Die wandernde Erde

Cixin Liu
Die wandernde Erde

Originaltitel: Liulang diqiu (2008)
Aus dem Chinesischen von Karin Betz, Johannes Fiederling und Marc Hermann
Deutsche Erstausgabe (Paperback): Januar 2019 (Heyne Verlag/TB-Nr. 31924)
684 Seiten
Umschlagillustration: Stephan Martinière
Umschlaggestaltung: Das Illustrat, München
ISBN: 978-3-453-31924-0

von Gunther Barnewald

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„Die wandernde Erde“ enthält 11 Novellen bzw. Kurzgeschichten von Cixin Liu, die zwischen 1999 und 2006 veröffentlicht wurden und 2008 gesammelt in China erschienen sind. Außer einer kürzeren Geschichte (ca. 20 Seiten) sind die Texte zwischen 35 bis 75 Seiten lang. Sie spiegeln Lius Faible für große Themen wider, denn der Untergang der menschlichen Zivilisation bzw. des Planeten Erde sind immer wiederkehrende Themen. Nur zweimal geht es um ‚kleinere‘ Themen: in den zusammengehörenden Storys „Mit ihren Augen“, einem der besten Texte dieser Sammlung, und „Durch die Erde zum Mond“, die vielleicht ‚langweiligste‘ Erzählung.

Neben den Erzählungen enthält die vorliegende Ausgabe eine Liste mit Anmerkungen zu einzelnen Details im Text, Hinweise zur Schreibweise und Aussprache chinesischer Namen und ein sehr gutes Nachwort von Nicolas Cheetham über die Entwicklung der chinesischen Phantastik. Hinzu kommt eine etwas überflüssige Leseprobe aus Cixin Lius Meisterwerk „Die drei Sonnen“, denn wer sich diesen Band mit kürzeren Texten zulegt, hat bestimmt schon diesen Roman gelesen.

In einem kurzen Vorwort zu jeder Erzählung wird viermal angedeutet, dass jeweils zwei der Texte zusammengehören. (Nur zweimal stimmt dies wirklich, wobei in beiden Fällen aber im gleichen ‚Universum‘ doch andere Themen behandelt werden. Als Leser fragt man sich, warum man bei Heyne nicht die Reihenfolge der angeblichen Zusammengehörigkeit gewählt hat, statt der Ursprungsausgabe zu folgen, denn so liest man als Leser ständig hin und her, was irritierend ist.

Trotz der schwach entwickelten Charaktere, die so typisch für den Autor sind – meist dienen sie nur als ‚Augen‘ des Lesers, und manchmal haben die Protagonisten nicht einmal einen Namen, so wie in „Das Mikrozeitalter“, wo der Handelnde einfach nur „der Vorreiter“ ‚heißt‘ – gelingt es Liu trotzdem (meist), den Leser mit kühnen Weltentwürfen zu faszinieren und durch die Handlung zu fesseln. (Eine Ausnahme stellt vielleicht die etwas zu techniklastige Novelle „Durch die Erde zum Mond“ dar, die an die Kurzgeschichte „Mit ihren Augen“ anschließt, der einzigen kürzeren Story, die ungewöhnlich gefühlvoll für den Autor daherkommt, aber gerade deswegen sehr gefällig ist).

Ähnlich wie in seinen Romanen gelingt es dem Autor oft verblüffend gut, alten Themen neue Seiten abzugewinnen und seinen Protagonisten manchmal irritierende Sichtweisen aufzuerlegen. So erhält der junge Feng Fan in „Gipfelstürmer“ die Gelegenheit, mit hochentwickelten Außerirdischen zu kommunizieren, die gerade die Erde zerstören. Statt sich für das Überleben der Menschheit einzusetzen, lässt sich der junge Chinese die Weltsicht der Fremden und deren Geschichte erklären, was extrem befremdlich und enervierend, aber auch irgendwie aufregend ist.

