The Last Day

Andrew Hunter Murray
The Last Day

Originaltitel: The Last Day (2020)
Deutsche Erstausgabe: Oktober 2020 (Piper Verlag)
Übersetzung: Michaela Link
Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München (nach einem Entwurf von Penguin Random House UK)
Umschlagabbildung: Yagi Studio/Getty Images; Shutterstock.com
446 Seiten
ISBN 978-3-492-70584-4

von Gunther Barnewald


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In seinem Erstlingswerk lässt der englische Autor Andrew Hunter Murray ganz in der SF-Tradition seiner britischen Landsleute, die Erde bzw. die menschliche Zivilisation untergehen:

Durch den Vorbeiflug eines ausgebrannten Sterns – eines sogenannten Weißen Zwergs – hat sich die Umdrehung der Erde verlangsamt und wurde schließlich sogar angehalten. Die Briten hatten Glück; ihre Inseln der „Splendid Isolation“ kommt genau zwischen den beiden Seiten (Tag und Nacht) zum Halt. Während die eine Hälfte der Welt verbrennt, versinkt die andere in Dunkelheit und Frost.

Als viele Menschen in die Zwielicht-Zone strömen, weil nur dort ein Überleben möglich scheint, schotten sich die Briten rigoros ab und versenken u. a. Flüchtlingsboote mit Waffengewalt. Nur Schweizer sowie reiche US-Amerikaner finden gegen Bezahlung oder aufgrund alter Beziehungen Zuflucht auf den britischen Inseln.

Für diese Politik mitverantwortlich ist der Wissenschaftler Edward Thorne, der aber irgendwann und sehr abrupt die Regierung verlässt. Als er Jahrzehnte später im Sterben liegt, lässt er seine ehemalige Schülerin Ellen Hopper kommen, die dies eigentlich nicht will, da sie ihm die unmenschlichen Entscheidungen während der Krise vorwirft.

Der ehemalige Professor will ihr ein erschütterndes Geheimnis anvertrauen, stirbt aber, kaum dass Ellen ihn aufgesucht hat; sie muss aus wenigen Hinweisen erschließen, was Thorne ihr mitteilen wollte. Verfolgt vom Geheimdienst und bedroht von der Gefahr, dass die Zivilisation auf den britischen Inseln ebenfalls kollabiert, macht sich Hopper auf die Suche nach dem Geheimnis, das sehr wahrscheinlich ihr Leben vernichten wird, sollte es jemand vor ihr lüften …

Getragen wird diese Geschichte fast ausschließlich von dem geschickt geschilderten und genial konstruierten Geheimnis. Doch schon der verstolperte Einstieg zeigt, dass Plot und Handlung Schwachstellen aufweisen. Hat man sich eingelesen, fällt unweigerlich auf, dass die Charaktere nicht wirklich ausgereift sind, sondern eher flach wirken.

Zudem stört die angloamerikanische Egozentrik. Der Autor interessiert sich wenig für die untergehende Menschheit außerhalb Großbritanniens. Aber was geht sonst vor in der Zwielicht-Zone, die immerhin den gesamten Planeten umspannt, wenn die Erde wirklich eine Kugel ist? 😉

Großes Plus ist neben dem hohen Spannungsgehalt die durchaus interessante Atmosphäre und vor allem viele Anspielungen auf heutige Probleme (Was machen mit Flüchtlingen auf Booten? Reinlassen? Töten? Wegschicken? Wenn reinlassen, dann versklaven und ausbeuten oder integrieren? Wie umgehen mit Problemen durch den Brexit oder Corona, wenn Lieferketten reißen oder Medikamente für immer vom Markt verschwinden?). Leider schöpft der Autor das Potenzial dieser Probleme, moralischen Fragestellungen und Dilemmata nur ungenügend aus.

Phasenweise ist immerhin zu spüren, dass einige Menschen von ihrem Überleben auf Kosten anderer angewidert sind. Manche haben sich wie Professor Thorne aus dieser Gesellschaft zurückgezogen, wollen nicht mehr länger Teil einer Diktatur unter einem brutalen Alleinherrscher sein, der die Demokratie abgeschafft hat – und dies vielleicht nicht nur, um das Überleben zu ermöglichen, wie sich gegen Ende der Geschichte zeigt. (Mehr soll hier nicht verraten werden!)

So bleibt „The Last Day“ ein Buch mit einem durchaus perfiden Plot, ist nach holperigem Beginn gut lesbar und hochspannend, aber kein Meisterwerk und in einer Liste gelungener Post-Doomsday-Romane (siehe hierzu den Abschluss meiner Rezension zu Adrian J. Walkers Roman Am Ende aller Zeiten) nicht unbedingt unter den besten 30 (vielleicht nicht einmal 50!) zu finden.

Copyright © 2020 by Gunther Barnewald

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