Shakespeares Planet

Clifford D. Simak
Shakespeares Planet

Originaltitel: Shakespeare’s Planet (New York : Berkley/Putnam 1976)
Deutsche Erstausgabe: März 1978 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmann Science Fiction 23273)
Übersetzung: Tony Westermayr
Cover: Olof Feindt
159 S.
ISBN-13: 978-3-443-23273-4

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Das geschieht:

Vor knapp einem Jahrtausend startete das „Schiff“, um nach Planeten zu suchen, die von Menschen besiedelt werden könnten. Vier Besatzungsmitglieder ließen sich in einen Kälteschlaf versetzen. Doch die Schlafkammern erlitten auf der langen Reise einen Defekt. Nur Carter Horton konnte vom „Schiff“ gerettet werden. Inzwischen ist die Mission auf der Erde in Vergessenheit geraten, und Horton muss sich der Einsamkeit stellen. An seiner Seite steht nur Nicodemus, ein Roboter.

Unbeirrt hat das „Schiff“ gesucht und endlich einen Planeten gefunden, der den Kriterien entspricht. Dort stößt man auf einen intelligenten Bewohner: „Fleischfresser“ stellt sich Horton im Englisch des Elisabethanischen Zeitalters vor. Er habe es von einem Menschen namens Shakespeare gelernt, der wie er vor Jahren über einen „Tunnel zwischen den Sternen“ auf den Planeten gekommen, nach einem Defekt dieses Transportmittels hier gestrandet und inzwischen gestorben sei. Außer „Fleischfresser“ existiert eine körperlose Macht, die in der abendlichen „Gottstunde“ auf die Gehirne der Planetenbewohner zugreift.

Horton studiert die hinterlassenen Aufzeichnungen Shakespeares. Dieser gehört zu einer Generation, die lange nach Horton geboren wurde. Die Menschen haben die „Tunnel“ entdeckt, die Erde verlassen und sich im unendlichen Weltall verstreut. Auf die Erbauer der Tunnel sind sie nie gestoßen. Diese müssen aber noch präsent sein, denn Nicodemus entdeckt, dass der transdimensionale Zugang künstlich gesperrt wurde. Offenbar haust auf dem Planeten etwas Gefährliches. Horton findet Verdächtige – einen lebendigen, intelligenten ‚Teich‘ und einen in der Zeit eingefrorenen Drachen –, aber da weder er noch die inzwischen ebenfalls auf dem Planeten eingetroffene Tunnel-Forscherin Elayne das Rätsel lüften, kann das Böse ungehindert erwachen …

Die Spannung des ungelösten Rätsels

Der Mensch ist eine wissbegierige Kreatur; selbst die berüchtigte Couch-Kartoffel lässt sich mit dem Versprechen spannender Unterhaltung locken, wenn sie ihr Lager dafür nicht verlassen muss. Mit einem Buch (und der Fähigkeit des Lesens) ist dies problemlos zu gewährleisten – und eine Herausforderung, die in der Frage liest, wie der Schriftsteller Aufmerksamkeit erregen kann.

Das Rätsel ist ein unfehlbares Lockmittel, wenn es denn interessant gestellt und gelöst wird, wobei diese beiden Partizipien gleichzeitig Beginn und Finale eines Romans oder einer Geschichte markieren. Der Mittelteil widmet sich der Auflösung des Rätsels, was anfängliche Irrtümer und Sackgassen beinhaltet, bis die richtige Spur gefunden ist und die Handlung beschleunigt dem erwähnten Finale entgegen strebt.

Clifford D. Simak geht mit „Shakespeares Planet“ einen anderen Weg, der sich mit dem alten Sinnspruch „Der Weg ist das Ziel“ am besten beschreiben lässt. Das Mysterium des namenlosen Planeten ist faktisch nur ein „MacGuffin“, wie Alfred Hitchcock es genannt hätte: Es gibt dem Geschehen eine Begründung und hält es in Gang, ohne letztlich von besonderer Bedeutung zu sein. Folgerichtig wird uns nur beschrieben, was auf dem Planeten vor sich geht, ohne dass uns der Verfasser über die tatsächliche Bedeutung aufklärt. Es bleibt bei Andeutungen, die der Leser letztlich selbst zu einem (möglichen) Bild zusammensetzen muss.

Ein Köder für die Bestie (= den Leser)

In der Tat ist das Rätsel von Shakespeares Planeten vom Verfasser primär als Köder für seine Leser gedacht. Eigentlich will Simak philosophisch werden und über die Zukunft des Menschen sinnieren. Diese wirft sicherlich spannende Fragen auf, deren Antworten womöglich nicht mit aus allen Rohren feuernden Raumschiffen oder Gehirne fressenden Weltraum-Monstern konkurrieren können. Als erfahrener Autor geht Simak deshalb auf Nummer Sicher: „Shakespeares Planet“ bietet Unterhaltung und Tiefsinn. Außerdem verteilt er die gewichtige Frage auf unterschiedliche Handlungsstränge und vermeidet es, uns mit der vollen Wucht seiner evolutionären Theorien zu konfrontieren.

