Ingenieure des Kosmos

Clifford D. Simak
Ingenieure des Kosmos

Originaltitel: Cosmic Engineers (New York : Gnome Press 1950)
Übersetzung: Rainer Eisfeld
Deutsche Erstausgabe: 1957 (Pabel Verlag/Utopia-Kriminal-Zukunftsromane 25)
93 S.
Cover: Johnny Bruck
[keine ISBN]
Neuausgabe [gekürzt]: 1966 (Moewig Verlag/Terra Extra 123)
66 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe/eBook: September 2017 (Heyne Verlag)
887 KB (Kindle)
Cover: Das Illustrat/München
ISBN-13: 978-3-641-21320-6

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Das geschieht:

Im Auftrag ihrer Zeitung „Evening Rocket“ durchstreifen die Reporter Herbert „Herb“ Harper und Gary Nelson Anno 6948 an Bord ihres Dienst-Raumschiffs „Space pup“ das Sonnensystem. Wo immer sich etwas Schlagzeilenträchtiges ereignet, sind sie zur Stelle. Dieses Mal geht die Fahrt weit hinaus bis zum Kleinplaneten Pluto. Dort bereitet sich Pilot Tommy Evans auf den ersten überlichtschnellen Raumflug vor, der ihn Lichtjahre weit in das Sternsystem Alpha Centauri führen soll.

Auf dem Weg zum Pluto stößt das Duo auf das Wrack eines uralten Raumschiffs. Im Inneren findet man den tiefgefroren konservierten Körper der legendären Wissenschaftlerin Caroline Martin, die vor beinahe einem Jahrtausend spurlos verschwunden ist. Sie kann geweckt werden und konfrontiert ihre Retter mit einer unglaublichen Information: Im ‚Schlaf‘ blieb ihr Geist wach und entwickelte telepathische Fähigkeiten. Martin ‚hörte‘ die Stimmen einer unbekannten Superintelligenz, die sich mit anderen kosmischen Kräften ‚unterhielt‘.

Auf dem Pluto konfrontiert das kleine, dort stationierte Beobachtungskommando die Besucher mit diesem Phänomen: Offenbar versucht eine außerirdische Intelligenz Verbindung mit den Menschen aufzunehmen. Martin kann die Botschaften entziffern: Die „Ingenieure des Kosmos“ rufen um Hilfe! Jenseits jener Grenze, an der das Universum endet, droht eine Gefahr, die den Kosmos zerstören könnte – und wird.

Das Trio – verstärkt durch Tommy Evans und den Wissenschaftler Kingsley – reist durch Raum und Zeit zu den „Ingenieuren“. Diese konkretisieren das Problem: Ein anderer Kosmos ist durch den „Interraum“ auf Kollisionskurs mit ‚unserem‘ Universum. Er muss gestoppt werden: eine eventuell mögliche, jedoch lebensgefährliche Aufgabe …

Pfeif‘ auf die Naturgesetze!

Space Opera! Das ist Science Fiction aus einer ‚unschuldigen‘ Ära, die nicht grundlos mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs endete. Zwar starb das Genre nicht aus und erfreut sich auch heute bester Gesundheit. Es fehlt ihm aber jene fröhliche Naivität, die auch der hier vorgestellte Titel im Übermaß ausstrahlt. „Ingenieure des Kosmos“ spiegelt einen Optimismus wider, der uns heutzutage geradezu unheimlich vorkommt. Er wurzelt in einer Epoche, die dank naturwissenschaftlicher und technischer Errungenschaften die „frontier“ – jene Grenze, die der Mensch aufgrund eben dieser Fortschritte immer weiter in die ‚Wildnis‘ vorschiebt – kurzerhand ins Weltall verlegte, das man – es stand quasi fest – in absehbarer Zeit mit Raumschiffen durchmessen und kolonisieren würde.

