Rejoice – Die letzte Entscheidung

Steven Erikson:
Rejoice – Die letzte Entscheidung

Originaltitel: Rejoice (2018)
Deutsche Erstausgabe: November 2019 (Piper Verlag/TB-Nr. 70558)
Übersetzung: von Andreas Decker
Cover: Guter Punkt, Kim Hoang unter Verwendung von Motiven von Gettyimages.
520 Seiten
ISBN 978-3-492-70558-5

von Gunther Barnewald


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Der kanadische Phantastik-Autor Steven Erikson versucht sich hier an einem Update von Arthur C. Clarkes umstrittenem ‚Klassiker‘ „The Last Generation“ (dt. als „Die letzte Generation“), einem der bekanntesten, aber auch schlechtesten Erstkontakt-Romane der SF.

Hier werden allerdings keine „rassisch minderwertigen“ Aliens – diese Abwertung macht Clarkes Buch ebenso unerträglich wie das völlige Fehlen moralisch-ethischer Normen bei den Menschen; Entwicklung beschränkt sich auf Wissenschaft und Technik, was einfach nur peinlich ist! – auf die Erde geschickt, um die Menschheit auf ein höhere Stufe der Entwicklung zu heben, sondern – wie es in der aktuellen Science Fiction quasi üblich ist – eine künstliche Intelligenz.

Deren Macht ist so groß, dass sie schützende Kraftfelder um jeden Menschen legen kann, der angegriffen wird. Von nun an ist keine körperliche Gewalt mehr möglich. Wer dennoch gegen Gesetze verstößt, kann lediglich mit Handschellen gefesselt werden.

Weil niemand mehr Gewalt fürchten muss, sterben laut Erikson Angst und Wut ganz schnell ab, die Menschheit wird friedlich: Dies ist nicht die einzige Prämisse, die an den Haaren herbeigezogen wirkt. Nur weil der Ehemann seine Frau nicht mehr schlagen und sie ihm kein heißes Fett mehr ins Gesicht schütten kann, werden die Menschen reifer?

Ein, wie mir scheint, unreflektiertes Konzept. Zwar gibt es bei Erikson noch eine Art mental durchgeführte Psychotherapie, die dazu führen soll, dass Traumata sich auflösen, aber auch dies wirkt sehr nebulös.

Auch andere Ansätze des Autors sind wenig durchdacht. Dazu gehören der globale Friede in der muslimisch geprägten Welt durch einen Prediger namens „Der lachende Imam“ – obwohl eigentlich eine schöne Idee, einen religiösen Führer vorzustellen, der Humor hat und verzeihen kann – oder das Ende der turbokapitalistischem Ausbeutung durch Soziopathen und Narzissten.

Zu allem Überfluss verkauft uns der Autor allen Ernstes die berühmten grauen, großäugigen Aliens, die immerzu Menschen entführen und mit „Analsonden“ traktieren, als reale Gestalten. Sie werden von der Mond-KI aus dem Sonnensystem vertrieben, weil sie sich einzig und allein von der Qual und vom Elend anderer Intelligenzen ernähren. Warum die Schöpfer der supermächtigen KI diesen Schmarotzern bisher keinen Einhalt geboten und auch andere Intelligenzen außer den Menschen nicht vor ihnen beschützt haben, weiß allein der Autor (und wahrscheinlich nicht einmal dieser).

Was möglicherweise noch schwerer wiegt als diese Unzulänglichkeiten ist das völlige Fehlen eines Spannungsbogens. Der Autor will die ganze Welt beobachten und verliert sich in kurz angerissenen Schilderungen des Schicksals Dutzender Menschen, die man leider nicht als Protagonisten bezeichnen kann, da man keine dieser Figuren – von Charakteren zu sprechen widerstrebt mir hier – gut genug kennenlernt.

Da Erikson weder stilistisch brillant schreibt noch atmosphärisch dicht, bleibt allein der intellektuelle Kitzel der Erzählung, die den Leser (vielleicht) bei Laune halten kann und ihn motiviert, weiter zu lesen. Insgesamt zahlt sich dieses Durchhaltevermögen leider nicht aus, denn trotz der guten Grundidee ist das Endergebnis sehr dürftig. Spaß machen auch die sophistischen Klugscheißereien nicht, die der Autor in enervierende Dialoge verpackt.

Vollends lachhaft wird es, wenn der Autor seine Berufskollegen zu Experten für den Erstkontakt ernennt, weil nur diese angeblich die ausgeprägte „Phantasie“ haben, sich einen Wandel durch das Eingreifen der „fremden Macht“ (hier meist „E.T.“ genannt) vorzustellen und den Mitmenschen zu kommunizieren, weshalb auch eine kanadische SF-Autorin von der KI entführt wird, um irgendwann mit der Menschheit zu sprechen, was aber fast 500 Seiten lang dauert.

So muss man konstatieren, dass der Autor diese Geschichte in den Sand gesetzt hat; zwar nicht so fulminant wie der oben erwähnte Clarke, aber leider mit ähnlicher Wirkung: „Rejoice“ ist ein megalangweiliges Buch und lohnt die investierte Zeit kaum. Nur wer das Thema absolut liebt, sollte sich diese Geschichte antun.

Copyright © 2019 by Gunther Barnewald

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