Für die Sterne bestimmt

Mary Robinette Kowal
Für die Sterne bestimmt

Originaltitel: The Fated Sky (2018)
Deutsche Erstausgabe: November 2022 (Piper Verlag)
Übersetzung: Judith C. Vogt
Cover: Guter Punkt, München (nach einem Entwurf von Jamie Stafford-Hill u. einem Motiv von Gregory Manchess)
432 Seiten
ISBN 978-3-492-70734-3

von Gunther Barnewald


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Das vorliegende Buch ist die direkte Fortsetzung des mit vielen Preisen (Hugo-, Nebula- und Locus-Award) ausgezeichneten Romans „Die Berechnung der Sterne“. Die Geschichte spielt in einer Alternativwelt, in der der Sputnik-Schock in den USA ausblieb, weil nicht Harry S. Truman, sondern Thomas E. Dewey 1948 US-Präsident wurde und die Raumfahrt massiv förderte.

Die USA gewannen den Wettlauf ins All einschließlich Mondlandung (also: erster Satellit, erstes Lebewesen im All, erster Mensch, erster Weltraumspaziergang etc.), weil sie Frauen und People of Colour an ihrem Programm beteiligten.

Als 1952 ein gewaltiger Meteorit Washington traf und Millionen Menschen tötete – hier setzte die Geschichte um Dr. Elma York, genannt „Lady Astronaut“, ein -, wird deutlich, dass nicht nur US-amerikanische Raumfahrtanstrengungen notwendig werden, sondern auch die Kooperation mit allen anderen Nationen inklusive der Sowjets und der Chinesen: Der Meteorit wird für eine kräftige und bedrohliche Klimaerwärmung sorgen. Deshalb wird man vorsichtshalber Kolonien außerhalb der Erde errichten.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht der begnadeten Mathematikerin Dr. Elma York, die die auch eine begeisterte Pilotin ist (und Jüdin, die auch in dieser Version der Geschichte mit diesbezüglichen Vorurteilen zu kämpfen hat!). Sie will selbst ins All reisen, doch dieser Weg bleibt ihr erst einmal durch männliche Ignoranz verschlossen.

Um Frauen zu „schützen“, dürfen sie keine gefährlichen Aufgaben übernehmen; dies auch aus Angst vor schlechter Publicity, sollte etwas schiefgehen. Doch die Weigerung der Raumfahrtbehörde (in der Alternativwelt heißt sie IAC = „International Aerospace Coalition“), Frauen (oder Schwarze) zu beteiligen, muss bald revidiert werden. Elma und ihre Kolleginnen, die teilweise schon im Zweiten Weltkrieg Flugzeuge geflogen haben, lassen die öffentliche Meinung kippen. Plötzlich wollen alle kleinen Mädchen nicht mehr brave Ehefrauen, sondern Raumfahrerinnen werden.

Soweit die Vorgeschichte aus „Die Berechnung der Sterne“.

In der vorliegenden Fortsetzung wird Dr. York Teil der ersten Marsexpedition, die in drei Schiffen die Erde verlässt, um in geplanten 320 Tagen den Nachbarplaneten der Erde zu erreichen. Erneut sind Ignoranz und Vorurteile ständige Begleiter der Reisenden, zumal der südafrikanische Apartheitsstaat einen der Raumfahrer stellte – dies unter der Vorgabe, dass die Crew nur aus Weißen bestehen darf. Nicht nur Vorurteile gefährden den Flug, sondern auch versagende Technik und menschliche Fehler. Bald gibt es die ersten Toten, und Dr. York fragt sich, ob sich das gemeinsame Ziel überhaupt erreichen lässt …

Die Fortsetzung ist nicht mehr ganz so überragend wie der erste Band, aber noch immer gut und spannend. Erstaunlich, welches technische Detailwissen die Autorin aus dem Ärmel schüttelt, ohne ihre Leser zu langweilen oder die Story zu vernachlässigen.

Neben Vorurteilen und Intoleranz konzentriert sich die Geschichte fast ausschließlich auf die anstehende Marsexpedition und deren Durchführung. Die wichtigsten Charaktere bleiben realistisch und glaubwürdig, werden in all ihren Stärken und Schwächen dargestellt. Trotzdem mindert die Konzentration auf den Raumflug und dessen Gefahren den Reiz der fremden Alternativwelt, von der die Leser kaum noch etwas erfahren.

Dies macht das Buch ärmer und weniger bunt als den Vorgänger, denn die Autorin wählt den bequemeren Weg und schränkt damit ihre Möglichkeiten erheblich ein, was sehr schade ist. Hier hätte man sich mehr gewünscht – ein umfassendes Panorama der Geschehnisse auf der Erde.

Zu loben ist jedoch der starke Spannungsbogen, den die Autorin erzeugt. Man kann dieser Fortsetzung sicherlich nicht vorwerfen, dass keine packende Geschichte erzählt wird oder die Autorin sich in unnötigen Details verzettelt.

Insgesamt eine gute und würdige Fortsetzung, die aber nicht ganz an den überdurchschnittlich starken ersten Roman anknüpfen kann.

Copyright © 2022 by Gunther Barnewald

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