Supernova

Cixin Liu
Supernova

Originaltitel: Chaoxinxing Jiyuan (2003)
Deutsche Erstausgabe: Dezember 2021 (Heyne Verlag/TB-Nr. 32031)
Übersetzung Karin Betz
Cover: Das Illustrat, München (nach einem Motiv von Stephan Martinière)
512 Seiten
ISBN 978-3-453-32031-4

von Gunther Barnewald


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Lius voluminöser (mit 500 Seiten aber längst nicht so umfangreicher wie die Bände der Trisolaris-Trilogie) Roman kam 2003 auf den Buchmarkt und gilt als Debüt des Verfassers, da „Kugelblitz“, obwohl schon 2000 entstanden, erst 2004 veröffentlicht wurde.
Wie „Kugelblitz“ reicht auch dieses ‚Frühwerk‘ des chinesischen Autors nicht an seine meisterhaften Trilogie heran. Sie ist qualitativ deutlich schwächer ausgefallen, unterhält aber trotzdem, obwohl über weite Strecken eine befremdlich-krude Geschichte erzählt wird, die als Satire gelten könnte, jedoch keinen Funken echten Humors aufweist. (Oder hat der Rezensent ihn nicht erkannt oder verstanden?)

Neben hölzernen Charakteren wirft vor allem die Glaubwürdigkeit der Geschichte Fragen auf. Lius Menschenbild (oder sagen wir lieber Kinderbild) ist zweifelhaft, die gesamte Erzählung unrealistisch. Trotzdem stellt sie eine interessante Lektüre dar, ist der Inhalt polarisierend und diskussionswürdig!

Zum Inhalt: Ein der Erde naher Dunkelstern, den noch kein Astronom entdeckt hat, explodiert. Die sich ausbreitende Supernova erfasst mit ihrer starken Strahlung die ganze Erde. Kein Mensch entgeht ihr. Bald steht fest, dass alle Menschen über 13 Jahren in Kürze daran sterben werden. Nur bei Kindern ist die genetische Regenerationsrate hoch genug, um die Strahlenschäden zu überwinden.

Die Chinesen (und die anderen Nationen wohl auch) bereiten sich darauf vor, dass die älteren Kinder die Jobs ihrer Eltern übernehmen müssen, da alle Erwachsenen bald sterben werden. Nachdem dies geschehen ist, beschließen die Kinder nicht mehr den hinterlassenen Anweisungen zu folgen. Sie wollen spielen und Spaß haben und ignorieren die Zukunft. Auf dieses bunte ‚Bonbonland‘ folgt ein globaler Krieg in der Antarktis, wo es immer stärker taut. Mit unbändigem Spaß beginnen die Kinder einander abzuschlachten …

Wer dies liest, fragt sich unwillkürlich, ob er im falschen Film ist. Macht es Kindern wirklich Spaß, im Panzer durch den Kugelhagel zu donnern und dabei geröstet zu werden? Ist es toll, die Gegner mit allen möglichen Waffen zu attackieren, während Granaten fallen, Freunde sterben und man selbst verkrüppelt oder getötet wird?

Völlig empathiefrei erzählt der Autor eine surreale Geschichte, in der sich die (vorläufig) Überlebenden der Menschheit einerseits dem totalen Hedonismus hingeben und andererseits vor dem Abwurf von Atombomben und grausamsten Schlachtereien nicht zurückschrecken – dies, weil es für Kinder ‚ultrasupergeil‘ ist!???

Sind die denn alle verrückt, debil oder ultrapatriotische Machos? Unsägliche Klischees vom rustikalen US-Amerikaner mit Hang zum Waffenfetischismus lassen es verständlich erscheinen, dass die ‚friedlichen Chinesen‘” zur Atombombe greifen.

Verbale Entgleisungen des Autors wie auf Seite 448 – hier wird die Dekadenz der USA gerügt, werden Hippies und Punks für den Untergang der einst stolzen Nation verantwortlich gemacht, während die einstigen Helden sentimental, bibbernd, abgestumpft und zerbrechlich beim Blick auf ein bisschen Blut ohnmächtig werden und verweichlicht herumheulen – tun ihr Übriges, die Geschichte in das Delirium eines Geisteskranken zu verwandeln.

Niemand kann behaupten, dass Kinder kleine Engel sind und nur Gutes in ihnen steckt, wie Herbert Grönemeyer einst fabuliert; dabei aber wenigstens charmant falschlag. Doch die kalten, verhaltensgestörten Bestien, die den Planeten in Klump und Asche bomben, erscheinen sogar einem ausgesprochenen Menschenhasser übertrieben. Wenn dies das chinesische Menschenbild ist, dann schütze uns Gott vor den Chinesen!

Aber wahrscheinlich/hoffentlich ist Lius Sicht eine Einzelmeinung – oder habe ich unkundig eine feine Saite chinesischer Satire übersehen, die der Autor hier anschlägt? Oder meint er es wirklich Ernst?

Tief Luft geholt und nüchtern analysiert: Nach den ersten 150 Seiten nimmt die Geschichte Fahrt auf, den kindlichen Hedonismus zu beobachten macht Spaß, und tatsächlich wäre eine von Kindern bestimmte Welt anders, als sich die Erwachsenen dies vorstellen können. Liu hat dazu eine ‚interessante‘ Meinung. Es lohnt sich damit auseinanderzusetzen. Man muss die Sichtweise aber sicher nicht teilen!

Das Buch ist immerhin so packend und faszinierend, dass man in Windeseile zum Ende kommt. „Supernova“ ist kein Langweiler! Zudem gibt der Roman viele Denkanstöße. Mein Lieblingsbuch ist es eher nicht, aber verschwendete Zeit war die Lektüre auch nicht. Liu eröffnet eine sehr verschrobene, geradezu bizarre Sichtweise und gibt interessante Denkanstöße. Man sollte dieses Buch mit Freunden diskutieren. Damit leistet der Roman mehr als andere, ‚glatte‘ Werke! Erfreulich also, dass Heyne ihn bringt – trotz oder gerade wegen der krassen Ansichten des Autors.

Copyright © 2021 by Gunther Barnewald

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