Und während in „Um Götter muss man sich kümmern“ ein ganz besonderes Seniorenproblem auf die Menschheit zukommt – die hochentwickelten Schöpfer der Menschheit sind alt geworden und wollen auf der Erde gepflegt und bemuttert werden, was aber ob der großer Anzahl und ihrer langer Leben schnell zur Zumutung wird – wirft die Fortsetzung „Die Versorgung der Menschheit“ einen krassen satirischen Blick auf die schlimmsten Auswüchse des Kapitalismus. (Eine fremde Rasse mit den gleichen Schöpfern wie die Menschheit hat ihre Welt verlassen, die einem einzigen Superreichen gehört – inklusive aller Ressourcen wie Luft und Wasser). Wie Liu hier eine Welt skizziert, in der Menschenrechte keine Rolle spielen, dafür aber die höchste Achtung von Privatbesitz im Mittelpunkt des Handeln steht, ist faszinierend und horribel zugleich, wobei der irdische Auftragskiller als Protagonist der moralisch-emotionalen Kälte der Geschichte die Krone aufsetzt.

Sich selbst und einen Kollegen bringt der Autor anfangs sehr humorvoll in die Erzählung „Fluch 5.0“ ein, bevor „der Spaß ein Loch bekommt“ (alte deutsche Redensart) und wieder einmal der Untergang der Menschheit droht, was dann doch etwas klischeehaft wirkt.

Während in „Weltenzerstörer“ (bereits 2018 von Heyne als eigenständiges Taschenbuch publiziert) erneut Fremde, die sich bald als gar nicht so fremd entpuppen, die Erde zerstören wollen, schildert „Das Ende der Kreidezeit“ die ‚Aufkündigung‘ der Symbiose zwischen intelligenten Dinosauriern und fast ebenso cleveren Ameisenkulturen. Diese Geschichte beruht zweifellos auf einer ähnlichen Idee wie „Weltenzerstörer“, beide Storys spielen aber nicht im gleichen Universum.

„Die wandernde Erde“ – die Erde muss wegen der bevorstehenden Verwandlung der Sonne zu einem Roten Riesen ihre Umlaufbahn verlassen und aus dem Sonnensystem flüchten, wobei sich bald die Frage stellt, ob die Katastrophe nur ein Betrugsversuch der Machteliten der „Einheitsregierung“ darstellt – und „Das Mikrozeitalter“ – ein Raumfahrer, der keinen ‚Ersatzplaneten‘ für die ausgebeutete und schwer angeschlagene Erde gefunden hat, erlebt bei seiner Rückkehr zum Heimatplaneten eine große Überraschung – gehören ebenfalls nicht wirklich ins gleiche Universum. Die Titelnovelle verdeutlicht, wie gut Liu erzählen und den Leser fesseln kann. Auch wenn die gewaltigen Strahlantriebe auf der Erde logisch unsinnig erscheinen, verkauft der Autor sie uns mit scheinbarer wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit, Verve und Schmackes, sodass man gar nicht umhin kommt, die flotte Geschichte einfach zu genießen.

Ein besonderes Lob für die guten Übersetzungen und die erklärenden Anmerkungen gegen Ende des Buchs und ein noch größeres Lob für das kompetente Nachwort von Nicolas Cheetham, der die Entwicklung der chinesischen Phantastik auf nur wenigen Seiten fachkundig erläutert.

Auch dieses Liu-Werk ist wieder höchst lesenswert, interessant (vor allem durch die manchmal fremdartige Perspektive des Chinesen) und vor allem spannend geraten. Hoffentlich greifen die Leser von Lius Romanen auch zu diesem Buch, sind doch Kurzgeschichten (und vor allem Novellen) oft nicht so beliebt beim Käufer. Wer jedoch Die wandernde Erde auslässt, der verpasst packende, innovative und vor allem verblüffende Geschichten, die es allemal wert sind, entdeckt zu werden!

Copyright © 2019 by Gunther Barnewald

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