Die Stadt im Meer

Wilson Tucker
Die Stadt im Meer

Originaltitel: The City in the Sea (New York: Rinehart & Co. 1951)
Deutsche Erstausgabe: 1963 (Moewig Verlag/Terra Sonderband 68)
Übersetzung: Gisela Stege
Cover: Karl Stephan
94 S.
[keine ISBN]
eBook: Juli 2018 (Apex Verlag/Galaxis Science Fiction 1)
Übersetzung: Gisela Stege u. Christian Dörge
1844 KB (Kindle)
ISBN-13: 978-3-7438-7515-9

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Das geschieht:

Weit in der Zukunft ist die Menschheit nach einer in Vergessenheit geratenen Kriegskatastrophe in eine neue Barbarei gesunken, baut aber allmählich eine neue, globale Zivilisation auf, obwohl auf der Erdkarte weiterhin weiße Flächen klaffen. Dies gilt auch für die Kolonie West-Somerset im Osten Nordamerikas. Siedler von jener Insel, die man einst „England“ nannte, haben sie gegründet. Nur ein breiter Küstenstreifen ist erforscht, das Landesinnere blieb unbekannt.

Frauen haben die Macht übernommen, während die Männer im Laufe der Zeit klein und schwach geworden sind. Deshalb ist es eine Sensation, als ein echtes Mannsbild auftaucht, das offenbar aus den weiten Ebenen des Landesinneren gekommen ist. Überdurchschnittlich groß und stark ist „284“, den die Frauen später „Wolf“ nennen. Woher kommt Wolf, und was will er? Captain Zee beschließt eine Expedition in den Westen. Wolf soll 100 Soldaten-Frauen in seine Heimat führen – ein Plan, mit dem er einverstanden ist: Zwar kann Wolf nicht sprechen, aber die Ärztin Barra vermutet richtig, dass er ein Gedankenleser ist.

Die Reise führt durch Landschaften, die deutliche Spuren gewaltiger Zerstörungen zeigt und mit rätselhaften Ruinen bedeckt ist. Die Frauen treffen auf geflügelte, aber freundliche Menschen, und stoßen auf Kreaturen, die sie mit unbekannten, tödlichen Feuerwaffen ‚begrüßen‘. Solchen Herausforderungen ist Zee gewachsen. Problematisch wird es, als sich herausstellt, dass Wolf nicht nur Gedanken lesen, sondern diese auch manipulieren kann. Sind Zee und ihre Begleiterinnen womöglich gar nicht freiwillig in den Westen gezogen? Als Wolf und eine der Frauen plötzlich verschwinden, wächst die Spannung. Trotzdem zieht man weiter einem unbekannten Ziel entgegen, um Näheres über das Schicksal der Welt zu erfahren …

Wie könnte es weitergehen?

Schon 1951 vermochte Wilson Tucker die Science-Fiction-Gemeinde mit seiner Vision einer global kriegsverheerten Erde in einer Hinsicht nicht zu überraschen: Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg war die Atombombe präsent – dies nicht nur in den Händen der ‚Guten‘ – gemeint waren die USA und (irgendwo im Nachklapp) das westliche Europa, Australien etc. -, sondern auch in den Klauen der Sowjet-Teufel. Deshalb drohte ein oberflächlich „kalter“ Krieg jederzeit heiß zu werden. Über die Folgen machten sich höchstens jene Illusionen, die ihn zu führen bereit waren. Wer sein Hirn benutzte, kam schnell zu dem Schluss, dass ein dritter, nunmehr atomar geführter Weltkrieg keine Sieger sehen, sondern das Ende der (‚zivilisierten‘) Menschheit bedeuten würde.

Wie konnte eine solche postapokalyptische Welt aussehen? Nicht alle Menschen würden sterben; dafür war ihre Zahl schon Mitte des 20. Jahrhunderts zu groß geworden. Doch Technik, Industrie und Wissenschaften und die auf ihrer Basis entwickelten Errungenschaften würden verschwinden. Der Rückfall in eine neue Barbarei oder sogar Steinzeit war plausibel; bestenfalls blieben Refugien, in denen das Wissen der Vergangenheit überlebte, um sich nach Anbruch besserer Zeiten wieder auszubreiten.

Diese zukünftige Welt hätte sich allerdings stark verändert. Zwar würde die Evolution die Herausforderung meistern, doch sie müsste sich mit den Folgen des Dritten/letzten Weltkriegs arrangieren: Fallout und Strahlung, die genetische Veränderungen = Mutationen des pflanzlichen, tierischen – und menschlichen Erbguts verursachten.

Zivilisations-Neustart der ungewöhnlichen Art

Alle diese Gedanken spiegeln sich im hier vorgestellten Roman wider. Schon früh lässt Autor Tucker Ironie einfließen: Nordamerika wurde abermals von den (Nachfahren der) Briten kolonisiert. Dieses Mal blieb die Macht in England, wo eine Königin über ein neues Weltreich herrscht. Ansonsten treten eher spektakuläre als ‚realistische‘ Mutanten auf, und überall stößt man auf Ruinen, die den zukünftigen Zeitgenossen Rätsel aufgeben, während wir Leser uns aufgrund sorgfältiger Beschreibungen des Verfassers und privater Kenntnis gegenwärtig (noch) existierender Infrastrukturen vergnügt zusammenreimen, was da geheimnisvoll in der Gegend herumsteht.

