Venus

Ben Bova
Venus

(Ben Bova’s Grand Tour of the Universe, Bd. 4)

Originaltitel: Venus (New York : Tor Books 2000)
Deutsche Erstveröffentlichung: April 2002 (Heyne Verlag/SF 06/6388)
Übersetzung: Martin Gilbert
Titelbild: Thomas Thiemeyer
494 Seiten
ISBN-10: 3-453-19677-5
eBook: November 2014 (Heyne Verlag)
1468 KB
ISBN-13: 978-3-641-15166-9

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Das geschieht:

Einige Jahrzehnte in einer Zukunft, in der Reisen zu anderen Planeten und Monden auch weiterhin schwierig, gefährlich und teuer aber möglich sind und regelmäßig stattfinden, hat „Humphries Space Systems“, der Mega-Konzern des Tycoons Martin Humphries, überall im Sonnensystem die Finger im Spiel die Familie reich und mächtig werden lassen.

Alexander, Martins älterer Sohn und designierter Nachfolger, ist vor drei Jahren bei einer waghalsigen Expedition zur Venus verschollen, die er ganz im Geiste seines Vaters als erster Mensch betreten wollte. Zurück blieb Van, der zweite Sohn und das schwarze Schaf, das sich vom rücksichtslosen Machtmenschen Martin abgewandt hat. Noch tot scheint Alex für Martin wichtiger zu sein als der überlebende Sohn. Zehn Milliarden Dollar winken als Belohnung dem, der zur Venus fliegt und die sterblichen Überreste des vermissten Helden birgt. Das lockt Abenteuer und Glücksritter – und Van, der das Schicksal des Bruders klären will.

Freilich ist es nicht einfach, das Preisgeld einzustreichen: Die Venus ist ein echter Höllenplanet. Der Luftdruck reicht aus, ein Raumschiff zu zerquetschen. Wer dieses Problem löst, landet auf einer Welt, deren Oberflächentemperatur 450 Grad Celsius beträgt und die von Schwefelsäure-Wolken umkreist wird.

Für Alexander ist der Bau des Spezial-Raumschiffs „Hesperos“ ohne das Geld des Vater unmöglich. Zu allem Überfluss gibt es auch noch einen Konkurrenten: Lars Fuchs, einst Martin Humphries größter Rivale, von diesem betrogen, ruiniert und um die Ehefrau gebracht – ein verbitterter Mann, der dem verhassten Feind unbedingt das Belohnungsgeld abpressen will. Der schlimmste Gegner ist indes die Venus selbst: Die „Hesperos“ stürzt ab, und plötzlich geht es nicht mehr um Geld und Rache, sondern um das nackte Überleben …

Dramatik & Tragik per Vorschlaghammer

Es war einmal ein reicher Mann, in seiner Welt ein König gar, der hatte zwei Söhne; einer wohlgestalt und mutig, der Stolz seines Vaters und idealer Erbe seines Reiches, der andere störrisch und schwächlich & bei der Geburt der Tod der Mutter, was der Vater nie verwinden konnte. Aber ach, als des Schicksals Tücke ihm den einen Sohn entreißt, da ist es ausgerechnet der Gute, während der Kümmerling zurückbleibt und seither vergeblich barmt, des Alten Gunst zu erringen …

Was für ein Desaster! Und damit ist nicht etwa die Höllenfahrt der „Hesperos“ gemeint, sondern die Geschichte, die SF-Routinier Ben Bova hier nach Schema F ebenso lieblos wie fahrig zusammengebraut hat. „Venus“ ist Steinzeit-SF, die mit allerlei Mätzchen zum Lektüre-Ereignis und Verkaufsschlager gepusht werden soll. Schon das Konzept der Handlung, einleitend nur halbwegs ironisch (und ansonsten mit viel Leser-Zorn) seiner pseudo-phantastischen Elemente entkleidet wurde, ist Käse der besonders schmierigen Art: eine Seifenoper, die aus genormten Elementen dieses Ärgernis erregenden Genres zusammengestoppelt wurde.

