Riesenkraken der Tiefsee

Richard Ellis
Riesenkraken der Tiefsee

Originaltitel: The Search for the Giant Squid (New York : The Lyons Press 1998)
Übersetzung: Kurt Beginnen
Deutsche Erstausgabe: Januar 2002 (Heel Verlag)
254 Seiten
ISBN-13: 978-3-89365-876-3

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Feuerrote Fremdlinge der Tiefsee

Die Aliens sind tatsächlich unter uns! Zehn Arme und zwei Herzen haben sie, aber weder Bug noch Heck; Ammoniak fließt durch ihre Adern, und sie ändern ihre Farbe mit einer Meisterschaft, die jeden Predator vor Neid erblassen ließe. Man muss allerdings wissen, wo man nach ihnen Ausschau zu halten hat. Kontraproduktiv ist es, den Blick ausschließlich zum Himmel zu erheben, denn nicht „Watch the Skies!“ lautet hier die Devise, sondern „The Kraken Wakes“, wie es der britische Science- Fiction-Autor John Wyndham schon 1953 besser wusste.

Tief unter der Oberfläche der Weltmeere verbirgt es sich, das (wahrscheinlich) einzige echte Seeungeheuer, ein Wesen, wie es fremdartiger und seltsamer kaum sein könnte, das letzte und wohl größte Tier, das sich dem Menschen bisher entziehen konnte und dadurch sein Fahndungsinteresse umso heftiger anstachelt: Architeuthis dux, der Riesenkalmar der Tiefsee, wahrlich der Herrscher seines vielarmigen Stammes. Dort, wohin wir gern unliebsame Zeitgenossen zu wünschen pflegen, weil hier die Sonne nie scheint, lebt und jagt er (oder vielleicht treibt er auch wie ein alter Socken schlapp im Wasser), rauft mit gefräßigen Pottwalen (oder lässt sich ohne Gegenwehr fressen), vertilgt schnelle Fische und lahme Artgenossen (oder umgekehrt), ist schlau wie ein Fuchs (oder dumm wie eine Auster), so groß wie ein Eisenbahnwaggon (oder doch nur wie ein Wohnwagen) und bevölkert die Meere dieser Welt so zahlreich wie landwärts die Karnickel (oder ist so selten wie ein Sechser im Lotto).

Sicher ist sichtlich nur eines: Wir wissen weiterhin so gut wie gar nichts über ein Tier, das mit nachweislichen 18 Metern Länge eigentlich schwer zu übersehen ist. Aber die Riesenkalmare der Tiefsee sind notorisch menschenscheu und leben in einer Welt, die erfreulich abseits der des Menschen liegt; sonst gäbe es sie wahrscheinlich längst nicht mehr. Was wir wissen, stellt Richard Ellis, weit gereister und belesener Selfmade-Wissenschaftler und schriftstellernder Künstler, der berühmt ist für sein Talent, allerlei Meeresgetier höchst lebensecht auf die Leinwand zu bannen, in diesem ebenso informativen wie lesenswerten, mild kryptozoologischen Sachbuch zusammen.

Das einzig echte Seeungeheuer

Krytozoologen: Das sind jene Zeitgenossen, die als Dorn im Fleisch der ‚offiziellen‘ Wissenschaft ständig bestrebt sind, die Fauna unseres Planeten um wundersam überlebende Dinosaurier, den Yeti oder das Ungeheuer von Loch Ness zu bereichern und sich dabei von nackten aber langweiligen Fakten oder die notorische Abwesenheit schlüssiger Beweise unbeeindruckt zeigen. Ellis fraternisiert allerdings nüchtern mit dem ‚Feind‘, da er ketzerisch die meist wenig romantische Realität über den Traum von einer Welt stellt, die von mythischen Untieren aller Formen und Großen bevölkert wird.

Schon in seinem früheren Werk „Monsters of the Sea“ (1994; dt. „Seeungeheuer. Mythen, Fabeln und Fakten“) hat sich Ellis mit den Seltsamkeiten beschäftigt, die unsere Weltmeere über und unter Wasser durchqueren. Ein Kapitel widmete er den Riesenkalmaren, die zumindest einen Vorteil für sich verbuchen können, der sie selbst vor den Augen gestrenger und skeptischer Kritiker bestehen lässt: Sie sind eindeutig real.

