Geschichten aus der Heimat

Dmitry Glukhovsky
Geschichten aus der Heimat

Deutsche Erstveröffentlichung: Oktober 2022 (Heyne Verlag)
Übersetzung: Christiane Pöhlmann, Franziska Zwerg u. M. David Drevs
Cover: DAS ILLUSTRAT, München (unter Verwendung eines Motivs von shutterstock.com/Triff)
445 Seiten
ISBN 978-3-453-27414-3

von Gunther Barnewald


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Diese Sammlung umfasst 20 Kurzgeschichten des russischen Autors, die größtenteils aus den Jahren 2010 und 2012 stammen; hinzu kommen drei neuere Storys und ein aktuelles Vorwort. Der Autor des Weltbestsellers „Metro 2033“, wurde aufgrund seiner scharfen Verurteilung des russischen Angriffskrieges in Russland zur Fahndung ausgeschrieben und hat sein Heimatland inzwischen verlassen.

In seinen Kurzgeschichten setzt er sich kritisch, satirisch, schwarzhumorig und teilweise zynisch-ätzend mit dem „System Putin“ auseinander. So bekommt ein Kamerateam in „Die wichtigste Nachricht“ das Auftauchen eines gewaltigen UFOs über Moskau vor die Linse. Den Aliens bleibt nur wenig Zeit, den Menschen eine wichtige Botschaft zu vermitteln, da der Energieverbrauch ihres Gefährts so hoch ist, dass sie erst in 10000 Jahren erneut erscheinen könnten. Doch der TV-Sender muss so viele ‚wichtige‘ Auftritte des Präsidenten und des Premierministers senden, um deren Eitelkeit zu befriedigen, dass für die Botschaft der Aliens keine Zeit mehr bleibt.

In „Ein Jahr wie drei“ wird die Lebenserwartung der Russen thematisiert, die wegen Misswirtschaft und Schlamperei immer weiter sinkt. So lassen Rettungssanitäter Notfälle krepieren, weil sie sich ewig Zeit lassen, bis sie bei einem Notfall eintreffen.

Um die Intelligenz der Bürger zu steigern, beschließt in „Am Boden“ ein Wissenschaftler, der billigsten Wodkasorte heimlich winzige Nanomaschinen beizumischen. Sie verwandeln Säufer und Proleten in intelligente, rational handelnde Menschen: eine ungeheuerliche Gefährdung des aktuellen Systems, das daraufhin zusammenzubrechen droht.

Während sich in „Telefonjustiz“ zeigt, dass Richter nur vom System programmierte Roboter sind, die kalt staatlich vorgegebene Urteile fällen, bis jemand einer Maschine Menschlichkeit einprogrammiert, setzt in „Schwefel“ eine Ehefrau der freudlosen, von Industriegiften zerstörten Existenz ihres brutalen Ehemanns ein grausiges Ende.

In „Die Offenbarung“ träumt ein russischer Niemand von einem kometenhaften Aufstieg durch Bestechlichkeit und Korruption, während in „Utopia“ ein Bonze davon überzeugt ist, sich in Paris ebenso brutal verhalten zu können wie in der Heimat, weil er reich und mächtig ist.

„Die Erscheinung“ erzählt von einer ‚unbefleckten Empfängnis‘ in einer Speiseölfabrik: Putin hat sich in seiner Liebe zu Russland mit der russisch-orthodoxen Kirche verbündet. Seine nun göttliche Aura sorgt für eine landesweite Welle von Schwangerschaften.

In den bitterbösen Kurzgeschichten tauchen Protagonisten oder Handlungselemente mehrfach auf. So wie in der Geschichte eines tadschikischen Bauarbeiters, dessen tödlicher Unfall auf der Baustelle fast schon eingeplant ist, betreibt sein Chef ein noch viel lukrativeres Geschäft mit Organhandel („Alles hat seinen Preis“). Das Schicksal des Bauarbeiters wird in einer anderen Story wieder aufgegriffen.

Während ein Forscher den Zugang zur Hölle entdeckt, der von der Gazprom bereits wirtschaftlich erschlossen wurde („From Hell“, hier thematisiert Glukhovsky auch das propagandistische Heile-Welt-Fernsehen der Putin-Ära), entschließt sich ein Regierungsbeamter zur Selbstjustiz gegen korrupte Kleptokraten („Eine gute Sache“).

Bitter stellt der Autor in seinem Vorwort fest: „… Russland ist nie eine Demokratie gewesen und ist heute auch keine totalitäre Diktatur. In Wahrheit ist mein Land in den dreißig Jahren seit dem Zerfall der Sowjetunion stets eine durch und durch korrupte Bananenrepublik – vergleichbar mit gewissen lateinamerikanischen oder afrikanischen Staaten – gewesen und bis heute geblieben, nur dass es statt Bananen Öl und Gas verkauft und damit des Rest der Welt erpresst. Die Leute, die durch Zufall ans Ruder der Macht gekommen sind, allesamt Versager und absolutes Mittelmaß, haben sich am wunden Euter dieser einst so bedeutenden Weltmacht festgekrallt und sie bis auf den letzten Tropfen gemolken …” (S. 9).

Diesen verachtenswerten Egoisten und Kleptokraten setzt Glukhovsky mit seinen satirischen Kurzgeschichten ein beachtenswertes Denkmal. Wer wissen möchte, was in Russland falsch läuft, der wird hier nicht nur zwischen den Zeilen, fündig. Der Autor nimmt kein Blatt vor den Mund, wird mittlerweile in seiner Heimat als einer der „gemeinsten, niederträchtigsten und verleumderischsten Nestbeschmutzer“ aller Zeiten angeprangert.

Entstanden ist ein grandioses und virtuoses Buch, eine Abrechnung mit den korrupten Mächtigen, den Narzissten und Gierigen, die Russland und seinen Ruf in ihrer Maßlosigkeit, ihrem Hass, Neid und ihrer Missgunst gnadenlos zugrunde richten!

Copyright © 2022 by Gunther Barnewald

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