Die „Pulp“-Science-Fiction, die seit 1926 in unzähligen Magazinen verbreitet wurde, schürte diese Zuversicht bzw. nutzte sie, um hohe Auflagen zu erzielen. Was in der Realität oft mühsam und unter zahlreichen Rückschlägen erforscht und entwickelt wurde, war in den auf Spannung getrimmten „Space Operas“ das Werk abrupter Geistesblitze, die durch Tatkraft (und harte Fäuste) ergänzt wurden. Diese Zukunft funktionierte hervorragend – und rein analog; so wirft Forscherfrau Caroline Martin mit einem schnöden Bleistift Formeln auf Papier, die binnen kürzester Zeit in den Bau von Maschinen resultieren, mit denen sich künstliche Mikro-Universen basteln lassen. Ohnehin bleiben die Naturgesetze reine Schablone, die nach Belieben = so, wie es die Handlung bedarf, durch „Technobabbel“ ‚ergänzt‘ bzw. ausgehebelt werden können. Dazu sei beispielsweise zitiert, wie nach Simak die „Ewigkeit“ konstruiert ist: „Durch das Rotierenlassen eines Kreises in drei Dimensionen schafft man eine Sphäre. Lässt man die Sphäre durch vier Dimensionen rotieren, hat man eine Hypersphäre … Jetzt brauchst du nur noch die Hypersphäre durch den fünfdimensionalen Raum rotieren zu lassen.“

Raum und Zeit sind für unser Helden-Quintett nur Spielzeuge, die nach Belieben manipuliert und instrumentalisiert werden. Gewaltig muss das Ergebnis sein, denn so stellte man sich eine Zukunft vor, in der sich der Mensch titanische Städte, Raumschiffe oder künstliche Planeten baute. Folgerichtig verlieren sich unsere Abenteurer von der Erde in der überdimensionalen Heimatstadt der „Ingenieure“, die das von ihnen geschaffene Wunder nicht einmal bevölkern können. Doch eine galaktische Supermacht MUSS Beeindruckendes erschaffen (sowie möglichst nebulös, aber großartig klingend Andeutungen über Raum und Ewigkeit/en machen).

Visionen auf tönernem Boden

Während es technisch stets mit Vollgas vorausgeht, bleibt das 7. Jahrtausend ansonsten seltsam altbacken. Herb und Gary sind „Reporter“, die für eine offensichtlich auf Papier gedruckte Zeitung arbeiten; die einzige Konzession an die Zukunft ist das Dienstfahrzeug – ein Raumschiff, das jedoch eher an ein U-Boot erinnert und recht sparsam mit Instrumenten bestückt ist. Autorenkollege Damon Knight merkte bereits 1951 kritisch an, dass sich die Protagonisten wie „durchschnittlich schlaue Mittelschicht-Amerikaner“ der 1930er Jahre verhalten – kein Wunder, denn „Cosmic Engineers“ erschien erstmals im Magazin „Astounding Science-Fiction“ und in den Ausgaben Februar-April 1939. Dieses SF-Garn atmete deshalb noch aus vollen Lungen den Geist einer durch den Krieg ad absurdum geführten Zukunft/Zuversicht.
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Für sensationelle Entdeckungen sind geniale Wissenschaftler, für den Einsatz der durch sie geschaffenen Gefährte und Apparate tollkühne Helden zuständig. Auf der Erde hat offenbar ein restriktives Regime das Sagen. Man verbietet unserem Raum-Zeitreise-Quintett ihre Expedition und will sie sogar festsetzen, was eine rasante Flucht mit donnernden Raketendüsen zur Folge hat. Allerdings fühlt sich auf dem Pluto oder an Bord der „Space pup“ niemand dafür zuständig, den Kontakt mit den „Ingenieuren“ daheim abzuklären. Wahre Helden halten keine Rücksprache, und aufhalten lassen sie sich erst recht nicht! Im Dienst der guten Sache denken sie nicht an die Folgen für ihre ‚Karriere‘ – ein Wort, das echte Männer ohnehin nicht kennen!

Wobei Clifford D. Simak in einem Punkt von der Schablone abweicht: Mindestens gleichberechtigt im Kreis der Weltenretter sitzt eine Frau! Nun gut, der Autor nennt sie oft „Mädchen“, was aber ihre Jugend und Schönheit trotz überragender intellektueller Fähigkeiten betonen soll. Um das zeitgenössische Publikum zu versöhnen, baut er weibliche Angstquiekser dort ein, wo sich die „Space pup“ in ferne, nur mögliche Zukünfte oder fremde Dimensionen vorwagt. Immerhin steht im Finale keine Hochzeit an. Caroline Martin verliebt sich nicht in einen der kernigen Jungs, mit denen sie das Universum rettet.

Die Ewigkeit fest im Griff

Naiv, aber durchaus einfallsreich beschwört Simak seine (hyper-) kosmischen Kulissen herauf. Ein Universum reicht ihm nicht, er postuliert ein Multiversum (über das man übrigens schon in der griechischen Antike nachdachte), dem er nach Belieben mysteriöse Zusatz-Dimensionen anflanscht. Auch eine Zeitreise in eine nur mögliche Erde der Zukunft findet statt, wo ‚zufällig‘/glücklicherweise der allerletzte Mensch noch lebt, um seinen beeindruckten Besuchern weitere ‚kosmische‘ Weisheiten aufzutischen.

