Zerbrochene Sterne

Ken Liu (Hg.)
Zerbrochene Sterne

Originaltitel: Broken Stars (2019)
Deutsche Erstausgabe: März 2020 (Heyne Verlag/TB-Nr. 32058)
Übersetzung: Karin Betz, Lukas Dubro, Johannes Fiederling, Marc Hermann, Kristof Kurz, Felix Meyer zu Venne u. Chong Shen
Umschlagillustration: Stephan Martinière
Umschlaggestaltung: Das Illustrat, München
670 Seiten
ISBN 978-3-453-32058-1

von Gunther Barnewald


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Diese vom chinesischen Autor und Übersetzer Ken Liu – er hat auch Cixin Lius „Trisolaris“-Trilogie in den USA übersetzt“ herausgegebene Anthologie enthält neben einer Einleitung des Herausgebers und drei Essays zur chinesischen Science Fiction (sowie erklärenden Anmerkungen zu einzelnen Textstellen als Anhang) zwei Novellen (ca. 120 bzw. ca. 80 Seiten) und 14 Kurzgeschichten derzeit in China bekannteren Phantastik-Autoren.

Ken Liu weist im Vorwort darauf hin, dass die Auswahl sehr seinem eigenen Geschmack folgt, was leider zu der Erkenntnis führt, dass diesen wohl nicht jeder Fan phantastischer Literatur teilen wird. Vor allem die Anhänger eher ‚härterer‘ SF werden herb enttäuscht sein, erweisen sich viele der aufgenommenen Geschichten doch als Phantastik, die sehr an den „Magischen Realismus“ südamerikanischer Autoren erinnert. Einige wirken wie Kunstmärchen und sind für westliche Leser eher verwirrend.

Lediglich die längere Novelle und zwei Kurzgeschichten können überzeugen. Da ist natürlich der zurecht hoch gelobte Cixin Liu, der eine ‚Zeitreisegeschichte ohne Zeitreise‘ erzählt. Die erinnert zwar sehr an eine alte US-amerikanische SF-Geschichte von Henry Kuttner („Line to Tomorrrow“), die Liu mit dem Plot von R. A. Laffertys berühmtester Story „Thus we frustrate Charlemagne“ kombiniert. Diese Erzählung zählt aber nur knapp 25 Seiten und ist wie gesagt für versierte Leser nicht wirklich neu, aber trotzdem gut!

Auf nicht einmal 10 Seiten erzählt Regina Kanyu Wang „Brainbox“, eine tolle Geschichte, die zeigt, wie Menschen sogar sich selbst belegen können, wenn sie sich ein Weltbild kreieren, dass mit der Realität nicht übereinstimmt. Manchmal muss man die Fakten und die Realität entsprechend anpassen, um die Illusion zu erhalten. Es kann Ausdruck einer Persönlichkeitsstörung sein, wenn man krude Weltideen lebt oder die Realität komplett oder teilweise leugnet. Dem Protagonisten der Story hilft nicht einmal eine neue Technik, die es ihm ermöglicht, die Gedanken einer Verstorbenen zu lesen. Selbst dieser ‚Realitätsschock‘ wird nachdrücklich ignoriert.

Die mit Abstand stärkste Erzählung präsentiert Baoshu, der den historischen Ablauf der Weltgeschichte rückwärts abwickelt. Irre, wie es dem Autor gelingt, alles plausibel und logisch zu erklären. Gorbatschow gründet den Warschauer Pakt gründet, der östliche Teil von Deutschland spaltet sich ab, schließt sich an und nennt sich fortan „DDR“. Fidel Castros wird von einem blutigen, USA-hörigen Diktator von Kuba vertrieben, die Digitaltechnik durch eine wirtschaftliche Krise begründet. Geeint wird Deutschland erst wieder durch einen Diktator namens Hitler, bis auch sein Reich wieder untergeht und die Weimarer Republik entsteht. Staunend erlebt der Leser eine Welt, die einerseits völlig fremdartig wirkt, andererseits aber nur allzu vertraut ist. Die wirtschaftliche Macht Chinas zerfällt, auch Mao kann das Land nicht retten, mit Chiang Kai-Sheks Machtübernahme zerbröselt die Zivilisation endgültig: große Literatur, die aber leider nur halbwegs darüber hinwegtäuscht, dass die restlichen Storys keine Meisterwerke sind.

Zwar gibt es noch das ein oder andere nette Märchen bzw. die ein oder andere lesbare Allegorie (z. B. von Fei Dao) oder eine ‚Geistergeschichte‘ (Tang Feis Titelgeschichte), aber bezüglich der Ideen scheint Schmalhans Küchenmeister gewesen zu sein. Klare Erzählstrukturen sind eher Mangelware, viele Erzählungen könnte man als aufgeschriebene Träume deuten, sie sind unlogisch und manchmal fast sprunghaft.

Wer sich hier mehr erwartet hat, wird arg enttäuscht. Tröstlich ist lediglich, dass die herausragende Geschichte wenigstens mit Abstand die längste dieses Bandes und sie (vielleicht) den Anschaffungspreis wirklich wert ist. Auch die drei Essays sind interessant, informativ und sehr lesenswert. Ob dies aber für einen Band von fast 700 Seiten reicht? Wohl eher nicht!

Copyright © 2020 by Gunther Barnewald

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