Jenseits der Zeit

Cixin Liu
Jenseits der Zeit

Originaltitel: Shishen Yongsheng (2010)
Dt. Erstausgabe: April 2019 (Heyne Verlag/Paperback Nr. 31766)
Übersetzung: Karin Betz
Umschlagillustration: Stephan Martinière
Umschlaggestaltung: Das Illustrat, München
990 Seiten
ISBN 978-3-453-31766-6

von Gunther Barnewald

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Die vorliegende Geschichte ist Abschluss der aufsehenerregenden Trilogie des chinesischen Autors Cixin Liu, die mit dem sensationellen Roman „Die drei Sonnen“ begonnen hatte. (Wer Band 1 und 2 noch nicht kennt, sollte diese Rezension besser nicht lesen, denn hier wird auch auf den Inhalt der beiden Vorgängerromane eingegangen).

Erneut ist das Buch mit knapp tausend Seiten sehr dick geworden. Wie in Lius Novellen – siehe hierzu meine Besprechung von „Wandernde Erde“ -, geht es nie um Kleinigkeiten. Wenn nicht gerade das Schicksal der Menschheit behandelt wird, geht es um das Schicksal des ganzen Universums. Kleiner hat es der Autor selten.

Nachdem der wacklige, auf gegenseitiger Abschreckung basierende Frieden mit den Trisolariern – die eigentlich die Erde komplett übernehmen und die Menschheit vollständig auslöschen wollten – endlich erreicht ist, zeigt sich, dass beide Seiten kulturell davon profitieren.

Doch dann steht ein Wechsel an, denn die Mechanismen, die den Frieden auf der Erde erhalten, hängen von Luo Ji ab, dem Mann, der die einzige erfolgreiche Abwehrstrategie gegen die Invasoren erdacht hat. Inzwischen alt geworden, soll er abgelöst werden. Kann sein potenzieller Nachfolger – die junge Chinesin Cheng Xin – die Drohung glaubwürdig aufrechterhalten?

Als tatsächlich die Probe aufs Exempel erfolgt, scheint der größte Teil der Menschheit verloren, während die Trisolarier triumphieren. Oder wendet sich das Blatt, und beide Rassen werden ausgelöscht?…

Erneut gelingt dem Autor eine äußerst kraftvolle, in großen Teilen auch spannende Geschichte, die jedoch nie völlig überzeugt. Zunächst könnte viele nicht chinesische Leser der intensive „Chinozentrismus“ stören. Alle wichtigen, längerfristig agierenden Protagonisten sind Han-Chinesen. Weder andere Bevölkerungsgruppen aus China noch Menschen aus dem Rest der Welt spielen eine große Rolle, obwohl es doch angeblich um die Menschheit und das ganze Universum geht. Selbst die Trisolarier rücken in den Hintergrund.

Zudem trickst der Autor mit neuen Erfindungen so lange herum, bis auch die ältesten Protagonisten durch Kryoschlaf so lange leben, dass sie das Ende des Universums erleben können.

All dies trägt nicht wirklich zur Glaubwürdigkeit der Geschichte bei. Je länger die Erzählung währt, desto stärker wirkt Liu wie ein krude Mischung aus dem populären, sehr naturwissenschaftlich geprägten, US-amerikanischen SF-Schriftsteller Isaac Asimov und einem Landsmann, dem „Weltenzerstörer“ und Schöpfer der Saga um Captain Future, Edmond Hamilton, dessen Story „Fessendes Worlds“, dt. „Fessendes Welten“ (in „Die besten Storys von Edmond Hamilton“) Vorlage für das vorliegende Epos gewesen sein könnte).

Trotz des mangelnden Realismus ist die Geschichte sehr packend und dieses Mal ziemlich durchgängig spannend geraten. In Teil 2 – „Der dunkle Wald“ – war ja der extrem dröge Anfang negativ aufgefallen. Dieses Mal kommt es erst gegen Ende zu deutlich wahrzunehmenden Ermüdungserscheinungen, was angesichts der Seitenstärke kein Wunder ist!

Wer die ersten beiden Bände gelesen hat, wird sich diesen Abschluss natürlich nicht entgehen lassen. Für alle anderen ist Band 3 eher verloren Liebesmühe, denn die besten und verblüffendsten Ideen hat Liu schon im Auftaktband verschossen.

Und wer bisher glaubte, US-Amerikaner seien allzu oft paranoid und neigten zu überdurchschnittlichem Misstrauen, muss hier erkennen: Lius Weltbild ist noch viel engstirniger und feindseliger. Hier ist das Universum bevölkert von bis an die Zähne bewaffneten, ängstlich-feindseligen Spezies, die jede nur mögliche Konkurrenz im Keim ersticken möchten und auf Verdacht wegradieren, was den eigenen Fortschritt auch nur entfernt gefährden könnte.

In seiner genialen Kurzgeschichte „The Helping Hand“ (dt. „Die helfende Hand“) warf der US-amerikanische SF-Schriftsteller Poul Anderson 1950 die Frage auf, was passieren würde, wenn die Menschheit auf eine Rasse stoßen würde, die sich viel schneller als die Menschheit entwickelt und nur aktuell noch ‚hinterherhinkt‘, weil sie später ‚gestartet‘ ist. Würde man sie vorsichtshalber auslöschen, oder würde man versuchen, sie zum Verbündeten zu machen, sie gewähren lassen und von ihr profitieren? Anderson ließ diese Frage nicht grundlos sowie klug unbeantwortet.

Liu solche Fragen nicht. Der Präventivschlag ist aus seiner Sicht die einzige Option. Die Hoffnung auf gegenseitige kulturelle Befruchtung wird nicht einmal in Betracht gezogen. Es bleibt zu hoffen, dass dies nicht keine typisch chinesische Sichtweise, sondern nur Cixin Lius Ansicht markiert.

1959 regte sich der sowjetrussische Autor Iwan A. Jefremov über das Misstrauen auf, mit dem der Autor Murray Leinster in seiner Kurzgeschichte „First Contact“ (1945; dt. „Erstkontakt“, u. a. in „Die besten Storys von Murray Leinster“) die Begegnung zwischen Mensch und Alien darstellte. Jefremov vertrat die These, dass intelligente, technisch versierte Fremdrassen auch moralisch fortgeschritten sein und friedlich miteinander verkehren müssten. So einseitig und unrealistisch dieser Blick heute ist, so sympathisch wirkt er, wenn man Lius krass negative Sichtweise betrachtet.

In diesem Sinne ist Lius Buch zwar ein interessantes und zum Nachdenken anregendes Werk, das durch die deprimierend einseitige Sicht auf das Universum aber stark an Wirkung einbüßt. Nicht nur die Fans der Serie „Star Trek“ werden nicht begeistert sein.

Womöglich sind andere intelligente Rassen im Universum wirklich zu weit entfernt, um jemals einen Kontakt herzustellen. Sollte es jedoch anders sein, und man durchbricht irgendwann die „Lichtmauer“, bleibt nur zu hoffen, dass Lius Sichtweise nicht der Wahrheit entspricht, denn sonst sind wir – um es despektierlich, aber deutlich auszudrücken – absolut am Arsch!!!

Copyright © 2019 by Gunther Barnewald

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Die drei Sonnen

Der dunkle Wald

DIe wandernde Erde

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