Kein Wunder, dass Ellis es lohnend fand, sich noch einmal und dieses Mal  ausführlicher mit dem seltsamen Meeresbewohner zu beschäftigen. Er beginnt mit einem Knalleffekt. Unter der Titel „Ist das Seeungeheuer ein Riesenkalmar?“ geht er der Frage nach, ob das, was von Rum und Aberglauben durchtränkte Matrosen und eher nüchtern zur See fahrende Zeitgenossen gleichermaßen und zu allen Zeiten erspäht haben, etwa unser in Form und Farbe überaus wandlungsfähige Tintenfisch-Gigant ist, der sich (aus wie immer unerfindlichen Gründen) manchmal aus der Tiefsee an die Oberfläche begibt. Sehr überzeugend stellt Ellis in Wort und Bild dar, wie das menschliche Auge einen fuchtelnden Tentakel zur berühmt-berüchtigte Seeschlange zusammensetzt.

Der Kalmar wird zur Kenntnis genommen

Nachdem der Leser durch solche spektakulären Neuigkeiten in den Bann gezogen wurde, kann Ellis nun ein wenig akademischer werden. „Die Biologie der Riesen- und anderer Kalmare“ gilt es vorzustellen, aber keine Sorge: Diese Tiere sind in naturkundlicher Hinsicht so außerordentlich fremdartig, dass diese (zudem jederzeit allgemein verständlich gehaltene) Lektion äußerst spannend gerät – oder gibt es unter uns jemanden, der (oder die) sich einen Riesentintenfisch vorstellen kann, der seine Beute mit eindrucksvollen Lichtblitzen blendet und dafür mit eigenen Scheinwerfer-Tentakeln ausgestattet ist?

Das Kapitel „Wie sollen wir den Riesenkalmar nennen?“ referiert die Geschichte der Kalmar-Forschung. Zwar wussten die Walfänger dieser Welt schon immer, dass tief im Meer recht gewaltige Weichtiere hausen: Sie kamen in den Mägen harpunierter Pottwale reichlich vor. Die Wissenschaft blieb dagegen lange ahnungslos. Gar zu selten war ein Forscher in Sicht, wenn wieder einmal ein Untier im Sturm an den Strand geworfen wurde. (Interessanterweise schien aber immer ein Geistlicher anwesend zu sein; die frühen Berichte über Riesenkalmare verdanken wir daher hauptsächlich den Männern der Kirche, die allerdings gern entweder den HERRN oder den Teufel ins Spiel brachten und dadurch bei eher sachlichen Lesern für den bekannten Effekt der verdrehten Augen sorgten.)

Durch eine Laune der Natur änderte sich Ende des 19. Jahrhunderts, als entlang der Küste Neufundlands die sonst so heimlichtuerischen Tintenspritzer reihenweise aus dem Wasser sprangen. Bis heute weiß niemand genau, wieso dies geschah (oder nach etwa einem Jahrzehnt ebenso abrupt endete), aber nun war er da und wurde zur Kenntnis genommen: der Riesenkalmar der Tiefe. So unterschiedlich in Gestalt und Größe waren die freilich übel zugerichteten und schwierig zu untersuchenden Tintentiere, dass praktisch jedes Exemplar von seinem stolzen Entdecker einer eigenen Art zugewiesen wurde. Erst nach und nach wurde offenbar, dass beinahe alle Funde derselben Art angehörten. Dann war es so weit: „Architeuthis erscheint auf der Bildfläche“. Endlich war der scheue Geselle zumindest klassifiziert.

Was wissen wir eigentlich wirklich?

Doch die eigentlichen Schwierigkeiten begannen erst. „Was wir über Architeuthis wissen“ nach knapp anderthalb Jahrhunderten Forschung, lässt sich beschämend leicht auf wenigen Seiten zusammenfassen. Das Problem ist weniger die Biologie der Riesenkalmare, sondern ihr Verhalten: Bis heute ist es aller Hightech zum Trotz nur vereinzelt und kurz gelungen, ein lebendiges Exemplar in seiner natürlichen Umwelt zu beobachten. Verzweifelte aber immerhin unternehmungslustige Wissenschaftler sind schon so weit gegangen, Pottwalen eine Unterwasserkamera auf den Leib zu kleben, da diese Großsäuger bekanntlich Kalmarfleisch sehr schätzen; dummerweise waren die erwähnten Kandidaten offenbar alle auf Diät. So ist weiterhin viel Spekulation im Spiel, wenn es gilt, die gesicherten Fakten zu deuten. Dass selbst ernsthafte Forschergeister dabei nicht selten zu höchst abenteuerlichen Schlüssen gelangen, präsentiert Ellis in einer erheiternden Galerie wahrlich fantastischer Kalmar-Theorien.