Im Mittelpunkt steht Carter Horton, der gleichzeitig das lebende Bindeglied zwischen der ‚vergangenen‘ und der ‚zukünftigen‘ Menschheit darstellt. Horton hat sich in einer erdweiten Krisensituation bereiterklärt, auf eine Expedition zu gehen, die sich nunmehr als völlig sinnlos sowie vergessen herausstellt. Horton muss versuchen, sein Leben völlig neu zu orientieren. Die Ereignisse auf Shakespeares Planeten helfen ihm bei dieser ihm anfänglich unmöglich erscheinenden Aufgabe.

Unterstützung erfährt Horton durch die schriftlichen Aufzeichnungen Shakespeares. Sie bringt ihm zumindest im Umriss die tausend Jahre Menschheitsentwicklung näher, die er verschlafen hat. Unmittelbar mit dem ‚neuen‘ Menschen kommt Horton in Kontakt, als die Tunnelforscherin Elayne auf den Planeten gelangt. Nur in der Kombination der Informationen, die er auf diese Weisen erhält, kann sich Horton zusammenreimen, wie die Gegenwart beschaffen ist, in die es ihn verschlagen hat.

Dramen im Hintergrund

Während Horton, Nicodemus, „Fleischfresser“ und Elayne die Rätsel des Planeten ergründen wollen, spielt sich von ihnen unbemerkt ein ‚stilles‘ Drama ab: Das vor tausend Jahren auf der Erde gestartete Raumschiff ist keine reine Maschine. Es wird von drei Gehirnen gesteuert. Drei Menschen – eine Politikerin, ein Wissenschaftler und ein Mönch – haben ihre Körperlichkeit aufgegeben. Die Theorie kündigte an, dass sie ihre Individualität aufgeben und zu einem superintelligenten Über-Hirn zusammenfinden würden. Stattdessen sind die Gehirne Egos – und Egoisten – geblieben. Auch sie nutzen den Aufenthalt auf Shakespeares Planeten, indem sie in langen Diskussionen ihre Koexistenz auf eine neue Ebene stellen wollen: Das „Schiff“ sucht wie Horton einen Platz in der Gewaltigkeit des Universums. Die daraus resultierende Auseinandersetzung ist so intensiv, dass die drei Gehirne gar nicht bemerken, was auf dem Planeten vor sich geht.

„Fleischfressers“ sieht sich in einer ganz ähnlichen Notlage wie Horton gefangen. Ihm, dem Jäger, macht die Isolation des Planeten zu schaffen, die ihn seiner Bestimmung beraubt. Anders als Horton, das „Schiff“ und selbst Elayne macht sich „Fleischfresser“ wenig Gedanken um die Situation. Er konzentriert sich auf die Problemlösung, die hier in einer ‚Reparatur‘ des Tunnels bestünde. Shakespeare hat sich heimlich über ihn und seinen scheinbar simpel gestrickten Geist lustig gemacht, was „Fleischfresser“ durchaus bemerkt aber nicht geahndet hat. Er findet schließlich seine Erfüllung, als sich im planetaren Rätsel eine Nische für ihn auftut.

Einen weiteren ‚Gast‘ des Planeten lernt Horton im intelligenten „Teich“ kennen. Nach anfänglichen Missverständnissen gelingt zumindest eine oberflächliche Kommunikation zwischen zwei fremden Lebensformen. Die daraus gezogenen Erkenntnisse helfen Horton bei der Neuausrichtung seines Lebens.

Der Mensch und die Zukunft

Clifford D. Simak hat sich viele Gedanken über den zukünftigen Weg des Menschen gemacht und die in diesem Zusammenhang auftauchenden Fragen immer wieder als Schriftsteller thematisiert. Wohl am intensivsten ist ihm dies in seinem berühmten „City“-Zyklus gelungen, einer Sammlung von neun zwischen 1944 und 1973 entstandenen Erzählungen (dt. „Als es noch Menschen gab“), die chronologisch im ausgehenden 20. Jahrhundert einsetzen und Schlaglichter auf die Entwicklungen der nächsten Jahrzehntausende werfen.

