der Originaltitel „Code Three“ besser vor. Die Vorstellung, dass jede/r, die oder der einen Führerschein besitzt, sich mit einer Geschwindigkeit knapp unterhalb der Schallgrenze fortbewegen darf – oder kann -, ist absurd. Das dürfte auch Raphael gewusst haben, der jedoch den Gedanken – freie Fahrt für freie Bürger – aufnimmt und auf die Spitze treibt.

Dabei bemüht sich Raphael um ‚Realitätsnähe‘. ‚Zufällig‘ fiel seine ‚Wahl‘ auf Streifenwagen 56, in dem ein exemplarisch ein autobahnpolizeirepräsentatives Team Dienst leistet. Ben Martin, Clay Ferguson und Ärztin Kelly Lightfoot sind keine Helden, sondern Dienstleister, die ihre schweren Jobs vorbildlich erfüllen. Raphael schildert ihren Alltag, indem er sie in typische Einsätze verwickelt; einen übergreifenden Plot gibt es nicht. Dies erinnert auch daran, dass „Die fliegenden Bomben“ eine sog. „fix-up-novel“ ist, für die der Autor zwei frühere Kurzgeschichten miteinander verschmolz. Für „Code Three“ (1963) und „Once a Cop“ (1964) wurde Raphael übrigens für einen „Hugo“-Award nominiert.

Die Vorschrift ist alles, doch es existiert ein schmaler Randbereich für Improvisation, die immer wieder gefragt ist, um Situationen zu entschärfen, für die es geschriebene Regeln nicht geben kann, weil sie in naturwissenschaftlichen Totwinkeln spielen: Es SIND letztlich „fliegende Bomben“, die legal bewegt werden dürfen. Das trifft buchstäblich auf das Experimental-Polizeifahrzeug X-4 zu, das entwickelt wurde, um einer neuen, noch rasanteren Generation von ‚Automobilen‘ Paroli zu bieten: Es wird 2200 km/h erreichen!

Eine/r muss es ja machen!

Autobahn-Cops sind: lässig, aber diensteifrig, unbestechlich, bestimmt im Auftreten, dabei höflich, mutig bis heldenhaft, ohne daraus eine große Sache zu machen; aus bösen Erfahrungen geborene Ängste werden gemeistert bzw. verdrängt, um ein Ziel zu garantieren: US-Amerikas Räder müssen rollen – und das so schnell, wie Gewehrkugeln fliegen. Dass es so nicht weitergehen kann, macht Raphael unmissverständlich klar: X-4, die Polizei-„Bombe“, ist so schnell, dass sie menschliche Fahrer nicht mehr meistern können.

Raphael stellt uns drei Kollegen vor, die betont perfekt in das genannte Leistungsprofil passen. Wir lernen den älteren, erfahrenen, ruhigen Ben, seinen jüngeren, übermütigen, noch Lernbedarf zeigenden Clay und Kelly kennen, die zwar eine ausgebildete Ärztin, aber ansonsten Frau geblieben und natürlich hübsch ist. Das Trio tauscht Nettigkeiten bzw. Anzüglichkeiten aus, für die Ben und Clay heute vor das Arbeitsgericht zitiert würden. In den 1960er Jahren fühlten sich „Mädchen“ dagegen noch geschmeichelt, wenn man ihnen = ihren Körpern kontinuierliche = lobende Aufmerksamkeit schenkte; beschweren konnten sie sich sowieso nicht, solange den Worten keine allzu drastischen Taten folgten. Außerdem vergeht wenig Zeit, bis Ben und Kelly sich ihre Liebe gestehen und letztere ganz selbstverständlich plant, den Dienst aufzukündigen, um in den Alltag als Ehefrau und Mutter zu wechseln.

Was die ‚Kundschaft‘ von Wagen 56 angeht, lässt Raphael einen Reigen aus Autofahrern und Passagieren auftreten, die primär Klischees erfüllen. Säufer, Gangster, Angeber und einmal selbstverständlich ein junger Vater mit Gattin in den Wehen werden gestoppt und müssen sich Vorträge anhören, die auch an die Leser gerichtet sind. Wer nicht hören will, muss spätestens fühlen, wenn man ihn aus dem brennenden Wrack seines ‚Wagens‘ zieht. Schock und Schuld lassen auch abgebrühte Verkehrssünder einknicken; die gänzlich Unbelehrbaren landen vor den Schranken einer Justiz, die ausdrücklich keine Rücksicht auf Einfluss und Geldmacht nimmt; eine Wunschvorstellung, die realiter noch zu keinem Zeitpunkt funktioniert hat.

Das Ende kommt abrupt; es ist (nach damaligem Verständnis) dramatisch und tragisch sowie offen: Die Zeit der freien Fahrt ist vorbei. Was geschehen kann – und muss -, hat Raphael seine Figuren zuvor diskutieren lassen. Ob und wann man es umsetzen wird, beantwortet er nicht, sondern blendet aus; ein passendes Finale für eine Geschichte, die nicht klassisch spannend, sondern eher interessant (geblieben) ist.

Autor

Rick Raphael, geboren am 20. Februar 1919 in New York City, trat im Alter von 17 Jahren in die US-Army ein. Er nahm am Zweiten Weltkrieg teil und schied 1946 als Captain aus dem Militärdienst aus. Raphael wurde Zeitungsreporter, spezialisierte sich als Wissenschaftsjournalist und arbeitete für Fernsehen und Hörfunk. 1959 wurde er stellvertretender Nachrichtenleiter des Radiosenders KBOI in Boise, Idaho, wechselte 1965 als Pressesprecher in das Team des US-Senators Frank Church und wurde 1969 Manager im Einzelhandelsunternehmen J. C. Penney.

Raphaels Werk als Schriftsteller blieb schmal. 1959 erschien eine erste Kurzgeschichte („A Filbert Is a Nut“) im Science-Fiction-Magazin „Astounding“. Es folgten nur neun weitere Storys und zwei Romane, die von der Kritik nichtdestotrotz positiv aufgenommen wurden. „Code Three“ (1966; dt. „Die fliegenden Bomben“) basierte auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von 1963, die Raphael mit einer weiteren Story verschmolz.

Als SF-Autor war Raphael zuletzt in den frühen 1980er Jahren aktiv. 1981 beendete er mit dem Thriller „The President Must Die“ seine Laufbahn. 4. Januar 1994 ist Rick Raphael in Golden Valley, Minnesota, gestorben.

Copyright © 2018 by Michael Drewniok (md)

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