Ich bin viele

Dennis E. Taylor:
Ich bin viele
(Bobiversum, Bd. 1)

Originaltitel: We are Legion (2016)
Deutsche Übersetzung von Urban Hofstetter
Deutsche Erstausgabe: Juli 2018 (Heyne Verlag/Heyne Trade Paperback)
459 Seiten
Umschlaggestaltung: Das Illustrat, München, unter Verwendung von Motiven von tsuneomp/Shutterstock
ISBN-13 978-3-453-31920-2

von Gunther Barnewald

Titel bei Amazon.de
Titel bei Buch24.de
Titel bei eBook.de
Titel bei Booklooker.de

Kurz nachdem der Physiker und reiche Softwareentwickler Bob Johansson vertraglich festgelegt hat, dass sein Kopf mit Gehirn im Falle seines Todes konserviert werden soll, stirbt er tatsächlich, weil ihn ein Auto rammt.

Als Bob im Jahre 2133 wieder erwacht, hat man sein Gehirn gescannt und seine Person in eine künstliche bzw. nur noch digitale Intelligenz verwandelt. In den totalitären USA sind Persönlichkeitsrechte kein Thema mehr. Ultrakonservative Rechten habe die Macht ergriffen und einen christlich-fundamentalistischen Gottesstaat errichtet, der nichtsdestotrotz ethisch zweifelhafte Entwicklungen fördert, um hinter anderen nationalen Gruppierungen nicht zurückzustehen.

Vor allem das militaristische Brasilianische Reich versucht dem Gottesstaat das Wasser abzugraben. Bob wird ‚rekrutiert‘ und soll mit einer Raumsonde ins Weltall vordringen, um dort eine Sonde des Feindes abzufangen. Dort gelingt es ihm, sich zu befreien, d. h. Schadsoftware, Befehlsvorgaben und Sprengfallen an Bord auszuschalten. Außerdem ‚vermehrt‘ sich Bob durch die technische Reproduktion seiner Sonde und immer wieder neue Kopien seiner Persönlichkeit, die sich dabei verändern und gänzlich ‚neue‘ Bob-KIs hervorbringen.

Nach der Entdeckung und Erforschung fremder Planeten, kehrt eine der Bob-Kopien zur Erde zurück. Hier tobt ein Krieg, weshalb die Menschheit kurz vor der Auslöschung steht. Dieser Bob – der sich nach dem Ersten Offizier des Raumschiffs „Enterprise“ Riker nennt – nimmt die Dinge in die Hand. Es gelingt ihm die Vernichtung der Erde zu verhindern. Doch wie soll er mit den Überlebenden umgehen? Was ist mit den anderen Bob-Sonden, die weiterhin durch das Weltall reisen, und was haben sie entdeckt in fremden Sonnensystemen? Droht von ihrer Seite Gefahr?

Angesichts der Ideen, mit denen Dennis E. Taylor spielt, wundert es nicht, dass „Ich bin viele“ Auftakt einer Serie ist. Das ist einerseits begrüßenswert, denn die Geschichte ist spannend, extrem unterhaltsam und ideenreich. Andererseits stellt sie die ultimative Selbstbefriedigung dar, den totalen Triumph der „Generation Ichling“, jener Menschen also, die das Universum beherrschen wollen und niemanden benötigen, solange ihre Bedürfnisse sofort und ohne Bedingungen erfüllt werden.

We are Legend (so der Originaltitel) ist somit der feuchte Traum aller Nerds, und der Autor verkauft diesen Plot mit unglaublicher Verve und Geschick, sodass man kritische Gedanken einfach verdrängen und sich selbst in die Rolle eines Helden schlüpfen möchte, der nicht nur die Menschheit rettet, sondern auch das Universum erforscht.

Zwangsläufig bleiben bei diesem Plot die Charakterisierungen fast auf der Strecke. Wen wundert es, dass Bobs Persönlichkeitskopien lebendiger sind als alle anderen Protagonisten! Auch einen Hang zur Schwarz-Weiß-Malerei kann man dem Autor nicht absprechen; dies vor allem, wenn es um die feindlichen Sonden geht, aber auch im Blick auf die ‚Anführer‘ auf der Erde, die nichts auf die Reihe kriegen und nur streiten, sodass der geniale Bob im Alleingang übernehmen muss und darf.

Größte Stärke des Autors ist die Skizze eines christlich-fundamentalistischen US-Zukunftsstaats hat. Da das Buch aus dem Jahr 2016 stammt, muss man sich fragen, ob Taylor die Wahl von Donald Trump und die die ihr folgenden, regressiven ethischen und politischen Entwicklungen in den USA aufgreifen will. Leider kommt dieser Aspekt viel zu kurz, der Staat wird (zu) selten dezidiert geschildert.

Ebenfalls glaubhaft und packend ist die Schilderung Taylors nach seinem Wiedererwachen. Taylor nimmt sich viel Zeit, um die Entwicklung von Bob Johansson, der sich in eine KI und eine omnipotente Maschine verwandelt, plausibel zu zeichnen.

So bietet „Ich bin viele“ eine wunderbare Lektüre – dies ungeachtet der Einschränkung, dass man über den gnadenlosen Egoismus nicht allzu intensiv nachdenken sollte. Auf die Fortsetzung dieser ganz besonderen Superheldengeschichte darf man jedenfalls gespannt sein!

Copyright © 2018 by Gunther Barnewald

Titel bei Amazon.de
Titel bei Buch24.de
Titel bei eBook.de
Titel bei Booklooker.de

Das sechste Erwachen

Split Second – Zurück in der Zeit

Der dunkle Wald

Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.