„Shakespeares Planet“ geht quasi einen Schritt weiter. Der Mensch von Hortons Zukunft hat den eigenen Heimatplaneten hinter sich gelassen. Die Evolution hat ihn – womöglich zu früh – in einen Kosmos stürmen lassen, der ihn aufnahm und verschlang. Nun gibt es nicht „die Menschheit“ mehr, sondern nur mehr isolierte Menschengruppen, die voneinander in der Regel nichts mehr wissen. Diese Zersplitterung ist Schicksal und Möglichkeit gleichzeitig: In einer Welt, die sich selbst verloren hat, sind selbst in Zeit und Raum Verlorene wie Horton und das „Schiff“ ihres Glückes Schmiede.

Obwohl die Protagonisten von „Shakespeares Planet“ einander verlassen oder sogar sterben, wirkt dieser Ausklang sacht optimistisch. Simak ist kein Freund drastischer ‚Lösungen‘. Mit dem Ende des Romans haben sich die Probleme und Nöte seiner Figuren keinesfalls in Wohlgefallen aufgelöst. Aufgetan haben sich immerhin alternative Wege zu deren Bewältigung. In diesem Prozess liegt die eigentliche Spannung der Handlung. Deshalb kann Simak auf „Action“ konsequent verzichten und die Humanität in den Vordergrund stellen, um es vereinfachend auszudrücken.

Er geht damit ein Risiko ein. „Shakespeares Planet“ gilt auch der Kritik als spätes ‚Nebenwerk‘. Tatsächlich gelingt dem Verfasser die Kombination von Unterhaltung und Gedankentiefe nicht so perfekt wie z. B. 1963 in „Way Station“ (dt. „Raumstation auf der Erde“). Der grundsätzliche Tenor wird dennoch deutlich. Der typisch simaksche, d. h. einfache aber keineswegs simple Erzählstil trägt zur Lesbarkeit beträchtlich bei. Zudem walzt der Verfasser – angenehm puristisch in der Frage nach der Tragfähigkeit einer Plot-Idee – seine Geschichte nicht über Gebühr aus, sondern kommt nach 160 Seiten zu einem angemessenen Ende.

Autor

Clifford Donald Simak wurde am 3. August 1904 in Mil(l)ville, einem Städtchen im Südwesten des US-Staates Wisconsin, geboren. Naturwissenschaft und Journalismus waren seine frühe und lebenslange Leidenschaft. Simak studierte an der Universität von Wisconsin und wurde 1922 zunächst Lehrer. 1929 wagte er den Absprung und wurde für diverse Zeitungen des Mittelwestens tätig. Ab 1939 war er fest beim „Minneapolis Star“ angestellt, wo er bis 1976 blieb und u. a. die Wissenschaftsbeilage betreute.

Der junge Simak war von den Science-Fiction-Magazinen fasziniert, die in den 1920er Jahre erschienen. Er wurde bald selbst schriftstellerisch aktiv. Eine erste Kurzgeschichte erschien 1931 in Hugo Gernsbacks „Wonder Stories“. 1938 wechselte Simak als Autor zu „Astounding Science Fiction“. Unter dem charismatischen Herausgeber John W. Campbell jr. (1910-1971) begann er seine eigene Stimme zu finden. In den nächsten Jahren entstanden jene Storys, die 1952 zum „City“-Zyklus zusammengefasst wurden.

Obwohl Simak zu den Gründervätern der Science Fiction gezählt wird, begann seine eigentliche Karriere erst nach dem II. Weltkrieg. Der Autor sperrte sich gegen aktuelle Modeströmungen und blieb ‚seiner‘ SF treu. Einfache Männer bilden seine Hauptfiguren: Handwerker, Journalisten, Lehrer, oft am Rande der Gesellschaft lebend, etwas verschroben aber aufgeschlossen, tolerant und neugierig (sowie in der Regel begleitet von einem Hund). Gern lässt Simak das Fremde in den vertrauten Landschaften des Mittelwestens auftauchen, wo außerhalb der großen, anonymen Städte Männer und Frauen in übersichtlichen Gemeinschaften leben und gesunder Menschenverstand allemal über weltfremdes Spezialistentum gestellt wird.

Mit seinen ‚pastoralen‘ SF-Werken schuf sich Simak eine literarische Nische, in der er sich behaglich einrichtete. Selbst die eifrigen und manchmal eifernden Vertreter der „New Wave“, die Ende der 1960er Jahre der SF grundlegende neue Impulse gaben, ließen ihn in Ruhe. Schon 1973 wurde Simak in die „Science Fiction Hall of Fame“ aufgenommen. In den 1970er Jahren erweiterte er sein Repertoire und verfasste erfolgreiche Fantasy-Romane. Erst sein Tod am 25. April 1988 in Minneapolis setzte dieser erstaunlichen, fast sechs Jahrzehnte umspannenden Karriere ein Ende.

Copyright © 2010/2016 by Michael Drewniok (md)

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