Zu Tisch in Deviants Palast

Tim Powers
Zu Tisch in Deviants Palast

Heyne / Science Fiction & Fantasy Taschenbuch (4582)
346 Seiten
ISBN 3453034481
Originaltitel: Dinner At Deviants Palace (1985)
Erschienen: 1989
Übersetzer: Walter Brumm
Titelbild: Don Macpherson

Rivas ist ein alternder Held, der – ich weiß noch immer nicht genau, warum – mich an Sean Connery aus „Robin und Marian“ erinnert; nur ist Rivas zunächst ungleich erfolgloser. Rivas lebt in den Rudimenten einer ehemals amerikanischen Stadt, die wohl einst L.A. (im Roman Ellay) war, in irgendeiner Zukunft. Die Zivilisation hat ihren Höhepunkt überschritten. Aber es handelt sich hier um keinen Endzeitroman herkömmlicher Art. Rivas ist weder Adam noch Mad Max. In dieser postmodernen Welt lebt man nicht schlechter als im Mittelalter, verfügt sogar noch über Relikte der Vorzeit. Die Welt strotzt zwar vor Gefahren, doch man kann sich einrichten. Rivas ist ein ehemaliger Befreier, ein Mann, der junge Leute per Auftrag ihrer reichen Eltern vor einer Sekte rettet. Diese Sekte huldigt einem Guru, Priester, Gott – Jaybush.

Seltsame Menschen hat diese atomar verseuchte Welt hervorgebracht – Mutanten, Fahrrad fahrende Rocker, die Pfeifer (Benzin ist rar), Mädchenhändler und die Pocaloca, wahnsinnig aggressive Weiber, die aus der genannten Sekte ausschieden und nun im Auftrage ihres Herrn vor allem Musiker angreifen. Sie erinnern an die antiken Baccantinnen.
Sie alle gehören zum Alltag. Powers ergeht sich nun aber nicht in seitenlangen Milieuschilderungen, die dem Leser Authentizität suggerieren sollen, aber oft nur von der Handlung wegführen. Rivas hat sich eigentlich längst zurückgezogen, spielt jetzt recht erfolgreich auf einem Instrument namens Pelikan in einer Kneipe. Doch seine Vergangenheit holt ihn ein. Erst wehrt er sich gegen den neuen Auftrag, ein Mädchen aus den Fängen der Sekte zu befreien, doch dann lockt viel Geld und die Tatsache, dass dieses Mädchen seine geheime Jugendliebe ist.

Rivas ist ein Routinier. Er schleicht sich in die Sekte ein und nimmt an dem Ritual teil, das die Anwärter mit ihrem Gott in Einklang bringen soll, bei dem sie total wegtreten und mit der Zeit ihre eigene Identität und ihren Verstand verlieren. Rivas will bei Bewusstsein bleiben, was ihm auch gelingt, aber dann geht doch etwas schief, er ist halt nicht mehr der Jüngste. Auf den nächsten 200 Seiten rutscht er immer tiefer die „Schissgasse“ hinunter. Powers lässt den Leser nicht von Schmerzen, Schmach und totaler Erschöpfung erfahren, er lässt es ihn quasi psychisch miterleben. Mit unserem Helden geschieht nun im Grunde dasselbe, wie mit Crawford in „Die kalte Braut“, auf faszinierende Weise führt Powers sein spezifisches Weltbild an Hand zweier fiktiver Biographien vor. Rivas ist Crawford – ein ewiger Held? Auf jeden Fall handelt es sich um eine tragische Figur, wie sie die SF selten hervorbrachte.

Was passiert mit Rivas/Crawford? Zum einen ist da der Alkohol – zunächst als Beruhigungsmittel, dann ein Medium, um einer gefährlichen Realität zu trotzen. So kann Rivas sich mit Alkohol im Blut dem Sakrament entziehen, muss nicht der geistigen Zersetzung verfallen, wie die Sektenmitglieder. Alkohol, Rauschgift als Mittel zur Erkenntniserweiterung? Wie dem auch sei. Powers ist aber bestimmt kein Drogenapostel, kommt aber hier in Dick’sche Nähe.