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Schon etwas abseits üblicher „Post-Doomsday“-Standards ist die Darstellung einer Expedition, die nicht unterwerfen und plündern, sondern erforschen will. Zwar weist der Lebensalltag von West-Somerset durchaus hierarchische bzw. restriktive Züge auf, und es sind Soldaten, die in die Fremde ziehen. Dort wehren sie sich jedoch höchstens ihrer Häute. Wenn man sie in Ruhe lässt, genießen sie das angenehme Klima und Freiheiten, die sie von daheim nicht kennen. Symbolträchtig werfen die Krieger immer mehr Rüstungsteile und Kleidungsstücke ab, je weiter sie nach Westen kommen.

Freilich gibt es in gewisser Weise einen Haken: Es sind keine ‚normalen‘ Soldaten, so wie auch das neue britische Weltreich eine Besonderheit aufweist – Frauen stehen an den Schalthebeln der Macht! Das Matriarchat ist (nicht nur) in der Science Fiction oft ein (angstvolles) Zerrbild, das entweder ins Gegenteil verkehrt, was Männer den Frauen im Laufe ihrer gemeinsamen Geschichte angetan haben, oder solchen Gesellschaftsentwürfen einen „Amazonen“-Anstrich verpassen, der – man denke aktuell an die Insel Themyskira = Wonder Womans Heimat – durch trivialisierte Wunschvorstellungen und Vorurteile geprägt wird.

Dünnes Eis, Mr. Tucker!

Hätten Männer sich so bereitwillig in die fremde Irre führen lassen wie Captain Zee und ihre Truppe? Man könnte Tucker dafür loben eine andere Ereignisrichtung eingeschlagen zu haben: Frauen können sich wehren, sind aber keine Eroberer. Dennoch ist „Die Stadt im Meer“ fest in der Welt des Jahres 1951 verwurzelt – und dies dort, wo „Feminismus“ definitiv ein Fremdwort war.

Wirkt die Darstellung der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse durchaus stimmig – in West-Somerset gibt es Männer, und sie werden weder unterdrückt noch als Sex-Sklaven gehalten -, brechen sich letztlich Klischees ihren Weg in die Handlung. Wolf ist nicht nur ein Mann, sondern ein Prachtexemplar seines Geschlechts, weshalb er sogleich für Unruhe und Streit unter den Frauen sorgt, weil gleich mehrere ihm verfallen. Aus entschlossenen Frauen werden eifersüchtige Weiber, auch wenn Tucker in diesem Punkt die Zügel nicht gar zu locker schleifen lässt (oder im eher prüden SF-Umfeld schleifen lassen konnte).

Wie so oft ist der Weg wichtiger als das Ziel. Bevor sie die „Stadt im Meer“ erreichen, machen Captain Zee und ihre Gefährtinnen eine Entwicklung durch. Dies gipfelt in einer Auflösung, die man sowohl „unerwartet“ als auch „typisch weiblich“ nennen könnte. 1951 versöhnte Tucker ein Publikum, das eine Herrschaft von Frauen höchstens auf gedrucktem Papier und auch nur dann ertrug, wenn diese sich schließlich mehr oder weniger deutlich in ‚geordnete‘, d. h. männlich zumindest mitbestimmte Verhältnisse einfügten.

So bleibt „Die Stadt im Meer“ ein nicht zu Unrecht in Vergessenheit geratener Roman. Zu gemächlich entwickelt sich die Handlung, zu ausgelaugt ist – heute erst recht – die Szenerie. Wer dies akzeptiert, liest dieses Buch trotzdem mit Vergnügen. Wilson Tucker kann schreiben. Man merkt sich seinen Namen – zu Recht, denn später hat Tucker ungleich bessere = stimmigere Werke vorgelegt.

Autor

Arthur Wilson „Bob“ Tucker wurde am 23. November 1914 in Deer Creek, US-Staat Illinois, geboren. Nach dem frühen Tod der Mutter schob der Vater ihn und seinen Bruder in ein Waisenhaus ab. 1931 galt er als erwachsen und wurde – auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise – auf die Straße gesetzt. Da er die Pulp-Magazine dieser Ära kannte und schätzte, beschloss Tucker in seiner Not, sich selbst als Autor zu versuchen. Doch erst 1941 konnte er eine erste Kurzgeschichte („Interstellar Way Station“) verkaufen, weshalb er u. a. als Filmvorführer, Beleuchter und Elektriker arbeitete und das bis 1972 fortsetzte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verlegte sich Tucker auf Romane. Er kreierte den Detektiv Charles Horne, der zwischen 1946 und 1951 fünf Kriminalfälle löste; später veröffentlichte Tucker weitere Thriller. Danach konzentrierte er sich auf Science Fiction. „The City in the Sea“ (dt. „Die Stadt im Meer“) erschien 1951. In den folgenden Jahren erschienen in rascher Folge weitere Werke, unter denen das Zeitreise-Abenteuer „The Lincoln Hunters“ (dt. „Die Lincoln-Jäger“) und der Weltuntergangs-Roman „The Year of the Quiet Sun“ (dt. „Das Jahr der stillen Sonne“) auch den Zuspruch der Kritik fanden.

Bekannt wurde Tucker auch als eifriges Mitglied des SF-Fandoms. Schon in den 1930er Jahren gab er ein Fan-Magazin namens „The Planetoid“ heraus. Zwischen 1938 und 1975 publizierte er das Magazin „Le Zombie“. Bekannt war Tucker auch als Herausgeber des „Bloomington News Letter“, dessen Leser er mit Informationen über die aktuelle SF-Szene versorgte. Anfang der 1980er Jahre zog sich Tucker als Schriftsteller zurück. 1996 zeichneten ihn die „Science Fiction Writers of America“ (SFWA) mit einem „Author Emeritus Award“ aus. Am 6. Oktober 2006 ist Wilson Tucker kurz vor Vollendung seines 92. Lebensjahres in Pinellas Park, Florida, gestorben.

Copyright © 2018 by Michael Drewniok (md)

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