Um nicht gar zu abstrakt in megalomanische Sphären abzudriften, präsentiert Simak seinen Lesern zwischendurch handfeste Gefahren. So lauern im Hintergrund die superbösen „Höllenhunde“, eine von Hass und Zerstörungswut geprägte Alien-Brut, die sogar das Ende des Universums und damit ihren eigenen Tod riskiert, wenn sie dadurch die verhassten „Ingenieure“ mitreißen kann. Simak inszeniert eine buchstäblich bombastische Raumschlacht, deren tödlichen Ausgang er (fadenscheinig) als ‚gerecht‘ kommentiert.

Überhaupt endet diese Weltraum-Oper erwartungsgemäß mit einem Happy-End – und einer bekannten Coda: Der Mensch ist zwar der Erbe der „Ingenieure“, aber noch nicht „reif“ genug es anzutreten. Das entscheiden unsere Helden im Namen der Menschheit, die sich dazu nicht äußern kann. Abschließend wird das Bild einer Zukunft entworfen, die abermals das Individuum ausspart; es hat in dieser Vision keinen Platz – ein Fehler, den Simak später nicht mehr beging, sondern ‚echte‘ Menschen in den Mittelpunkt seiner Geschichte setzte. Deshalb bleibt „Ingenieure des Kosmos“ ein Kuriosum; das Werk eines Schriftstellers, den man normalerweise nicht mit der „Space Opera“ in Verbindung bringt, der aber im zeitgenössischen Rahmen des Genres ein spannendes, nostalgisch angestaubtes Garn gesponnen hat!

Autor

Clifford Donald Simak wurde am 3. August 1904 in Millville, einem Städtchen im Südwesten des US-Staates Wisconsin, geboren. Naturwissenschaft und Journalismus waren seine frühe und lebenslange Leidenschaft. Simak studierte an der Universität von Wisconsin und wurde 1922 zunächst Lehrer. 1929 wagte er den Absprung und wurde für diverse Zeitungen des Mittelwestens tätig. Ab 1939 war er fest beim „Minneapolis Star“ angestellt, wo er bis 1976 blieb und u. a. die Wissenschaftsbeilage betreute.

Der junge Simak war von den Science-Fiction-Magazinen fasziniert, die in den 1920er Jahre erschienen. Er wurde bald selbst schriftstellerisch aktiv. Eine erste Kurzgeschichte erschien 1931 in Hugo Gernsbacks „Wonder Stories“. 1938 wechselte Simak als Autor zu „Astounding Science Fiction“. Unter dem charismatischen Herausgeber John W. Campbell jr. (1910-1971) begann er seine eigene Stimme zu finden. In den nächsten Jahren entstanden jene Storys, die 1952 zum „City“-Zyklus zusammengefasst wurden.

Obwohl Simak zu den Gründervätern der Science Fiction gezählt wird, begann seine eigentliche Karriere erst nach dem II. Weltkrieg. Der Autor sperrte sich gegen aktuelle Modeströmungen und blieb ‚seiner‘ SF treu. Einfache Männer bilden seine Hauptfiguren: Handwerker, Journalisten, Lehrer, oft am Rande der Gesellschaft lebend, etwas verschroben aber aufgeschlossen, tolerant und neugierig (sowie in der Regel begleitet von einem Hund). Gern lässt Simak das Fremde in den vertrauten Landschaften des Mittelwestens auftauchen, wo außerhalb der großen, anonymen Städte Männer und Frauen in übersichtlichen Gemeinschaften leben und gesunder Menschenverstand allemal über weltfremdes Spezialistentum gestellt wird.

Mit seinen ‚pastoralen‘ SF-Werken schuf sich Simak eine literarische Nische, in der er sich behaglich einrichtete. Selbst die eifrigen und manchmal eifernden Vertreter der „New Wave“, die Ende der 1960er Jahre der SF grundlegende neue Impulse gaben, ließen ihn in Ruhe. Schon 1973 wurde Simak in die „Science Fiction Hall of Fame“ aufgenommen. In den 1970er Jahren erweiterte er sein Repertoire und verfasste erfolgreiche Fantasy-Romane. Erst sein Tod am 25. April 1988 in Minneapolis setzte dieser erstaunlichen, fast sechs Jahrzehnte umspannenden Karriere ein Ende.

Copyright © 2018 by Michael Drewniok (md)

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