Tristopolis

John Meaney
Tristopolis

(sfbentry)
Titel der Originalausgabe: Bone Song (2007)
Heyne
ISBN 978-3-45352-295-4
Science Fiction, 2007
Übersetzung: Peter Robert
Titelbild: Franz Vohwinkel
514 Seiten

Titel erhältlich bei Booklooker.de

Auf den ersten Blick wirkt das gut 500 Seiten starke Softcover nicht gerade verführerisch. Ein Cover mit öden grauen Mauern einer dystopischen Stadt im billigen Goth-Stil, darüber der depressiv klingende Titel und ein Klappentext, der von Knochen und Polizei-Routine spricht. Tatsächlich entführt uns John Meany jedoch in eine Welt, die in dieser Form einzigartig ist. Der Klappentext spricht von einer weit entfernten Zukunft, die sich jedoch hier ganz anders darstellt, als man es gemeinhin von Entwürfen des siebten Jahrtausends gewohnt ist. Nichts weist auf eine Vergangenheit unserer Erde hin und Tristopolis könnte ebenso gut in einer Parallelwelt spielen. Nur einmal platziert Meany eine Anspielung auf unsere Welt, als sein Protagonist in einem Groschenroman von einer Welt liest, die unserer gar nicht so unähnlich scheint.

In der düsteren Stadt Tristopolis erhält Polizei-Inspektor Lieutnant Donal Riordan einen brisanten Auftrag. Nachdem eine Reihe bedeutender Künstler ermordet wurde, befürchtet man, dass sie es nun auf eine berühmte Opern-Diva abgesehen haben, die sich just für den Besuch in Tristopolis angekündigt hat. Riordan wird zu ihrem persönlichen Schutz abkommandiert und ist fortan rund um die Uhr für die eindrucksvolle Persönlichkeit im Einsatz, die allgemein nur Die Diva genannt wird. Trotz schärfster Bewachung und höchstem persönlichen Einsatz kann Riordan nicht verhindern, dass Die Diva getötet wird. Zwar kann er den Dirigenten der schaurigen Vorstellung eliminieren, doch die wahren Hintermänner bleiben verborgen. Nur knapp überlebt Riorden jene mächtige Magie, die ihn zum Teil der nekrophilen Verschwörung macht. Mit Riordans Genesung und anschließender Versetzung scheint der Fall beendet, doch handelt es sich hierbei eher um ein retardierendes Moment, wenngleich noch drei Viertel des Romans vor einem liegen.

Als Teil einer Sonderermittlungsgruppe nimmt Riordan die Ermittlungen unverhofft wieder auf. Zu seinen Weggefährten gehören dabei neben seiner untoten Chefin auch ein Geist und ein Mann dessen Motorrad mehr Leben in sich trägt als mancher Bewohner von Tristopolis. Im Lauf der Zeit werden die Ermittlungen dabei immer interessanter. Was dem Leser zu Beginn vielleicht noch wie eine Konspiration verrückter Kunstsammler erscheinen mag, entwickelt sich zu einem Lügennetz, das bis in die obersten Etagen der Politik reicht. Das Team muss einige herbe Rückschläge einstecken und als die Spuren an die Spitze des Polizeipräsisiums führen, begeben sich Riordan und seine Mitstreiter in höchste Gefahr. Die Entscheidung wird schließlich herbeigeführt, als Donal Riordan dem nicht weniger kuriosen Illurium einen Besuch abstattet. Die phantastischen Eigenschaften dieses Rechtsgebildes werden zwar nur angedeutet, doch bewegt sich die Geschichte nun ohnehin mit großen Schritten dem Ende zu. Nach einem rasanten Finale erwartet der Leser vermutlich ein klassisches Ende im Hollywood-Stil. Doch auch hier findet Meany einen Weg, der Szene seinen ‚tristen‘ Stempel aufzudrücken und einen entsprechend düsteren Ausgang seine Geschichte zu erzählen.