Zwar kann ein ordentlicher Vater-Sohn-Konflikt auch heute Schwung in eine Geschichte bringen. Dann darf sie natürlich nicht so plump und klischeebefrachtet wie hier dargeboten werden. Schlimmer noch: Bova meint die Dramatik zu steigern, indem er besagten Konflikt doppelt und zusätzlich durch einen Mutter-Tochter-Zwiespalt spiegelt! Dazu gibt’s ein ordentliches Quantum „Seewolf“ nach Jack London mit Lars Fuchs in der Rolle des Wolf Larson und Van Humphries als Humphrey van Weyden, womit gleichzeitig der Beweis erbracht wäre, dass Bova auch mit dem Hommage-Holzhammer umzugehen versteht.

Zanken, greinen, debattieren

Figurenzeichnung war nie die Stärke von Ben Bova. Es ist, als wäre Robert A. Heinlein nie gestorben, sondern bevölkere die literarische Welt weiterhin mit Knallchargen. Wer meint, ich übertreibe, werfe nur einen Blick auf Bovas einzigartigen Epilog, der Van Humphries im Triumph über den schurkischen Martin – wer hätte je nur einen Augenblick daran gezweifelt? – mit einem ganz besonderen Anliegen in die Arme seiner geliebten Klon-Frau Marguerite zurückkehren lässt: „Alex war ein kluger Mann; ich war von überzeugt, dass er [vor seiner letzten Mission] Spermaproben an einem sicheren Ort deponiert hatte … Ich fragte mich, was Marguerite dazu sagen würde, wenn ich sie bat, seine geklonte Zygote auszutragen. Würde sie das für mich tun? Ich wusste, dass das viel verlangt war. Wir würden natürlich auch eigene Kinder haben, doch zuerst wollte ich Alex wiederhaben.“ Tja, Marguerites Antwort hätte uns auch sehr interessiert, aber leider fällt hier der Vorhang …

Man könnte den Versuch wagen, Bova zu entlasten, indem man den Fokus auf die Story richtet. Die muss – falls gut – in Schwung gebracht werden. Sobald dies geschehen ist, werden Logik und glaubhafte Figuren ohnehin zu Nebensachen: Nicht wenige (SF-) Leser geben sich damit zufrieden. Leider gelingt Bova auch das nur eingeschränkt. Sobald unsere zankigen Heldinnen und Helden endlich auf der Venus eingetroffen sind, gerät die Story tatsächlich hin und wieder in Gefahr, Spanneung zu generieren. Aber dann schlüpfen unsere Raumfahrer zurück in ihr Schiff und fahren fort, miteinander zu balgen und zu schwätzen … und zu schwätzen … und zu schwätzen.

Bova bringt das seltene ‚Kunststück‘ fertig, einen Venus-Roman zu schreiben, in dem der Planet zur reinen Nebensache verkommt. Es ist heiß dort und dunkel, und damit ein wenig Dramatik in die Sache kommt, lässt er Metall fressende Mikroben in den Wolken und Tentakelwurzeln auf der Oberfläche ihr Unwesen treiben. Den Rest erledigen die offenbar in Hollywood hergestellten Venus-Vulkane, die nach Äonen des Schweigens exakt dann ausbrechen, als sich der inzwischen zum Junghelden ausgewachsene Van Humphries dem Grab des Bruders nähert. So schön es ist, zur Abwechslung einmal nicht mit Technobabbel abgespeist zu werden, ein wenig mehr Mühe hätte hier nur gutgetan!

Alles wird (irgendwie) gut!