Auffallend sind in beiden Romanen die ausführlichst beschriebenen Akte der Selbstverstümmelung, die so brillant und motiviert in die Handlung integriert werden, dass es einem schon mal einen eisigen Schauer über den Rücken jagt. Das Sichzufügen von Schmerzen und das Fliessenlassen eigenen Blutes sind für die Protagonisten oft das letzte Hilfsmittel, um sich übermächtiger Feinde zu entziehen. Crawford und Rivas verlieren so 1 bzw. 2 Finger, Crawfords Begleiterin kratzt sich ein Auge aus. Beide Helden locken mit ihrem Blut Vampirwesen an. Vampire in der Phantastik sind out? Seit Powers bestimmt nicht mehr! Der Vampir wird bei ihm zum alter Ego der Protagonisten, zur düsteren Seite ihrer selbst, von der sie sich befreien wollen – in „Die kalte Braut“ ist dies Hauptthema, in „Zu Tisch…“ Parallelhandlung. Auf der postatomaren Erde entwickelten sich Blutelfe, die, haben sie erst mal Blut geleckt, sich an „ihren“ Menschen anhängen, ihn auszusaugen und in ihren Bann zu ziehen versuchen.

Rivas kann „seinen“ Blutelf nicht töten, wird ihn am Ende nur los, indem er ihn gegen Jaybush ausspielt. Vampire (Nephelime in „Die kalte Braut“) sind sehr wichtige Bestandteile in Powers komplexer SF-Welt. Jaybush nun wird am Ende als Außerirdischer und Seelenfresser entlarvt, wobei Rivas noch rechtzeitig einfällt, was ihm Jaybushs Gedanken im Blut-Rausch eingaben. („Blut“ ist hier eine u.a. aus Menschenblut gewonnene Droge.) Jaybush floh von einer anderen Welt vor Vampirwesen, die einzig übrig geblieben sind, nachdem Jaybush die dortigen Lebewesen ausgesaugt hatte – ein Schicksal, das nun den Menschen droht.

Zum Ende der Handlung besiegt Rivas unter großen Strapazen dieses Fremdwesen, das übrigens in seiner „Urform“ ein Kristall ist – also verwandt mit der uralten Vampirrasse der Nephelime aus „Die kalte Braut“, deren Biologismus auf mineralischer Basis beruht. Wiederum eine Parallele, ein Mosaiksteinchen in Powers Universum. Ein weiteres Element ist die jeweilige Entlarvung des bösen Überwesens, eines absolut bösartigen Zauberer Oz, den man letztendlich recht leicht zur Strecke bringen kann, kennt man sein Geheimnis. Zum Ziel gelangen beide Protagonisten aber nur über eine Phase verzehrender Erschöpfung, die fast zum Tode führt. Als Sieger übrig bleiben gealterte, ausgelaugte und gebrechliche Greise. Verbirgt sich hinter dieser fast mystisch anmutenden Metapher der Wunsch des Autors nach einem zwar erschwerlichen, aber erfüllten Leben? Seine Helden kosten jedenfalls ihre Lebenskraft voll aus.

Am Ende vernichtet Rivas die menschliche (?) Inkarnation Jaybushs, der auch Deviant und Sevatividam ist. Aber das kristallene Wesen kann nicht zerstört werden, würde höchstens in der Glut der Sonne schmelzen. Was bleibt ihm anderes, als den Kristall als Amulett um seinen Hals zu tragen, immer auf der Flucht vor den ehemaligen Anhängerinnen Jaybushs, die ihren Herrn aufspüren wollen, um ihn wieder zu beleben. Ob Rivas es schafft?

Tim Powers verschaffte mir ein zweites Mal ein rasantes Leseerlebnis. Nun ja, es liegen noch weitere zwei Romane von seiner Hand im Deutschen vor… (Thomas Hofmann)

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Zu Tisch in Deviants Palast. Roman.

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