„Die Schlacht der Giganten“ beschreibt das eindrucksvolle Zusammentreffen zweier natürlicher Todfeinde: Der Pottwal, das größte Raubtier der Welt, jagt und frisst den Riesenkalmar, der sich das natürlich nicht ohne Gegenwehr gefallen lässt. Viel Übertreibung und Fehlinterpretation war in der Vergangenheit im Spiel, wenn es darum ging, die Regeln dieses nur vom Hörensagen bekannten Kampfes zu deuten. Wie Ellis verdeutlicht, ist die Wahrheit wie so oft unspektakulärer: Auf dieser Welt gibt es wohl keinen Riesentintenfisch, der einem Pottwal gewachsen wäre; dieses Geschöpf, das uns wesentlich vertrauter ist, entpuppt sich plötzlich als wahrer König der Tiefsee.

Ein schönes Schlusskapitel beschäftigt sich mit dem „Bild der Riesenkalmare in Film und Literatur“. Ellis kann aus dem Vollen schöpfen, denn wie man sich denken kann, ist der Kalmar die ideale Besetzung für den monsterhaften Bösewicht einer Schauermär, die auf dem Meer spielt. Jede/r Liebhaber des Phantastischen kennt Jules Vernes fesselnde (wenn auch fehlerstrotzende) Kraken-Rangelei in „Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer“ (1956 gelungen im gleichnamigen Disney-Film realisier) oder Ray Harryhausens putzigen, aus Gründen tricktechnischer Arbeitserleichterung nur fünfarmigen Oktopus in „It Came From Beneath The Sea“ (1955; dt. „Das Grauen aus der Tiefe“). Doch hat der Kalmar wesentlich tiefere Spuren in der Kunstgeschichte hinterlassen, denen man unter Ellis‘ Leitung gern folgt.

Echtes Wissen schlägt jedes Wunschdenken

Sachlich aber unterhaltsam und einer amüsanten Anekdote nie abgeneigt, zeigt Ellis der gerade in den Randbereichen der etablierten Wissenschaft weit verbreiteten Sensationsgier die rote Karte. Der größte Riesenkalmar, der jemals gefunden wurde, maß 18 Meter. Das ist nach Ellis die derzeitige Obergrenze: 30, 40 oder mehr Meter messende Fabelwesen verweist er eindeutig ins Reich der Fabel bzw. des pseudo-journalistischen Wunschdenkens, wie es private Fernsehsender kultivieren.

Da ist Ellis gnadenlos und entlarvt nebenbei Jacques-Yves Cousteau, den schon zu Lebzeiten heiliggesprochenen Patron der Meere, als Aufschneider und Lügenbeutel. Überhaupt scheut Ellis nie die Kontroverse und legt offen, wo es knirscht im Getriebe der Kalmar-Forschung. Sein eigenes Werk gilt ihm nicht als Weisheit letzter Schluss, wie das umfangreiche Nachwort verdeutlicht. Es entstand wesentlich später als der Haupttext und relativiert einige dort noch zu lesende, aber inzwischen überholte Äußerungen. Wissen ist stets „work in progress“, und es ist immer verdächtig, wenn jemand dies verneint. Richard Ellis gehört nicht zu denen, die sich hinter Halbwissen und selbstgebastelten Sensationen verstecken müssen.

Starker Text, schwaches Layout

Marginal bleibt neben dem Lob, das „Riesenkraken der Tiefsee“ zu zollen ist, die Kritik. Sie muss am Titel einsetzen, der offensichtlich gewählt wurde, weil sich der Normalbuchkäufer möglicherweise unter einem „Kalmar“ nichts vorzustellen weiß und daher womöglich vom Erwerb abgehalten wird. Doch kartoffelsackrunde Riesenkraken gibt es nicht in der Tiefsee, wo jeder Tintenfisch elegant wie ein Torpedo geformt und mit zehn Armen ausgestattet ist.

Recht ärmlich muss notgedrungen das Abbildungsmaterial bleiben. Es gibt wie gesagt kaum Studien am lebenden Objekt. So sehen wir auf den von Ellis präsentierten Fotografien hauptsächlich vom Meer, seinen gefräßigen Bewohnern und der Schwerkraft recht unvorteilhaft behandelte Kalmar-Kadaver. Eindrucksvoller fallen da die Zeichnungen aus, denen jedoch ein wenig Farbe besser zu Gesicht stünde. Leider ist „Riesenkraken der Tiefsee“ in seiner deutschen Inkarnation zwar sehr gut übersetzt und der Text so gut wie fehlerfrei (beides heute fast schon die Ausnahme), das Buch aber dennoch ein Billigprodukt: fest gebunden, doch ohne Schutzumschlag, dürftig layoutet und gedruckt, was klar zu Lasten der recht flau wiedergegebenen Illustrationen geht.

Das ist ein Manko, kann aber der Darstellung selbst nicht schaden. Auch viele Jahre nach seinem Erscheinen bleibt „Riesenkraken der Tiefsee“ eine Fundgrube für jene, die sich über einen der seltsamsten und faszinierendsten (Mit-) Bewohner dieser Erde interessieren.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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