Quantenträume

Jing Bartz/Shi Zhanjun (Hrsg.)
Quantenträume

Originalausgabe = deutsche Erstausgabe: September 2020 (Heyne Verlag/TB-Nr. 31904)
Übersetzung: Karin Betz, Johannes Fiederling, Marc Hermann, Michael Kahn-Ackermann und Eva Lüdi Kong
Umschlaggestaltung: Das Illustrat, München (unter Verwendung eines Motivs von Lithi Luadthong/Shutterstock)
512 Seiten
ISBN 978-3-453-31904-2

von Gunther Barnewald


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Diese von Dr. Jing Bartz und dem Herausgeber der chinesischen Zeitschrift „Volksliteratur“ Shi Zanjun zusammengestellte Originalanthologie versammelt 15 Erzählungen zum Thema künstliche Intelligenz: zur Wohltat des Lesers nur ‚moderne‘ und meist sehr naturwissenschaftliche Geschichten mit oft hohem Unterhaltungswert.

Im Gegensatz zu der ebenfalls mit chinesischen Autoren bestückten Sammlung „Zerbrochene Sterne“, deren Inhalt sich eher am magischen Realismus orientiert oder kryptisch-märchenhafte Texte enthält, gilt dies für die vorliegende Storysammlung zum Glück nicht.

Mit Ausnahme einer Geschichte von Quifan Chen sind die Erzählungen sämtlich lesenswert, manche sogar überragend (Luo Longxiang und Liu Weijia), andere (Xia Jia, Liu Yang, Shuang Chimu, Gu Shi, Wang Jinkang, Hao Jingfang, Baoshu, A Que und Han Song) gut bis sehr gut, drei etwas schwächer (Fei Dao, Sun Wanglu, Ling Chen), aber immer noch lesenswert. Nur Quifan Chens dröge Erzählung trübt etwas den hervorragenden Gesamteindruck.

So erzählt die erste Story von Xia Jia – leider ist sie nur der Ausschnitt eines Episodenromans und macht Lust auf das ganze Buch – von elektronischen Spielzeugen, die in ihrer Frachtkiste eine eigene Sprache entwickeln. Während diese Episode nur angerissen wird, konzentriert sich die Autorin im weiteren Verlauf auf die Beschreibung einer neuen und sehr verblüffenden Erkrankung, die den Betroffenen allmählich die Fähigkeit nimmt, Sprache zu verstehen und zu sprechen. Deswegen müssen andere Wege der Kommunikation gefunden werden …

Während Liu Yang in einer tollen Story den Verdacht nährt, ein weiblicher Haushaltsroboter sei nicht nur eine perfide Mörderin, sondern bereite aus den Leichen sogar Speisen, erzählt Fei Dao kurz und (einigermaßen) unterhaltsam von einem Geschichten erzählenden und sogar erfindenden Roboter.

Während Sun Wanglu den Leser auf eine intellektuelle Probe stellt mit der Frage, wie ein umgekehrter Touring-Test – kann eine KI im Chat ihre Künstlichkeit verbergen und für einen Menschen gehalten werden oder ist dies etwa gar keine Umkehrung? – aussehen könnte und dabei nicht ganz so spannend ist, berichtet Luo Longxiang augenzwinkernd, sehr schalkhaft und vor allem clever von den ‚Abenteuern‘ einer Gruppe von Nutzrobotern, die in Abwesenheit von Menschen ein abgelegenes Hotel auf dem Uranus so sehr aufmöbeln, dass es den Erdenmenschen nach ihrer Wiederkehr das Lachen verschlägt. Zweifellos ein Highlight dieser Anthologie.

Während Shuang Chimus vor Ideen übersprudelt und es damit dem Leser nicht einfach macht – seine moderne Version einer chinesischen Geistergeschichte ist trotzdem stark erzählt und, wenn man sie versteht, genial erdacht -, erzählt Quifan Chen dermaßen trocken, ohne Witz und anfangs leider auch ohne roten Faden, dass man als Leser schnell die Lust verliert sich weiter zu quälen. Zwar gibt es irgendwann sogar eine Protagonistin, und es wird auch noch ein laues Handlungsgerüst entworfen, aber leider reicht dies nicht aus. Man muss konstatieren, dass „Cloud-Liebe“ der eine große Flop dieser ansonsten wunderbaren Anthologie ist.

Danach geht es wieder steil bergauf. Während Gu Shi geniale Ideen dazu hat, was Bewusstseinstransfer für die Pflege bedeutet (wer hätte daran gedacht, dass dann Menschen mit körperlichen Einschränkungen sich selbst vermittels eines Ersatzkörpers pflegen könnten; eine wahrlich herausragende Idee!) und generell für Betroffene, erzählt Liu Weijia eine grandios melancholische Geschichte über einen hilfsbereiten Roboter, der an der Aggression und Fehlerhaftigkeit der menschlichen Natur herzzerreißend scheitert: ein weiterer Höhepunkt der vorliegenden Sammlung, trotz einiger Klischees.

Ebenfalls gut sind die beiden folgenden Kurzgeschichten: Während Wang Jinkang den Transfer eines menschlichen Bewusstseins in einen künstlichen Körper thematisiert (wobei die Vermeidung von Abstoßung durch Schockreaktionen beim unwissenden ‚Unfallopfer‘ hier das Thema ist), erzählt Hao Jingfang von den Tücken eines digitalen Doppelgänger-Programms und seinen Grenzen, die sogar der Entwickler am eigenen Leib erfahren muss.

Ebenfalls sehr stark ist Baoshus Story vom Untergang fast allen Lebens im Sonnensystem, dem aber eine ehemals menschliche Entität doch schlussendlich trotzen kann. Auch A Ques wunderbare Kriminalkurzgeschichte, in der ein Ermittler im letzten Moment verhindern kann, dass Roboter als Mörder in Verruf geraten, ist sehr gelungen und hat einen cleveren Plot.

Zum Abschluss präsentiert Long Chen eine eher mäßige (aber gut lesbare) Erzählung über ein bedrohliches Computerspiel mit womöglich prognostischen Fähigkeiten, das einen geheimnisvollen Schöpfer aufweist, und Han Song beschließt die Anthologie mit einer amüsanten Geschichte über erleuchtete Roboter, die religiös geworden sind, ihr Leben im Kloster fristen, predigen und die Menschen zu ihrem Glauben bekehren wollen, was durchaus von Erfolg gekrönt ist (!).

Eine insgesamt sehr starke Anthologie voller ideenreicher, unterhaltsamer, emotionaler und spannender Geschichten. Bis auf nur eine Story ist sie lesbar, clever und manchmal wirklich überragend. Wer gute, ideenreiche und phantasievolle SF lesen will, sollte hier unbedingt zugreifen!

Copyright © 2020 by Gunther Barnewald

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