Kugelblitz

Cixin Liu
Kugelblitz

Originaltitel: Qiuzhuang shandian (2000/2004)
Deutsche Erstausgabe: Mai 2020 (Heyne Verlag/TB-Nr. 32030)
Übersetzung: Marc Hermann
Umschlagillustration: Stephan Martinière
Umschlaggestaltung: Das Illustrat, München
537 Seiten
ISBN 978-3-453-32030-7

von Gunther Barnewald


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Lius halbwegs voluminöser Roman (der mit 520 Seiten aber längst nicht so seitenstark wie die drei Bände der Trisolaris-Trilogie ist) stammt aus dem Jahre 2000, wurde jedoch 2004 vom Autor überarbeitet. Dieses ‚Frühwerk‘ lässt sich auf keinen Fall mit der genannten Trilogie vergleichen, unterhält aber recht gut und verliert nur im letzten Drittel leider an Schwung. (Als Leser hält man aber recht mühelos durch.)

Neben den etwas hölzernen Charakteren – der Protagonist trägt nicht einmal einen Vornamens, heißt immer nur „Doktor Chen“ und wird sogar von nahestehenden Kollegen immer nur so angesprochen, was für sich bzw. gegen eine glaubhafte Charakterisierung spricht – stören vor allem die bis zum Ende immer freier schwebende Handlung sowie nur angedeutete moralische Reflexionen und Informationen.

So wird China von einem Feind attackiert, aber niemand weiß so recht, wer wieso angreift. Nur am Namen der ‚feindlichen‘ Flugzeugträger – einer heißt „Ronald Reagan” – wird klar, wer der Aggressor zu sein scheint. Noch skurriler wirkt der terroristische Überfall einer ‚hochintelligenten‘, superwissenschaftlich fortschrittlichen Terrorgruppe von „Wissenschaftshassern“; auch dies spricht leider für sich! Diese ‚Aluhutträger‘ sind die unglaubwürdige Krönung einer Handlung, die immer mehr jeder Logik entbehrt.

Zwischendurch gelingen Liu aber wunderbare Schilderungen russischer Lebenswirklichkeit (der Besuch einer heruntergekommenen Wissenschaftlerstadt in der russischen Pampa am Ende der zivilisierten Welt mit Plattenbauten und Wodka-Säufern), dramatischer Kugelblitzexperimente und waghalsiger Helikopterflüge, die manchmal in ihrer Intensität an den vom Autor hier erwähnten Hollywood-Action-Blockbuster „Twister“ erinnern. Dies sind eindeutig die starken Seiten des Romans, der ansonsten dem Lebensweg eines jungen Forschers folgt, dessen Eltern an seinem 14. Geburtstag von einem Kugelblitz getötet werden.

Nachdem sich der vornamenlose Chen an die Spitze der Forschung vorgearbeitet hat, wird er Zeuge, wie seine Erfindung als Waffe einsetzt wird. Er bekommt nachvollziehbare Skrupel, steigt aus der Forschung aus, bekommt nur noch (retrospektiv) von einem genialen Wissenschaftlerkollegen erzählt, was geschieht. (Ab hier flaut die Spannung merklich ab!).

Es spricht für Liu, dass er seinen Protagonisten diesen Weg gehen lässt, denn dem Willen des chinesischen Militärs zuwiderzuhandeln ist sicherlich schon in der Fiktion sehr mutig. (Ob man einen wichtigen Forscher überhaupt abwandern lassen würde, erscheint mir fraglich!).

So muss der Leser hier womöglich (wie früher bei sowjetischer oder osteuropäischer SF) mit der einen oder anderen ‚verklausulierten‘ Äußerung oder Wendung vorlieb nehmen (weshalb wohl auch der Kriegsangreifer nicht so deutlich benannt wird; dies eventuell auch, weil die Bevölkerung gar nicht offen wie in einer Demokratie üblich informiert wird)
.
Dem Autor gelingt – mit den erwähnten Abstrichen – ein durchgängiger Spannungsbogen. Legt man keine zu hohen Maßstäbe an (die von Lius bisherigen Meisterwerken nämlich), bietet das vorliegende Buch durchaus gute und auch ideenreiche Hard-SF, die wissenschaftliches Denken, Handeln und Forschen packend und interessant darstellt.

Wer wissenschaftlich-technische SF im Stile Asimovs oder Arthur C. Clarkes mag, dem wird dieses Buch zusagen. Ein Meilenstein ist es definitiv nicht, aber recht unterhaltsam und über weite Strecken kurzweilig.

Copyright © 2020 by Gunther Barnewald

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