Omon hinterm Mond

Wiktor Pelewin
Omon hinterm Mond

Reclam, Leipzig
Erscheinungsdatum Oktober 1994
übersetzt von Andreas Tretner
152 Seiten
(sfbentry)

Dieser kurze Roman hat den Autor berühmt gemacht, auch über die russischen Landesgrenzen hinaus. Und das zurecht!

Pelewin widmete seinen Roman „Den Helden des Sowjetischen Kosmos“. Oh ja, so haben wir das damals gesehen: Unser war die Welt. Und das Universum gleich dazu! Pelewin zeigt nun aber, daß offensichtlich mit falschen Karten gespielt wurde. Aber alles ist ja nur Science Fiction… (?) Oder demontiert der Autor hier wirklich einen falschen Mythos (Ja, ich weiß, so was ist wie ein „weißer Schimmel“…)?

Omon, der Held unserer Geschichte, verdankt nur einem Zufall sein Überleben; auch hätte er uns sonst nicht von diesen wirklich unglaublichen Dingen berichten können. Damit wir auch richtig verstehen, wie es dazu kommen konnte, beginnt er in seiner frühesten Kindheit. Aber, keine Bange, liebe Leser, das wird kein langweiliger biographischer Abriß; wenn Pelewin eines nicht kann, dann ist das jemanden langweilen.

Omon verdankt seinen seltsamen Namen dem Umstand, daß sein Vater Polizist war, ehe er sich dem Suff ergab. Er bedeutet nämlich übersetzt soviel wie die Abkürzung für „Sondereingreiftruppe der Polizei“; schöner Name, nicht wahr.

In den ersten Kapiteln konfrontiert uns Pelewin/Omon mit der realsowjetischen Wirklichkeit, über die er, aus der Kindheit erwachend, bitterlich enttäuscht ist. Irgendwie fand ich mich, ebenfalls ein Kind dieser Gesellschaft, darin wieder, auch wenn bei „uns“ ja nicht alles so schlimm war. Für Omon kommt die Erkenntnis hart, als er sieht, daß das riesige Land, das seine Heimat ist, aus vielen kleinen, dreckigen, vollgespuckten Kammern besteht. Dies ist ein Grund, daß er beschließt, später zu fliegen, vielleicht bis ins All.

Auch wenn es keine SF ist, so sind die Erlebnisse des jungen Omon in der Schule, mit seinen Freunden, im Ferienlager mit die besten Teile des Romans.

Irgendwann bewirbt er sich in einer Fliegerschule, deren Aufnahmeprozedur schon mächtig rüde ist. Auf alle Fälle gehören blutige Füße dazu…

Der Plan ist pervers, anders kann man ihn gar nicht beschreiben: Die UdSSR muß ihre Überlegenheit auch im All beweisen. Die sowjetische Führung hat beschlossen, die unbemannte Raumfahrt weiterzuentwickeln, da die USA mit ihren Mondflügen gewisse Erfolge erzielten. Die SU überholt, ohne einzuholen, na ja, das kennen wir ja.

Doch dummerweise ist man gar nicht in der Lage, die unbemannte, automatische Raumfahrt zu entwickeln, es fehlt an der nötigen Technik, um z.B. ein Mondauto ohne menschliche Führung über das Gelände zu fahren. Was also tun? Na klar, man setzt Menschen ein – allerdings ohne es kund zu tun, denn man schickte ja automatische Sonden zum Mond…

Also werden Omon, sein Freund und andere Schulabgänger zu Kosmonauten ausgebildet, die nur ein Ziel haben: Automatische Raumfahrzeuge zu lenken und dabei zu sterben…

Wie das den Jungs beigebracht wird, wie ein Gespinst aus Propaganda, Zwang, Terror und Blödsinn aufgebaut wird, dem sich auch unser Protagonist nicht entziehen kann, wird von Pelewin einfach herrlich erzählt.

Und tatsächlich! Es kommt zu diesem Flug; Omon wird das Lunochod lenken, geübt hat er schon auf der Erde, so daß er alles quasi blind ausführen kann. Das muß er auch, denn er sieht auch dort oben auf dem Mond nicht viel; die dicken gläsernen Bullaugen ermöglichen so gut wie keinen Ausblick; von seinem Ausflug in den Kosmos, der gleichzeitig sein erster und sein letzter ist, kriegt er gar nichts mit. Allerdings hat dies noch eine andere Ursache…

Der Auftrag seiner Kameraden besteht darin, die einzelnen Raketenstufen abzukoppeln. Ist dies geschehen, müssen sie sich erschießen, um sich einen qualvolleren Tod im Vakuum zu ersparen.

Ähnlich wird auch Omon sterben, nur muß er vorher aus dem Mondauto aussteigen, nicht etwa im Skaphander, sondern nur mit einem dichten Schal um den Mund gewickelt, damit er ein paar Sekunden überlebt, um eine Sonde auszusetzen. Danach „darf“ er sich auch erschießen. Als es soweit ist, versagt die Pistole…

Was folgt, dürfte ein wenig aus dem amerikanischen Pendant „Unternehmen Capricorn“ bekannt sein… Wie und was, soll mal nicht erzählt werden, auch wenn der „Knalleffekt“ nicht so tönt; es ist auch das Wie des Erzählens hier eindeutig der wichtigere Aspekt. Pelewin ist völlig unprätentiös ein Stück literarisches, satirisches Konfekt gelungen. Der Roman lebt durch seine echte Trauer über verratene Träume und seine bissige Ironie. (TH)

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Omon hinterm Mond.

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