Um seinem Opus als literarisches Feigenblatt ein wenig gesellschaftskritische Relevanz einzuhauchen, wringt sich Bova ein paar Absätze aus dem Hirn, die Mutter Erde im Würgegriff des Treibhauseffektes zeigen. Dafür verantwortlich sind selbstverständlich nicht ihre Bewohner, sondern nur einige wenige kriminelle Geldsäcke, die den dummen Bürgern vorgaukeln, der ökologische Kollaps sei halt der Preis, den man für den Fortschritt zahlen müsse. Da bringen Van und seine mutigen Gefährten frohe Kunde aus fremder Welt: „Die Venus ist eine Naturkatastrophe … und die Erde ist eine menschliche Katastrophe. Und was Menschen getan haben, vermögen sie auch rückgängig zu machen!“ Also wird Van – traulich flankiert von seiner Marguerite – sich zum Führer der ‚grünen‘ Umweltschutzbewegung aufschwingen, die gemeinsam mit den gutwilligen Menschen des blauen Planeten nur auf einen wie ihn gewartet haben. Und alles wird gut werden!

Dem Rummelplatz-Charakter der „Venus“ Geschichte – übrigens Teil 4 von Ben Bovas 13-bändiger, inzwischen offenbar abgeschlossenen Serie „Grand Tour of the Universe“ – entspricht die deutsche Übersetzung: grundsätzlich solide aber uninspiriert und an vielen Stellen hastig bis fadenscheinig, dazu durchsetzt mit allzu lässiger Umgangssprache, die den Leser immer wieder zusammenzucken lässt.

Also ist „Venus“ als einzige Zeit- und Geldverschwendung anzuprangern? Es kommt darauf an, was der Leser von seiner SF-Lektüre verlangt. Als bloßes Abenteuer- und Actiongarn auf dem Niveau eines deutschen Heftromans oder Routine-SF à la „Star Wars“ oder „Star Trek“ kann „Venus“ bestehen. Ben Bova ist durch und durch Profi, der nicht völlig unleserlichen Mist abliefern würde. Nur muss man sich eben darüber klar sein, dass derselbe Bova zwar als Lichtgestalt der modernen Science Fiction gefeiert wird, ihm dieser Status aber einfach nicht zukommt. Wie heillos er überschätzt wird, macht u. a. der Vergleich mit Iain Banks oder Stephen Baxter deutlich; beide sind (bzw. waren) ebenso fleißige Schriftsteller wie Bova, haben aber mehr zu bieten als Post-Gernsback-Remmidemmi; sie sind sogar in der Lage, unterhaltsam Denkanstöße zu vermitteln, ohne ihr Publikum damit in Angst & Schrecken zu versetzen.

Autor

Benjamin William Bova wurde am 8. November 1932 in Philadelphia, US-Staat Pennsylvania, geboren. Er studierte Journalismus an der Temple University ebendort, wurde nach seinem Abschluss Redakteur und betreute in dieser Eigenschaft diverse Zeitschriften bzw. Magazine, die sich technischen und wissenschaftlichen Themen im Umfeld der Raumfahrt widmeten. In den 1990er Jahren studierte Bova Erziehungswissenschaften an der California Coast University, die er 1996 mit einem Doktortitel verließ.

Als Autor debütierte Bova 1959 mit dem für jugendliche Leser geschriebenen SF-Roman „Star Conqueror“ (dt. „Bezwinger der Galaxis“). Ab 1962 schrieb er eine populärwissenschaftliche Kolumne für das SF-Magazin „Amazing“, dessen Redaktion er nach dem Tod seines Vorgänger John W. Campbell 1971 übernahm. 1978 wechselte er zum neuen Magazin „Omni“, dem er bis 1982 vorstand. Für seine Arbeit als Herausgeber wurde er sechsmal mit dem Hugo Award ausgezeichnet.

Sein technisches Hintergrundwissen brachte Bova vor allem in seinen nach 1970 erschienenen Roman und Storys ein. Er wurde ein überaus produktiver Autor, der jährlich mindestens einen Roman veröffentlichte; allein seine zwischen 1992 und 2011 entstandene „Grand Tour of the Universe“ – eine abenteuerliche Reise durch das Sonnensystem – umfasst 13 Bände. Für Teil 10 – „Titan“ – erhielt Bova 2007 einen J. W. Campbell Award für den besten Roman des Jahres.

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