Inhaltlich weiß Tristopolis mit einigen Zutaten aufzuwarten, die man in dieser Komposition noch nicht gesehen hat. Hier liegt kein Science-Fiction im eigentlichen Sinne vor. Bei genauerer Betrachtung werden vielmehr verschiedene Elemente aus Horror und Fantasy zu einem Setting verbunden, in der Meany seine Detektiv-Geschichte erzählt. Die Horror-Elemente stehen dabei im Zentrum des Ganzen. Die hiesige Gesellschaft ist nicht nur düster angehaucht, es geht weit darüber hinaus. Energie wird in Tristopolis aus den Toten gewonnen, das magische Necroflux ist das Medium und die Knochen der Toten sind der Treibstoff. Da die Macht der Knochen besonders bei Künstlern und Ausnahmebegabten ungeahnte Höhen erreichen kann steht dieser Aspekt auch im Zentrum der Geschichte. Magie findet sich derweil primär als Manifestation von Geistern, die nicht zwangsläufig Totengeister sein müssen. Sie übernimmt hier die Rolle dessen, was anderorts die Technik erledigt. Eine ganze Gesellschaft, deren Fortschritt darauf fußt, dass Geister den Fahrstuhl betreiben, wirkt für die meisten Leser im ersten Moment wohl unvertraut, dreht jedoch letztlich nur den Satz um, dass Technologie ab einem gewissen Niveau nicht mehr von Zauberei zu unterscheiden sei. Zusammengehalten wird alles durch die Geschichte und die dazu passende Atmosphäre. Das Department, eine Stadt voll düsterer Schatten und Gestalten die im Regen ungenannten Verbrechen nachgehen, formen eine Atmosphäre nach dem Vorbild der Detektivgeschichten der 40er Jahre. Fast erwartet man Dixon Hill hinter der nächsten Ecke, wie er Nick die Nase in die Mangel nimmt.

Es ist bemerkenswert, wie es Meany gelingt, seine inhaltlichen Konzepte auch sprachlich umzusetzen, so dass die Phantasie des Lesers entsprechend angeregt wird. Dabei beschränkt er sich nicht auf Schilderungen dunkler Tunnel und singender Knochen. Wenn Donal Riordan seine Ermittlungen mit einem gelegentlichen „Thanatos“ würzt, dann wird deutlich, dass die Figuren nicht nur vor dunkler Kulisse spielen, sondern Teil dieser befremdlichen Welt sind, die doch irgendwie unheimlich vertraut erscheint. Einige Themen lässt Meany allerdings auch links liegen. Die Geschichte entwickelt sich rasant und es bleibt insgesamt wenig Zeit für Ausführungen der Gefühlswelt. Dennoch klingen immer wieder solche emotionalen Themen an. Angefangen bei der Diskriminierung von Geistern und Untoten, über die morbide Liebesbeziehung der Protagonist bis zu den verführerischen Träumen der singenden Knochen, werden immer wieder solche Inseln farbiger Emotionen gesetzt, die aus dem grauen Sumpf des Verbrechens herausragen. Leider ist Meany auch hier sehr kreativ ohne dabei jedoch ein Thema wirklich weiter zu verfolgen. So bleiben diese Dinge letztlich von Schatten verborgen und der Leser muss sich seinen Teil dazudenken.

Fazit

Einige Zeit hatte ich mich an Tristopolis nicht herangewagt. Zu abgedreht und lahm erschien mir die Story. Tatsächlich verbirgt sich hinter dem Einband jedoch eine rasante Detektivgeschichte voller Ideen, die immer wieder zu fesseln vermag. Sicher könnte die Geschichte gelegentlich etwas stringenter sein, doch gerade das episodenhafte trägt vielleicht auch zur Atmosphäre bei, die dem Leser bei aller Fremdartigkeit so vertraut vorkommt. So gelingt es Meany ein hohes Tempo durchzuziehen, ohne dass der Leser durch Zombie-Vorgesetzte oder Geister-Kollegen verwirrt wäre. Bisweilen sind es sogar gerade diese Elemente, die auf paradoxe Weise das Gefühl von Vertrautheit noch verstärken, indem sie gewisse Eigenschaften besonders pointiert darstellen. Wer sich auf den morbiden Charme von Tristopolis einlassen kann und die Bildsprache alter Humphrey Bogart Filme zu schätzen weiß, der wird mit diesem Roman sicher seine Freude haben.

Copyright © 2011 by Johannes Heck

Titel erhältlich bei Booklooker.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.